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München - Raheem Mosterts NFL-Karriere schien bereits beendet, nun führt er die 49ers in den Super Bowl. Angst kennt er kaum - auch nicht vor den Haien in seiner Heimat.

Von den über 100 Protagonisten im Super Bowl LIV ist Raheem Mostert mit Sicherheit nicht derjenige, von dem die meisten Anekdoten überliefert sind - gut möglich aber, dass der Running Back der San Francisco 49ers derjenige mit der coolsten ist.

Sie stammt aus seiner Jugend in New Smyrna Beach, Florida, auch bekannt als "Hauptstadt der Hai-Attacken". Fast schon logisch, dass der passionierte Surfer Mostert dort seine ganz persönliche Begegnung mit einem der gefürchteten Fische hatte.

Mostert spricht von Begegnung mit Hai

Ganz ruhig habe er auf seinem Brett gesessen, als sich damals eine der berüchtigten Flossen näherte, erzählte Mostert bei The Athletic: "Meine Freunde sagten mir, ich solle mich nicht bewegen. Also habe ich stillgehalten. Haie spüren zwei Dinge: Sie spüren Blut und sie spüren Angst."

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Direkt vor seinem Surfboard sei die Flosse schließlich vorbeigezogen, Mostert blieb unversehrt.

Und mal ganz ehrlich: Wenn jemand einem Hai unbeschadet entkommt, wer soll ihm dann noch etwas anhaben?

Die Defense der Green Bay Packers in jedem Fall nicht.

Vier Tochdowns gegen die Packers

Zu 220 Rushing Yards und vier Touchdowns stürmte Mostert am Sonntagabend im NFC Championship Game der NFL - und führte seine 49ers damit fast im Alleingang in den Super Bowl.

In der gesamten NFL-Historie gelangen nur Eric Dickerson im Jahr 1986 mehr Laufyards in einem Playoff-Spiel: 248 waren es für den damaligen Rams-Star und heutigen Hall-of-Famer.

"Ich bin immer noch geschockt. Eric Dickerson ist der ultimative Running Back", schwärmte Mostert darauf angesprochen: "Überhaupt nur in einem Atemzug mit jemandem wie ihm genannt zu werden, das ist unglaublich."

Und schien für Mostert bis vor kurzem absolut undenkbar. Bis heute hat er kein NFL-Spiel als Starter begonnen, im Backfield der 49ers war er vor Saisonbeginn die Nummer 3 hinter Matt Breida und Tevin Coleman.

Mostert profitiert von Coleman-Verletzung

Durch Verletzungen der beiden konnte Mostert schon während der Regular Season zeitweise glänzen, in der Vorwoche aber war wieder Coleman dran: Mit 105 Yards und zwei Touchdowns lief er die Minnesota Vikings in Grund und Boden, auch gegen die Packers übernahm er die ersten Läufe.

Spätestens als Coleman jedoch Mitte des zweiten Viertels mit einer Schulterverletzung das Feld verlassen musste, war Mostert die erste Option. Eine zu große Bürde für jemanden, der vor dieser Saison gerade einmal einen NFL-Touchdown zu Buche stehen hatte?

Von wegen. Mit dem nächsten Spielzug lief Mostert zum zweiten Mal in die Endzone, ließ sich dabei von keinem Verteidiger aufhalten.

"Das Einzige, wovor ich Angst habe", verriet Mostert einmal, "ist meine Frau".

Was Mostert womöglich sogar seine Football-Karriere gerettet hat.

Mosterts Leidenszeit begann 2015

Im NFL-Draft 2015 wurde der heute 27-Jährige, der am College für die Purdue Boilermakers gespielt und zugleich als Sprinter geglänzt hatte, nicht ausgewählt.

Bei den Philadelphia Eagles durfte er in der Preseason ran, wurde aber trotz starker Leistungen wegen zu großer Konkurrenz auf seiner Position nicht in den 53-Mann-Kader übernommen.

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Am 4. September 2015 wurde er von den Eagles gecuttet. Es ging weiter zu den Miami Dolphins, die ihn am 13. Oktober wieder entließen. Bei den Baltimore Ravens ereilte ihn am 15. Dezember dasselbe Schicksal.

Es sind Daten, die Mostert nicht vergessen hat.

"Es ist verrückt, dass ich schon bei sieben verschiedenen Teams war", sagt er rückblickend: "Ich habe noch die Tage in Erinnerung, an denen ich gecuttet wurde - und ich schaue sie mir vor jedem Spiel an. Es war eine verrückte Reise."

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Eine Reise, die im Sommer 2016 beinahe vorzeitig zu Ende gegangen wäre. Als die Cleveland Browns ihn zunächst in ihren Kader übernahmen, nur um ihn einen Tag später doch wieder zu streichen, dachte Mostert ernsthaft ans Aufhören.

"Zu viele Cuts. Zu viele Niederlagen, die ich einstecken musste", erklärt Mostert seine damaligen Zweifel: "Ich hatte nicht erwartet, dass meine Karriere so starten würde."

Seine Frau aber habe genau die Worte gefunden, die er damals gebraucht habe: "Wenn du dieses Spiel wirklich liebst, dann wirst du tun, was nötig ist."

Mostert hörte auf seine Frau

Ob aus Angst oder aus Überzeugung - Mostert hörte auf seine Frau. Über die New York Jets und die Chicago Bears landete er im November 2016 bei den 49ers, im letzten Saisonspiel gegen die Seattle Seahawks hatte er seinen ersten Einsatz.

Nach zwei Spielzeiten, die durch Verletzungen vorzeitig beendet wurden - darunter ein grausam anzusehender Bruch des rechten Arms im November 2018 - folgte in dieser Saison der Durchbruch.

772 Yards, acht Rushing Touchdowns, zwei Receiving Touchdowns - und mit 5,6 Yards pro Lauf der ligaweit beste Wert aller Running Backs. Noch beeindruckender: Zugleich führte Mostert die 49ers auch in Special-Team-Tackles an.

"Er hat sich alles verdient, was er bekommen hat. Er hat sich das heute verdient", lobte Shanahan nach dem Triumph über die Packers: "Er ist einfach so ein großartiger Mensch. Ich kann nicht genug Gutes über Raheem sagen."

Zum Super Bowl geht es für Mostert nun zurück nach Florida, lediglich rund vier Autostunden trennen Miami von New Smyrna Beach.

Nur zu gerne würde er im Hard Rock Stadium noch einmal sein Markenzeichen zeigen: Wie er sich nach einem Touchdown zuerst wild paddelnd auf den Boden schmeißt und dann auf einem imaginären Surfbrett reitet.

Also das genaue Gegenteil von dem, was er einst bei seiner Begegnung mit dem Hai machte.

Aber die Endzonen der NFL-Stadien gehören ja auch nicht zum Lebensraum der Fische. Raheem Mostert dagegen fühlt sich dort immer heimischer.

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