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Davis Cup: Radikal-Reform fix - Boris Becker fassungslos
Deutschland gewann dreimal den Davis Cup, 1988, 1989 (Bild) und 1993 © Imago
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München - Die Delegierten des Tennis-Weltverbandes stimmen den Reformplänen für den altehrwürdigen Davis Cup zu. Schon im nächsten Jahr wird der Sieger in einem Turnier ermittelt.

Für die einen ist es der Tod einer lieb gewonnenen Tradition, für die anderen der Aufbruch in eine bessere Zeit: Der 118 Jahre alte und leicht verstaubte Mannschaftswettkampf um den Davis Cup wird ab der kommenden Saison einer radikalen Reform unterzogen.

Das beschloss die Versammlung des Tennis-Weltverbandes ITF in Orlando/Florida. Der Widerstand der Tennisnationen Großbritannien, Australien und Deutschland reichte nicht aus, 71,43 Prozent der Stimmen fielen auf die Neuausrichtung.

"Für uns ist das Ergebnis eine herbe Enttäuschung, die uns erst einmal fassungslos macht", sagte Ulrich Klaus, Präsident des Deutschen Tennis Bundes (DTB): "Wir sind bis zum Schluss davon ausgegangen, dass die Mehrheit der Mitgliedsnationen vernünftig und mit Bedacht abstimmen würde. Wir haben stets betont, dass wir gewisse Anpassungen im Davis Cup für notwendig erachten – aber keine Reform, die den etablierten Wettbewerb abschafft."

Neues Format feiert im nächsten Jahr Premiere

ITF-Präsident David Haggerty und seine Anhänger hatten eine Zweidrittelmehrheit benötigt, um ihre revolutionären Pläne in die Tat umsetzen zu können. Die bekamen sie dank einer intensiven Werbetour im Vorfeld der Abstimmung.

Schon 2019 wird das neue Format seine Premiere feiern - mit einem Finalturnier im November in Madrid oder Lille (18. bis 24.), bei dem 18 Teams in einer Woche um die Trophäe spielen. Im Februar werden die Teilnehmer in einer Qualifikation ermittelt, für die auch das deutsche Team gesetzt ist. Dabei werden nur noch drei Matches über jeweils zwei Gewinnsätze ausgetragen.

Haggerty versprach bereits "ein Festival des Tennis und der Unterhaltung, das für Spieler, Fans, Sponsoren und TV-Sender attraktiver ist". Er will mit seinem Team dafür sorgen, dass "die nächsten Generationen von Spielern in den nächsten Jahrzehnten von dieser historischen Entscheidung profitieren" können.

Becker sprachlos - Pique jubelt

Kosmos-Mitbegründer Gerard Pique, 2010 mit Spanien Fußball-Weltmeister, sprach im Ritz-Carlton-Hotel von Orlando von einem "historischen Tag", der für ihn persönlich einer der glücklichsten seines Lebens sei.

Dem gegenüber stehen die Reaktionen der Reform-Gegner. Der zweimalige Davis-Cup-Sieger Boris Becker twitterte beispielsweise, er sei sprachlos über die Entscheidung der ITF.

Bislang hatten die 16 Teams der Weltgruppe den Titelträger über das Jahr verteilt in vier Runden ausgespielt, zuletzt fehlten dem Davis Cup jedoch die Superstars wie Roger Federer oder Novak Djokovic.

Ob sich dies nun ändert, bleibt abzuwarten, eine Konkurrenzveranstaltung der Spielerorganisation ATP zu Beginn jedes Jahres in Australien ist bereits geplant - und im September findet mit dem Laver Cup ein weiteres Mannschaftsturnier statt.

DTB bezweifelt langfristiges Geschäft

Trotz aller Bedenken ließen sich viele Verbände von der Aussicht auf neue Einnahmen locken. Drei Milliarden Dollar in 25 Jahren stehen im Raum, die Investmentgruppe Kosmos verspricht, das Geld zu besorgen. Allerdings hegen viele Verbände - darunter auch der DTB - Zweifel an dem langfristigen Geschäft und bemängeln die fehlende Transparenz sowie die wenigen Heimspiele.

"Der Davis Cup wird sich durch das neue Format bedauerlicherweise von den Tennisfans entfernen. Wir haben immer betont, dass dies nicht passieren darf – auch dann nicht, wenn gleichzeitig mit großen Geldbeträgen gelockt wird. Leider wurde in Orlando fast ausschließlich über Geld und kaum über den Sport diskutiert", sagte DTB-Chef Klaus.

Für den deutschen Teamkapitän Michael Kohlmann zerstöre die Reform "die lange Tradition eines der wichtigsten Wettbewerbe im Welttennis unwiderruflich".

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