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Flynn Richter (l.) soll als Tennis-Wunderkind in die Fußstapfen von Roger Federer treten
Flynn Richter (l.) soll als Tennis-Wunderkind in die Fußstapfen von Roger Federer treten © SPORT1-Grafik/Sven Thomann/Getty Images
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München - Gehasst, großartig, irgendwie wie Roger Federer - und doch ganz anders: Der Weg von Tennis-Wunderkind Flynn Richter schwankt zwischen Bewunderung und Tragik.

Man könnte diese Geschichte über Flynn Richter jetzt nach schon oft gelesener Wunderkind-Art aufziehen. Also folgendermaßen: Da ist ein Junge im Schulalter, gesegnet mit einem derartigen Riesentalent, wie es nur alle Jubeljahre vorkommt.

Dem Zwölfjährigen wird bereits eine goldene Zukunft prophezeit - als Tennis-Superstar, der eines Tages in die Fußstapfen des großen Roger Federer tritt. Was sich umso besser schreiben ließe, weil Richter auch Schweizer ist.

Weiter im möglichen Text: Richter, hinter dem schon Medien, Manager und Sport-Vermarkter her sind, deklassiert die Rivalen seiner Altersklasse nach Belieben. In seinem Kinderzimmer sammeln sich Sieger-Pokale und Star-Poster wie das von Stan Wawrinka. 

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Zu seinen Vorbildern gehört vor allem der Weltranglistenerste Novak Djokovic, auf Instagram zählt der Youngster schon über tausend Abonnenten, und in seiner Freizeit - na klar - schaut er am liebsten Tennis-Videos auf Youtube.

Flynn Richter: Autist und Bad Boy

So weit, so beliebig - doch diese Geschichte über Flynn Richter aus Ebmatingen in Maur, einem Dorf-Idyll im Bezirk Uster des Kantons Zürich, ist anders.

Weil Richter anders ist als andere junge Tennisspieler. Richter hat das Asperger-Syndrom.

Fremden vermag er kaum in die Augen zu schauen, er gilt als nicht beschulbar, besucht nur gelegentlich eine Montessori-Lip-Schule in Zürich, wo ein spezielles Lernprogramm auf ihn abgestimmt wurde.

Soziale Kontakte und emotionale Reize bereiten ihm Schwierigkeiten - und werden auch noch dadurch verstärkt, dass Richter auf dem Platz schimpft und pöbelt, eben cholerische Ausbrüche hat.

Selbst wenn er deshalb bereits psychologische Hilfe in Anspruch nimmt - gewissermaßen gefällt sich der Zwölfjährige in der Rolle des Bad Boy, was auch die Schwärmerei für den Djoker erklärt.

"Den haben sie auch nicht so gern", sagte er dem Blick und fügte hinzu: "Wenn das Publikum gegen mich ist, werde ich nur noch besser."

"Der verhassteste Junior" der Schweiz

Stellen sich die Zuschauer auf die Seite des Gegners, reagiert Richter frech. "Ich mache dann 'Let's go' und provoziere zurück", berichtet er. 

Dass das nicht gut ankommt, versteht sich von selbst. Ihr Sohn sei "hierzulande der verhassteste Junior", räumt Richters Mutter Sandra Thomas im Blick ein. Was gleichzeitig auch an seiner Überlegenheit liegt: "Sieht man ihn Tennis spielen, vergisst man eben, wie jung er noch ist. Das können viele im Kopf nicht vereinbaren."

Apropos Kopf - der ist für Richter Fluch und Segen zugleich. "Im Kopf hat er jeden Punkt schon gespielt", erklärt Thomas, deren Sohn mit dem Tennis als Sechsjähriger anfing und inzwischen täglich drei Stunden trainiert. "Kommt es dann anders, regt ihn das auf."

Was die Parallele zu Federer, den Richter sportlich schätzt, nun tatsächlich ein bisschen zulässt.

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Wutattacken wie der junge Federer

"Ich sah Videos von Roger Federer als Junge – der hat sich früher mindestens so schlimm benommen", erinnert die Alleinerziehende an die Flegeljahre des Rekord-Grand-Slam-Siegers mit weggeworfenen Rackets und Wutattacken auf dem Court.

Auf der anderen Seite hilft Richter sein Autismus auch dabei, Dinge binnen kürzester Zeit zu lernen und umzusetzen - nicht nur auf dem Platz, wo der aktuell beste U12-Junior Europas kürzlich zum fünften Mal in Folge zur Schweizer Meisterschaft seiner Altersklasse spazierte und auch den älteren Jahrgang 2007 dominierte.

"Was er als nicht notwendig erachtet, blendet er aus", sagte die Mutter des mit 1,42 Meter recht schmächtigen Blondschopfs, der bereits fließend Englisch spricht, nun Französisch und Russisch pauken will.

Die Begabungen und Charakterzüge, die wie auch bei der ebenfalls an Asperger leidenden Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg so augenfällig sind, dürften den angehenden Teenager am Ende vor die entscheidende Weggabelung bringen, sprich: eine Profi-Laufbahn mit entsprechenden Erfolgen einschlagen lassen - oder ein Talent-Strohfeuer bleiben.

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Richter von Ex-Wimbledon-Juniorensieger gecoacht

"Flynn ist auf gutem Weg – aber der Weg ist noch sehr lang", warnt im Blick sein Trainer Robin Roshardt, 2005 Sieger der Junioren-WM "Orange Bowl".

Sein Schützling, zudem gecoacht vom früheren Wimbledon-Juniorensieger (2001) Roman Valent, sei "mega talentiert, ist ein härterer Arbeiter als alle anderen und hat eine sehr gute Einstellung." Vor allem aber: "Es kommt von ihm selbst, nicht vom Umfeld."

Mehr noch: Zu den meisten Terminen und Turnieren fährt der Zwölfjährige allein mit dem Bus - auch weil seine Mutter berufsbedingt und wegen zweier weiterer Kinder wenig Zeit hat.

In der Szene macht Richter das zusätzlich zum Außenseiter. "Wenn Eltern nicht immer präsent sind, um ihre Talente zu unterstützen, kommt das bei anderen schräg an", sagte Thomas.

Ihren von Swiss Tennis und anderen Förderern mitfinanzierten Sprössling juckt das indes wenig. Gleiches gilt für die Frage, was er noch verbessern wolle, um eines Tages vielleicht wirklich ein zweiter Federer zu werden.

"Technisch? Das sage ich nicht, sonst kommen die anderen ja drauf."

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