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Ilie Nastase 1977
Ilie Nastase 1977 © Getty Images
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München - Ein Niederbayer revolutionierte für eine Weile mit seiner Erfindung in den 70ern die Tenniswelt. Seine Schläger sorgten für Top-Spin und Frustration bei Profis.

Am 2. Oktober 1977 betritt der Argentinier Guillermo Vilas mit seiner unverkennbar dunkelhaarigen, lockigen Mähne, die unter dem Stirnband klemmt, und dem figurbetonten Outfit, den Sandplatz.

Im Finale des Aix-en-Provence Turniers wartet auf ihn der Rumäne Ilie Nastase, zu dem Zeitpunkt Achter in der Tennisweltrangliste.

Vilas hat nichts zu befürchten, der Favorit ist seit 53 aufeinanderfolgenden Partien auf Sand ungeschlagen. Womit er nicht rechnen kann: An diesem Tag wird ihn ein geradezu revolutionärer, doppelsaitiger Tennisschläger in die Knie zwingen.

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Das Spaghetti-Experiment

Fünf Jahre vor dem denkwürdigen Finale bei den Aix-en-Provence Finals sitzt Werner Fischer, leidenschaftlicher Tennisspieler und Mitglied des TC Grün-Weiß Vilsbiburg im Landkreis Landshut, in seiner Gartenlaube, tüftelt an einem Tennisschläger und ahnt noch nichts vom riesigen Wirbel, den er mit seiner Erfindung in der Tenniswelt auslösen würde.

Zu diesem Zeitpunkt gibt es noch keinerlei Normierung die Tennisrackets betreffend, somit durchlief deren historische Entwicklung bereits unter anderem unterschiedliches Material und verschiedene Bespannungsarten.

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Die mittlerweile auf dem Markt etablierten Aluminiumschläger ermöglichen - im Gegensatz zu den Holzschlägern - eine flexibler gestaltbare Bespannung des Tennisrackets.

Fischer, der sich in seiner Freizeit gerne handwerklicher Arbeit widmet, experimentiert nun also mit den neugewonnenen Bespannungsmöglichkeiten und landet einen Coup, von dem in erster Linie auch seine Vereinsfreunde profitieren. Seine Erfindung sollte später als Spaghetti-Bespannung, Vilsbiburger , oder Fischerpatsche ins Tennisvokabular eingehen.

Was hat es mit der Spaghetti-Bespannung auf sich?

Die Vilsbiburger oder Fischerpatsche - das sind einleuchtende Namen - weisen sie doch auf ihren Geburtsort und den Namen ihres Erfinders hin. Um den Hintergrund des dritten Spitznamens zu verstehen, hilft ein Blick auf die Optik der Bespannung. (So sieht der Spaghetti-Schläger aus)

Fischers Motivation liegt damals primär in der Herstellung des für den Ball größtmöglichen Spins. Dazu bespannt er die Längssaiten doppelt und fädelt im Zwischenraum fünf einfache Quersaiten hindurch.

Die Quersaiten sind nicht, wie heute verlangt, mit den vertikalen Saiten verwoben. Die Schnittstellen der Quer- und Längssaiten befestigt Fischer mit kleinen, hohlen Plastikröhren, die eben an Spaghetti-Nudeln erinnern und tatsächlich die gewünschte Wirkung zeigen.

Selbst bei harmlosen Schlägen wird ein extremer Spin erzeugt, der folglich schwächeren Spielern einen Vorteil verschafft.

Team steigt überraschend in Bundesliga auf

Die Spieler in Fischers Heimatverein sind von dieser bahnbrechenden Innovation begeistert, einige lassen sich die Besaitung sogleich aufziehen – mit Erfolg: Das Team steigt in die Bundesliga auf.

Die Nachricht über die Wunder-Bespannung schlägt international Wellen und immer mehr Spieler lassen sich ihre Tennisrackets im niederbayerischen Städtchen auf Spaghetti-Art besaiten.

Sehr zum Unmut ihrer Gegner, denn die Flugbahn des Balles stellt sich als nunmehr unberechenbar und eigensinnig heraus.

Die Beinahe-Revolution findet ein jähes Ende

Genau diese Unberechenbarkeit retournierter Bälle bringen das Tennis-Ass Guillermo Vilas vor genau 42 Jahren beim Finale in Frankreich in Rage - Gegner Nastase war mit einem solchen Spaghetti-Racket angetreten.

Nach zwei verlorenen Sätzen (1:6, 5:7) wirft Vilas wütend und frustriert das Handtuch und stapft vom Platz. "Ich habe nicht gegen einen Spieler verloren, sondern gegen einen Schläger", zürnt er nach seiner Kapitulation.

Tennis-Verband verbietet den Schläger

Nach dem Spiel schreitet der Internationale Tennisverband ein, nicht zuletzt hervorgerufen durch massive Proteste von Vilas Trainer Ion Triviac, und zieht Konsequenzen.

Die Spaghetti-Bespannung, die die zeitgenössischen Top-Favoriten im Tennis schier zur Verzweiflung brachte, wurde verboten. Zudem etablierte der Verband eine Definition, was einen Tennisschläger ausmache und welche Bedingungen er erfüllen müsse.

Die Fischerpatsche von Werner Fischer kommt zwar auf dem Platz nicht mehr zum Einsatz, kann heute aber dennoch im Wimbledon Museum bestaunt werden.

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