Der tiefe Fall des Jan Ullrich
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München - Nach einem Streit mit Nachbar Til Schweiger wird Jan Ullrich festgenommen. Nicht die erste negative Schlagzeile. Wie steht es wirklich um Deutschlands Rad-Helden?

Es war ein weiterer Tiefpunkt im Leben des Jan Ullrich. In Handschellen und mit nacktem Oberkörper wurde der gefallene Rad-Star zum Gerichtsgebäude auf Mallorca gebracht.

Am Freitagabend hatte Ullrich offenbar versucht, in das Grundstück seines Nachbarn Til Schweiger einzudringen, während der Schauspieler dort Besuch hatte.

Wegen "gewaltsamen Eindringens und Bedrohung" wurde der Ex-Sportler von der spanischen Polizei festgenommen. Im Interview mit der Bild-Zeitung will Ullrich davon aber nichts wissen. 

Demnach wollte er sich vom Schauspieler nur verabschieden, weil dieser Mallorca demnächst verlässt. Ullrich habe gerufen, es habe aber niemand gehört. Als Ullrich den Garten betrat, sei es zu Wortgefechten und einer Berührung an der Schulter gekommen. 

Kontakt mit Til Schweiger untersagt

Mittlerweile ist Ullrich wieder auf freiem Fuß, darf sich Schweiger aufgrund einer einstweiligen Verfügung aber nicht nähern.

Es ist nicht das erste Mal, dass der in Rostock geborene 44-Jährige mit der Polizei in Kontakt kam. 2014 verursachte er in der Schweiz unter Alkoholeinfluss (1,4 Promille) einen schweren Autounfall. Zwei Menschen wurden verletzt, an drei Autos entstand ein Totalschaden.

Vom Gericht wurde er anschließend zu 21 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Bereits 2002 war er an einem Autounfall schuld. Ebenfalls alkoholisiert fuhr er einen Radständer um, beschädigte diverse Fahrräder und flüchtete – dafür erhielt er eine Geldstrafe.

Wie schlimm steht es um Jan Ullrich?

Unumstritten ist Jan Ullrich der erfolgreichste deutsche Radprofi aller Zeiten. Er hat die Tour de France gewonnen, wurde Olympiasieger, Weltmeister und gewann die Vuelta. An der außergewöhnlichen sportlichen Leistung gibt es keinen Zweifel.

Immer mehr Fans machen sich allerdings Sorgen. Wie schlimm steht es wirklich um das Idol einer ganzen Generation?

Vergleiche zu Marco Pantani werden laut und zeichnen ein düsteres Bild. Der Italiener, der bis heute als einziger Tour und Giro innerhalb eines Jahres gewinnen konnte, starb im Alter von nur 34 Jahren. 

Nachdem er 1999 wegen Dopings vom Giro d'Italia ausgeschlossen wurde, begann Pantani Kokain zu nehmen und starb wenig später an einer Überdosis.

Alkohol schuld an Ehe-Aus?

Auch Ullrich kam bereits mit Drogen in Verbindung. 2002 fanden Doping-Ermittler Amphetamine in seinem Blut. Der Sportler gab anschließend einem Unbekannten die Schuld. Dieser soll ihm in einer Disco zwei Ecstasy-Pillen angedreht haben. Das Thema Alkohol spielte bei Ulrichs Verkehrsdelikten eine Rolle.

Jan Ullrich
Jan Ullrich und seine Frau Sara sind nicht mehr zusammen © Getty Images

Inwieweit Ulrichs Lebenswandel im Zusammenhang zur Trennung von Ehefrau Sara steht, ist nicht bekannt. An Ostern zog die 39-Jährige einen Schlussstrich unter die Beziehung. Mit den drei gemeinsamen Kindern zog sie zurück ins Allgäu.

Jan Ullrich gesteht Drogeneinnahme

Für Ullrich ein schwerer Schlag, der nicht ohne Konsequenzen blieb.

"Aus Liebe zu meinen Kindern mache ich jetzt eine Therapie. Die Trennung von Sara und die Ferne zu meinen Kindern - die ich seit Ostern nicht gesehen und kaum gesprochen haben, haben mich sehr mitgenommen. Dadurch habe ich Sachen gemacht und genommen, die ich sehr bereue", sagte er im Interview mit der Bild-Zeitung.

Eine Drogensucht bestreitet der 44-Jährige vehement. Laut seines Anwalts Wolfgang Hoppe ist bereits seit einiger Zeit ein Platz in einer Klinik in Deutschland reserviert. "Jan kann dort jederzeit hin. Wir hoffen alle, dass er schnell wieder auf die Beine kommt und werden ihn dabei so gut wie möglich unterstützen", sagte Hoppe der Bild.

Vater gewalttätig

"Niemand hat so ein vernarbtes Herz wie ich", ließ Ulrich vor einiger Zeit die Außenwelt an seinen Gefühlen teilhaben.

Erste Narben erhielt die Seele von Jan Ullrich bereits in dessen Kindheit. Sein Vater brachte ihm das Radfahren bei, dann wurde dieser gegenüber seiner Ehefrau und seinem Sohn gewalttätig. Kurze Zeit später verschwand Werner Ullrich für immer.

Erinnerungen werden verdrängt

"Vielleicht ist die Fähigkeit, unangenehme Erinnerungen zu verdrängen, in der Zeit mit meinem Vater entstanden", schrieb Ullrich in seiner Biografie "Ganz oder gar nicht".

"Als ich 2002 in eine tiefe Krise geriet, habe ich meine Fehler, meine Ausrutscher, meine Schwindeleien auch schnell wieder vergessen. Ich konnte sie einfach ausblenden, und weg waren die Probleme."

Diese Einstellung hat Ullrich auch beim Thema Doping geholfen. Als 2006 Beutel mit Ullrichs Blut beim spanischen Doping-Arzt Eufemiano Fuentes gefunden wurden, wurde er von der Tour ausgeschlossen.

Jan Ullrich bestreitet Doping nicht

Auch wenn ihn nie ein positiver Befund überführte, Teilnahme an Doping-Programmen bestreitet Ullrich nicht.

Jan Ullrich
Jan Ullrich bestreitet nicht, an Doping-Praktiken beteiligt gewesen zu sein © Getty Images

"Fast jeder hat damals leistungssteigernde Substanzen genommen. Ich habe nichts genommen, was die anderen nicht auch genommen haben. Betrug fängt für mich dann an, wenn ich mir einen Vorteil verschaffe. Dem war nicht so", so der Sportler. Aufarbeitung oder Abschluss mit der Vergangenheit fallen ihm immer noch schwer.

Nach der Karriere begannen die Probleme

Denn der Sport gab ihm seit der Kindheit den nötigen Halt, zunächst an der Sportschule in Berlin, später in seinen Profiteams. Nach dem unrühmlichen Karriereende fehlten diese Mechanismen und Bezugspersonen, so begannen die Probleme.

Dabei ist Ullrich immer noch extrem beliebt. Die kundigen Radsport-Fans halten ihm die Treue. Das kann man zum Beispiel an dem bekannten Jedermann-Rennen "Ötztaler Radmarathon" sehen. Bei seinen diversen Teilnahmen muss er immer wieder für Autogramme stoppen, dennoch erreichte er 2014 bei dem brettharten Rennen einen beachtenswerten 33. Gesamtrang.

Daran sieht man auch, dass Ullrich zumindest körperlich noch richtig gut in Form ist. Der 44-Jährige muss aber nun endlich versuchen, sein Leben wieder in den Griff zu kriegen.

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