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München - Seit Neymar sind dreistellige Millionen-Transfers keine Seltenheit mehr. Aber wer profitiert wirklich? Der Schweizer Raffaele Poli fordert ein gerechteres Transferwesen.

222.000.000 - und ein Limit ist nicht in Sicht.

Die Ablösesummen bei internationalen Top-Transfers haben sich seit dem Rekordwechsel Neymars vom FC Barcelona zu Paris Saint-Germain vor zwei Jahren in schwindelerregende Höhen entwickelt. Dreistellige Millionen-Deals sind unter internationalen Topklubs mittlerweile fast an der Tagesordnung.

Doch wer profitiert am Ende wirklich von solchen Summen?

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"Es ist wie in der normalen Wirtschaft: Die Reichen werden immer reicher und der Rest leidet ein bisschen", sagt Raffaele Poli im Gespräch mit SPORT1. Der Schweizer ist einer der Gründer des "CIES Football Observatory" mit Sitz in Neuchâtel. Das teilweise von der FIFA finanzierte, aber unabhängige Institut veröffentlicht basierend auf detaillierten Statistiken regelmäßig Studien zur Entwicklung des Fußballs.

Aus einer der jüngsten Erhebungen ging etwa hervor, dass Manchester City als erster Klub über eine Milliarde Euro in seinen aktuellen Kader investiert hat.

Kluft zwischen Arm und Reich wächst

Auf der anderen Seite sorgen Mega-Deals wie der von Neymar dafür, dass die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird.

"Zwar profitierten im Falle Neymars auch dessen frühere Klubs durch die Ausbildungsentschädigung in Höhe von fünf Prozent - aber was sind schon fünf Prozent?", wirft Poli die entscheidende Frage auf.

Die FIFA hat in ihren Transferbestimmungen mit besagter Ausbildungsentschädigung und auch dem so genannten Solidaritätsmechanismus zwar zwei Punkte fixiert, die kleineren Klubs zumindest ein Stückchen vom Kuchen der Großen zusichern soll - satt wird davon aber niemand.

Reform der Ausbildungsentschädigung?

"Wenn ein Spieler später eine große Karriere macht, warum sollte ein kleiner Klub dann nicht auch ein Anrecht auf eine größere Beteiligung an der Transfersumme haben?", meint Poli.

Der 42-Jährige plädiert auch im Sinne der Nachhaltigkeit für eine gerechtere Verteilung der Transfersummen, auch um den Teufelskreis, in dem sich viele Ausbildungsvereine befinden, zu durchbrechen. "Um wettbewerbsfähig zu bleiben, sind immer mehr Klubs abhängig von Transfergeldern, was sie dazu verleitet, ihre besten Spieler immer früher zu verkaufen."

Poli schlägt eine Transferreform vor, bei der die Zahlung der Ausbildungsentschädigung schon ab dem zehnten und nicht wie bisher erst ab dem zwölften Lebensjahr erfolgen soll.

Neymars erster Klub geht leer aus

Bei Neymars Mega-Deal flossen beispielsweise rund neun Millionen Euro an Neymars Jugendklub FC Santos. Sein erster Verein, Portuguesa Santista, ging allerdings leer aus, da Neymar ihn bereits als Elfjähriger wieder verließ.

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"Grundsätzlich geht es darum, die Klubs mehr zu belohnen, bei denen die Entwicklung der Spieler begonnen hat. Das würde vielen Klubs helfen, mehr in die eigene Infrastruktur zu investieren. Und letztlich die belohnen, die auch wirklich die Arbeit machen", betont Poli.

Zugleich sieht der Wissenschaftler darin aber auch eine Gefahr. Eine Verschiebung der Altersgrenze könnte dazu führen, dass die Jagd der Topklubs auf die Talente noch früher beginnt. "Wenn die Altersgrenze bei 10 liegen würde, würde Bayern vielleicht fünf weitere U10-Mannschaften bilden, um die besten Talente zu haben und vielleicht irgendwann Geld damit zu verdienen", befürchtet Poli.

Kampf gegen "exzessive Leih-Strategie" à la Chelsea

Er fordert daher strengere Restriktionen bei Transfers von Jugendlichen und bringt etwa eine Obergrenze pro Jahrgang für Topklubs ins Spiel. Auch um solche Auswüchse wie die sogenannte "Loan-Army" des FC Chelsea einzudämmen.

Die "exzessive Leih-Strategie mancher Klubs" diene laut Poli "mehr der Spekulation und ist nicht im Sinne des Systems".

FIFA beschließt Transferreform

Immerhin in diesem Punkt werden die von FIFA-Präsident Gianni Infantino im vergangenen Jahr angekündigten Pläne für eine Transferreform konkreter.

Ab der Saison 2021/22 soll ein Klub maximal nur noch acht Spieler an andere Teams verleihen und die gleiche Anzahl selbst ausleihen dürfen. Ab dem darauffolgenden Jahr liegt das Limit bei je sechs Leihspielern. Diese Regelung greift für Profis ab 22 Jahren. Die Vorschläge müssen aber erst vom FIFA-Council auf der Sitzung am 24. Oktober abgesegnet werden.

Dann soll auch eine Beschränkung der Beraterprovisionen auf maximal zehn Prozent beschlossen werden, um die Macht der Agenten einzuschränken.

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"Wir haben alle an einen Tisch gebracht. Alle wichtigen Akteure der Branche haben begriffen, dass wir handeln müssen", sagte Infantino vor einem Jahr.

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Experte skeptisch

Auch eine Erhöhung des Anteils der Ausbildungsentschädigung auf sechs Prozent stand zeitweise im Raum.

Aber diese Reformprozesse dauern, das weiß auch Raffaele Poli. "Wir haben positives Feedback bekommen. Aber wenn es darum geht, wirklich zu handeln …", sagt der Tessiner und lässt den Satz zur Umsetzung seiner Reformideen bezeichnenderweise unvollendet. "Es ist leichter, den Status quo beizubehalten, als eine große Veränderung herbeizuführen."

"Jetzt liegt es an ihnen, zu handeln"

Vorerst dürften sich daher die Topklubs Europas in Mega-Transfers gegenseitig überbieten und die Schere zu den übrigen Teams weiter auseinandergehen.

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"Aktuell gibt es den Ruf nach Veränderung, aber obwohl die große Mehrheit davon profitieren würde, schafft sie es nicht, gemeinsam dafür zu kämpfen", sagt Poli. "Zumindest regen wir sie zum Nachdenken an und zeigen ihnen, dass es möglich wäre, mehr zu tun. Jetzt liegt es an ihnen, zu handeln."

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