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Le'Veon Bell verlässt die Pittsburgh Steelers
Le'Veon Bell verlässt die Pittsburgh Steelers © Getty Images
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München - Le'Veon Bell verlässt die Pittsburgh Steelers und wird Unrestricted Free Agent. Der Abgang des Running Backs ist das Ende eines unwürdigen Schauspiels.

Das Kapitel Le'Veon Bell bei den Pittsburgh Steelers ist beendet.

Im Gespräch mit örtlichen Journalisten gab der General Manager der Franchise bekannt, dass beim Running Back sowohl auf einen Transition- als auch auf einen Franchise-Tag verzichtet und er stattdessen in die Free Agency entlassen wird.

"Le'Veon ist immer noch ein großartiger Spieler. Aber wir können es uns nicht leisten, bei ihm irgendeinen Tag zu verwenden. Wenn das neue Jahr in der Liga beginnt, dann wird er ein Unrestricted Free Agent sein", ließ Kevin Colbert verlauten.

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Als Ausgleich für den Verlust von Bell erhalten die Steelers 2020 einen Compensatory Pic.

Die Entscheidung für einen Abgang von Bell ist das Ende eines endlosen Vertragszoffs zwischen beiden Parteien, der bereits im Sommer 2016 begann. Dabei ging es nicht nur um die Gier eines Sportmillionärs, auch eine Art Rebellion gegen ein die Athleten benachteiligendes System stand im Fokus.

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Verhandlungen seit 2016

Die Fakten: Bereits seit Juni 2016 verhandelten Bells Management und die Steelers um einen langfristigen Vertrag. Der Running Back - für viele Experten der beste der NFL - brachte Top-Leistungen und fühlte sich in Pittsburgh wohl. Beide Seiten wollten langfristig zusammenarbeiten.

Allerdings geben Teams traditionell ungern viel Geld für eine verletzungsanfällige und im Vergleich zu Quarterback oder Pass Rushern vergleichsweise ersetzbare Position aus.

So kam es im Februar 2017 zum ersten Franchise Tag (dadurch kann eine Franchise einen Spieler pro Jahr für 120 Prozent des vorherigen Gehalts dazu "zwingen", für das eigene Team zu spielen - oder eben überhaupt nicht). Bell bestreikte daraufhin die Vorbereitung, kehrte aber zum 1. Spieltag zurück und spielte für 12,12 Millionen Dollar die Saison.

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Bell und Steelers finden keine Einigung

Allerdings kamen beide Seiten erneut nicht zu einer Einigung und die Gräben zwischen Bell und den Steelers wurden tiefer. Das letzte Angebot über 70 Millionen Dollar und fünf Jahre lehnte sein Berater Adisa Bakari ab.

Ein Problem: Dieses Angebot enthielt gerade einmal eine Garantiesumme von 17 Millionen - deutlich weniger als beispielsweise Todd Gurley oder David Johnson in ihren neuen Verträgen. Von den Defensiv-Stars Aaron Donald und Khalil Mack ganz zu schweigen.

Die Fans der Steelers haben sich mit dem Abgang ihres Running Backs bereits abgefunden
Die Fans der Steelers haben sich mit dem Abgang ihres Running Backs bereits abgefunden © Getty Images

"Eines der ersten Dinge, die wir unseren Klienten vermitteln wollen, ist ein Verständnis ihres Marktwertes auf und neben dem Feld. Sie sollten sich nie dafür entschuldigen, diesen Marktwert auch zu verlangen", sagte Bakari bei The Undefeated.

NFL-Tarifvertrag als Auslöser

Entsprechend machte Bells Camp früh klar, der dreimalige Pro Bowler werde unter dem zweiten Tag keinesfalls die komplette Saison spielen. Am Ende spielte der Running Back nicht mal ein Spiel. Der mittlerweile 27-Jährige streikte während der kompletten Saison und ließ sich 14,5 Millionen Dollar durch die Lappen gehen.

Ursprünglich waren alle Seiten davon ausgegangen, dass er spätestens im November zum Team stoßen wird, um nicht die komplette Saison zu verlieren, aber es kam anders: Das zu diesem Zeitpunkt noch ausstehende Gehalt stand in keinem Verhältnis zum Risiko, durch eine Verletzung einen Monstervertrag im März 2019 zu gefährden.

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Wie konnte es zu der verfahrenen Situation kommen? Die Antwort: Der NFL-Tarifvertrag.

Eigentlich soll die Franchise-Tag-Regelung die Ballung von Topstars in größeren Märkten - wie in der NBA mit den Miami Heat oder aktuell Golden State Warriors - verhindern.

Allerdings wird sie immer öfter dafür benutzt, den Salary Cap auszureizen und lukrative Verträge für Starspieler länger hinauszuzögern.

Den Franchise Tag nicht zu unterschreiben, ist für den Spieler nahezu die einzige Möglichkeit, Druck auf das Team auszuüben. Oder man riskiert es mit den Einjahresverträgen, bis es dem Team zu teuer wird, wie im letzten Jahr Quarterback Kirk Cousins bei den Washington Redskins.

Bell: "Muss das durchziehen"

Bells Argumentation ist jedoch nachvollziehbar. Er hatte in der vorherigen Saison mehr als 400 Mal den Ball, das Verletzungsrisiko für Running Backs ist extrem hoch. In seinem Rookie-Deal bekam er "nur" vier Millionen Dollar – für die gesamten vier Jahre wohlgemerkt.

"Ich muss das durchziehen. Ich kann mir jederzeit ein Band reißen. 16 Spiele, 400 Touches? Das kann ich nicht mehr mit Einjahresverträgen", sagte Bell bei ESPN.

Zudem können auch die besten Runner nur selten in ihren Mittdreißigern auf dem hohen Niveau mithalten. Die meisten Running Backs bekommen nur einen großen Vertrag in ihrer Karriere. Die durchschnittliche NFL-Karriere ist gerade einmal drei Jahre lang.

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Die Steelers waren allerdings auch nicht wirklich der Buhmann. Sie wollten schlicht für eine relativ ersetzbare Position nicht exorbitant viel Geld ausgeben und sich so jeden Spielraum nehmen.

Profis werden benachteiligt

Genau da setzen aber Berater und die Spielergewerkschaft an. Der Standpunkt der Teams ist legitim, aber die Profis werden konstant benachteiligt. Praktisch nie erreichen Topstars überhaupt die Free Agency und damit freie Entscheidungsgewalt, weil die Teams immer mit dem Franchise Tag drohen können und am längeren Hebel sitzen.

So unterschreiben viele Spieler im Jahr ihres letzten Rookie-Vertrags teamfreundliche Deals mit relativ wenig Garantiegehalt - oftmals auch positionsbezogen.

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Bell ist ein Running Back, der jedoch auch ein ausgezeichneter Receiver ist. Seine durchschnittlichen 129 Yards pro Spiel hat seit der Zusammenlegung von NFL und AFL kein Spieler erreicht. Entsprechend will er als "Offensiv-Waffe der Spitzenklasse" bezahlt werden.

"Er hat Rekorde und Statistiken angehäuft, die unerreicht sind, warum sollte dann seine Vergütung nicht auch unerreicht sein?", fragt Berater Bakari rhetorisch.

Weniger Gehalt für NFL-Profis als in NBA

In gewisser Weise haben er und sein Schützling einen Kreuzzug gegen die Macht der Eigentümer in der NFL bestritten. Der aktuelle Tarifvertrag läuft 2020 aus. Die Vertragskonflikte häufen sich (Bell, Cousins, Mack in Oakland).

Die Franchise-Tag-Regelung dürfte die Spielergewerkschaft zumindest ändern wollen. Cousins bekam letztes Jahr als erster Top-Star einen komplett garantierten Dreijahresvertrag. Cornerback Richard Sherman deutete bereits an, dass es zu einem Arbeitskampf kommen könnte.

Gerade im Vergleich zur NBA hinken die NFL-Profis deutlich hinterher. Die Liga ist wirtschaftlich deutlich erfolgreicher als die NBA, dennoch bekommen Stars wie Bell etwa 15 Millionen pro Jahr, in der NBA erhalten gute, aber nicht großartige Spieler wie Kyle Lowry oder Paul Millsap locker das Doppelte.

Wie es mit Bell konkret weitergeht, steht derzeit noch in den Sternen. Diversen Teams wird Interesse nachgesagt, darunter sind unter anderem die Jets, Ravens, Colts, Texans und Packers. Wer den nötigen Cap Space hat, wird sich erst herausstellen. 

Bell aber kann sich darunter sein neues Team nun aussuchen - und einen Vertrag aushandeln, den er als gerecht empfindet.

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