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München - Manchester United wirbt um Harry Maguire und ist bereit, 90 Millionen Euro zu bezahlen. Warum genießen Innenverteidiger plötzlich ein derart hohes Ansehen?

"Ich kam in die Umkleidekabine, mehr oder weniger nackt. Ich habe mich geschämt."

Heute vor 17 Jahren unterschrieb Rio Ferdinand einen Vertrag bei Manchester United. 46 Millionen Euro überwies der englische Rekordmeister an Leeds United. Der teuerste Brite aller Zeiten war ab diesem Zeitpunkt ein Innenverteidiger.

Eine Summe, die damals nicht einherging mit Ferdinands Selbstvertrauen. "Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, wie man Titel gewinnt. Und dann siehst du dich um, und da sitzen Ryan Giggs oder David Beckham. Ich konnte sie nicht anschauen."

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Maguire vor Wechsel zu Manchester United

Fast zwei Jahrzehnte später ist United drauf und dran, erneut den Rekord für den teuersten Verteidiger aller Zeiten zu brechen. Harry Maguire ist das Objekt der Begierde. 90 Millionen Euro Ablöse stehen im Raum.

Auch der 26-Jährige von Leicester City hat noch keine Titel, eine ähnliche Demut wie damals bei Ferdinand ist von ihm dennoch nicht zu erwarten.

Zum einen, weil United längst nicht mehr den Status und die großen Persönlichkeiten von damals besitzt, zum anderen, weil Verteidiger nicht mehr per se nur als Zubrot des Kaders, als Schattenmänner der Künstler vor ihnen gelten.

Moderner Innenverteidiger als Spielmacher

Der teuerste Stürmer wird weiterhin mehr kosten als der teuerste Verteidiger, was allein schon aus Marketingsicht nachvollziehbar und gerechtfertigt ist.

Tore und spektakuläre Dribblings verkaufen nun mal mehr Trikots als abgelaufene Bälle und clevere Zweikampfführung.

Dabei hat sich die Rolle des zentralen Mannes in einer Dreier- oder Viererkette über die letzten Jahre weitreichend geändert.

Innenverteidiger agieren häufig "als erste Spielmacher, koordinieren das Verschieben der Abwehr, den Zeitpunkt des Pressings und sorgen für präzise Umschaltangriffe mit starken Pässen", beschreibt das Taktikportal Spielverlagerung.de das Profil eines modernen Innenverteidigers und nennt Mats Hummels als Prototyp dessen.

Süle: Defensive gewinnt Titel

In der vergangenen Saison spielte dieser noch Seite an Seite mit Niklas Süle beim FC Bayern. Nach Hummels' Rückkehr zum BVB ist Süle endgültig der Abwehrchef bei den Münchnern. Der 23-Jährige ist sich der Wichtigkeit seiner Rolle bewusst.

"Wir sind mit dem Torwart zusammen die ersten Aufbauspieler. Wir sind auch auf der Position, die als letztes was machen kann, bevor es Richtung Torwart geht", sagte der Nationalspieler auf der USA-Reise der Bayern.

"Ich glaube schon, dass mit einer stabilen Defensive die Chance größer ist, Titel zu gewinnen, als einen Top-Angriff zu haben und dafür in jedem Spiel zwei Tore zu kassieren."

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Angesichts dessen überrascht Süle auch nicht, welche Preise derzeit für seine Spezies gezahlt werden. "Dass die Summen allgemein sehr hoch sind, ist keine Frage, aber mich wundert es nicht."

80 Millionen Euro hat der FC Bayern für Lucas Hernández gezahlt, Juve ließ sich Matthijs de Ligt 85,5 Millionen kosten, Éder Militao wechselte für 50 Millionen zu Real Madrid. Maguire wird folgen und noch einmal alles in den Schatten stellen.

Innenverteidiger als Unterschiedsspieler

"Auf dem aktuellen Markt richten sich die Summen gar nicht mehr unbedingt nach den Positionen. Es geht beim Preis mehr denn je um Qualität, um die absolute Topklasse", erklärte Schalkes Technischer Direktor Michael Reschke jüngst der SZ.

"Topvereine suchen Spieler, die auf höchstem Niveau den Unterschied machen. Das kann auch ein Innenverteidiger oder Torwart sein", sagte der ehemalige Kaderplaner des FC Bayern.

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Als Paradebeispiel gilt Liverpools Virgil van Dijk. Im Januar 2018 überwiesen die Reds 84,65 Millionen Euro für den Niederländer an den FC Southampton und sahen sich einer Menge Kritik und auch Spott ausgesetzt.

Eineinhalb Jahre später hat der 1,93-Meter-Mann seinem Trainer Jürgen Klopp die Champions League beschert und gilt als bester Innenverteidiger der Welt. Ist er womöglich sogar positionsunabhängig das Nonplusultra?

Van Dijk als Weltfußballer?

"Er verdient es, den Ballon d'Or zu gewinnen. Normalerweise wird der Preis an Spieler vergeben, die entscheidende Tore erzielen oder vorbereiten, aber wenn es jemals einen richtigen Zeitpunkt gab, ihn an einen Verteidiger zu geben, dann jetzt", warb der niederländische Nationaltrainer Ronald Koeman für die Krönung seines Schützlings zum Weltfußballer.

Van Dijk wäre der erste Defensivspieler seit Fabio Cannavaro, der die Auszeichnung 2006 erhielt. 

Damals entschied sich das Rennen zwischen Cannavaro und Zinédine Zidane. Der Künstler ging leer aus.

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