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Eddy Merckx (r.) wurde 1969 unter dubiosen Umständen vom Giro ausgeschlossen
Eddy Merckx (r.) wurde 1969 unter dubiosen Umständen vom Giro ausgeschlossen © Getty Images
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Brüssel - Eddy Merckx ist die größte Radsport-Legende aller Zeiten. Als Kannibale wurde er geliebt, gehasst und auch mal in Gelb niedergeschlagen. Nun wird er 75.

Im Sommer des Vorjahrs schmiss das Radsport-verrückte Belgien seinem großen Sohn Eddy Merckx eine gigantische Party, als der Start der Tour de France 2019 in der Hauptstadt ganz zu Ehren des "Kannibalen" und seinem ersten Tour-Sieg 50 Jahre zuvor gefeiert wurde.

Corona sorgt nun dafür, dass der 75. Geburtstag des erfolgreichsten Radprofis der Geschichte deutlich stiller ausfällt - und dennoch ist Baron Edouard Louis Joseph Merckx auch Jahrzehnte nach seinem Karrierende noch sehr präsent.

"Manchmal ist es zuviel, die Selfies und Interviews ohne Unterlass. Es ist schwierig, hier in Belgien Eddy Merckx zu sein", sagte der Radsport-Rentner, dem der etwas kleinere Bahnhof zum Ehrentag deshalb nicht ganz ungelegen kommt.

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Merckx fällt das Altern schwer

Ohnehin kann sich Merckx auch aufgrund diverser körperlichen Wehwehchen nicht unbedingt mit dem Altern anfreunden. 2014 musste er sich einem kleinen Eingriff am Herzen unterziehen, 2019 stürzte ausgerechnet er, der König der Landstraße, schwer vom geliebten Rad und landete im Hospital. "Schon als ich 40 wurde, hatte ich es nicht leicht. 70 zu werden, fiel mir noch schwerer", sagte Merckx - nun also die 75.

Einst schien Merckx praktisch unverwundbar, er war eine schiere Naturgewalt. Niemand hat den Radsport so dominiert, niemand vor, niemand nach ihm, wie der Alleskönner aus Flämisch-Brabant. Kein Fausto Coppi, kein Jacques Anquetil, kein Miguel Indurain.

525 Rennen hat Merckx in 14 Profijahren gewonnen, fünfmal die Tour de France, fünfmal den Giro, einmal die Vuelta. Er feierte die meisten Tour-Etappensiege, die meisten Tage im Gelben Trikot. Dazu kommen drei WM-Titel, sieben Triumphe bei Mailand-Sanremo, drei Siege bei Paris-Roubaix. Sein 1972 in Mexiko-Stadt aufgestellter Stundenweltrekord hatte 28 Jahre Bestand.

Unter all diesen Siegen ragt aber die Tour 1969 hervor, sie begründete seine Legende, seinen Ruf als radsportlicher Allesfresser. Bei jener Großen Schleife begnügte sich Merckx nicht damit, sie nur zu gewinnen.

Hinault: "Sportlich gesehen ein Killer"

Als Merckx am 20. Juli 1969 Paris erreichte - und im Gesamtklassement knapp 18 Minuten Vorsprung besaß -, hatte er sieben Etappen gewonnen, sich neben dem Gelben auch das Sprintertrikot, die Bergwertung, die Kombinationswertung, den Preis für den kämpferischsten Fahrer und mit seiner Faema-Mannschaft die Teamwertung geschnappt - nach heutigen Maßstäben schier unvorstellbar. 

"Sportlich gesehen war er ein Killer. Er wollte alles gewinnen, dafür wurde er geboren. Eddy siegte auf allen Terrains, am Berg, im Sprint, gegen die Uhr. Es war der Höhepunkt dessen, was im Radsport erreicht wurde", sagte Frankreichs Radsport-Idol Bernard Hinault.

Schlag in den Magen in gelb

Der "Kannibale" war nicht nur zu den Kontrahenten unerbittlich - auch sich selbst gegenüber. 1968 fährt er den Giro d'Italia mit einer lebensbedrohlichen Herzerkrankung zu Ende. Natürlich als Sieger. "Ich gewinne, weil ich mich am meisten quälen kann", erklärte Merckx danach sein Erfolgsrezept.

In Frankreich war er nicht zuletzt wegen seiner Dominanz nie der Beliebteste, im Gelben Trikot wird er 1975 kurz vor Ende der 14. Etappe von einem Zuschauer in den Magen geschlagen. Merckx kämpft sich durch, aber büßt Vorsprung auf den Franzosen Bernard Thévenet ein. Unter Schmerzmitteln verliert er einen Tag später gelb und sollte es nie wieder tragen.

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Merckx bleibt Tour de France treu

Merckx ist ein streitbarer Begleiter des Radsportgeschehens geblieben, seine teils grummeligen Eingaben sind in Belgien Tagesgespräch. Zudem bleibt er der Tour als Begleiter treu.

Es gibt aber dunkle Flecken: 1969 wurde er unter bis heute dubiosen Umständen wegen Dopings vom Giro ausgeschlossen. Merckx beteuerte seine Unschuld. Es hält sich das Gerücht, Italiener hätten ihm eine verunreinigte Wasserflasche untergeschoben, um Landsmann Felice Gimondi zum Sieg zu verhelfen - was dann auch passierte. 

Diese Art Eingriffe waren in den frühen Jahrzehnten des Radsports nicht unüblich. Merckx' Sperre wurde vor der folgenden Tour aufgehoben. 

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1973 wurde Merckx positiv auf ein Medikament getestet, dass in ihm vom Teamdoktor verschriebener Hustenmedizin enthalten war. Der Belgier gab die Einnahme zu, betonte aber, das fragliche Medikament hätte nicht auf der Packung gestanden. Merckx wurde für einen Monat suspendiert - genau wie 1977. Damals wurden er und andere Fahrer beim Fleche Wallonne positiv getestet.

Mann muss allerdings betonen, dass die Mittel zu jener Zeit kaum zur Leistungssteigerung beitrugen. EPO oder Drogen wie zu Lance Armstrongs Zeiten gab es damals nicht.

Der Kannibale ist also bei weitem kein Produkt des Labors. Er ist und bleibt der größte Radfahrer aller Zeiten.

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mit Sport-Informations-Dienst (SID)

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