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München - Der ehemalige Bundestrainer Marco Sturm spricht bei SPORT1 über den Beginn seiner Trainerkarriere, seine erfolgreiche Zeit beim DEB und seine Zukunft in der NHL.

Die NHL-Saison befindet sich in der heißen Phase. Am 6. April steigt der finale Spieltag, noch sind nicht alle Playoff-Tickets vergeben (Der Spielplan der NHL).

Für viele Teams geht es also um alles, die Deutschen sind aber größtenteils nicht darunter vertreten. Leon Draisaitl wird mit den Edmonton Oilers die Playoffs verpassen, auch Dominik Kahun und die Chicago Blackhawks müssen zittern.

Für Marco Sturm, der bei den Los Angeles Kings Assistenztrainer ist, war der Traum von der Meisterrunde bereits früh beendet, die Kings sind Letzter der Western Conference. In der DEL wiederum starten am Dienstag die Halbfinals (Adler Mannheim - Kölner Haie ab 19.15 Uhr LIVE im TV auf SPORT1)

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Im Rahmen der neuen Doku-Reihe "N.ICE - Goldis Eishockey-Welt" (ab 22 Uhr im TV auf SPORT1) sprach Sturm im ersten Teil des SPORT1-Interviews über den Prozess, Bundestrainer zu werden, den Abgang nach L.A., seine Aufgaben bei den Kings und seine Zukunft.

SPORT1: Herr Sturm, wann war für Sie klar, dass Sie Trainer werden wollen?

Marco Sturm: Meine Spielerkarriere ging zu Ende und wir waren alle mit der ganzen Familie in Florida. Ich wollte einfach mal nur für die Familie ein Jahr lang da sein, weg vom Eishockey. Ich habe mir überlegt, vielleicht etwas mit Immobilien zu machen, weil ich ein Fan von Immobilien bin. Aber dann kamen mein Sohn und meine Tochter und beide spielten Eishockey. Sie überredeten mich immer wieder, mit ins Eishockeytraining zu kommen. Dann fragten die Junior Panthers (Eishockey-Team aus Florida, Anm. d. Red.), ob ich nicht aushelfen kann. So wurde es immer mehr und mehr und auf einmal rief mich Franz Reindl (DEB-Präsident) an. Er hat mich dann wieder zurück nach Deutschland gebracht.

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SPORT1: Eine Bundestrainer-Verpflichtung findet nicht von heute auf morgen statt. Wann haben die Gespräche angefangen?

Sturm: Ich weiß es nicht mehr genau, das war mehr als ein halbes Jahr vor meinem Amtsantritt. Ich habe Franz (Reindl) kontaktiert und gefragt, ob er vielleicht Hilfe braucht in Nordamerika. Ich wusste aus eigener Erfahrung, dass man die Verbindung zu den deutschen NHL-Spielern pflegen muss. Das war bisher nicht so der Fall gewesen. Deswegen habe ich mich angeboten, falls sie mich brauchen - nicht nur für den NHL-Bereich, sondern auch im Farm-Team und Junioren-Bereich. Ich könnte im Scouting-Bereich mithelfen oder bei einer Junioren-Weltmeisterschaft. Also habe ich einfach mal nachgefragt, wie es aussieht und das hat ihm gefallen. So ging das los.

"N.ICE – Goldis Eishockey-Welt" - die Folge mit Marco Sturm am Montag, den 20. Mai, um 22.30 Uhr im TV auf SPORT1

SPORT1: Sie sind also aktiv auf ihn zugegangen und aus diesen Gesprächen wurde der Bundestrainer-Posten?

Sturm: Ja. Ich war lange genug zu Hause und hatte einfach das Gefühl, dass ich wieder etwas machen will - wenn möglich im Eishockey. Ich liebe den Sport. Dann kam der Kontakt mit Franz zustande. Wir verabredeten uns für den Sommer, um über mein Engagement zu reden und wie das mit meiner Familie in Florida zu vereinbaren wäre. Mit diesem Gefühl bin ich nach München ins Büro der deutschen Nationalmannschaft gereist und wie aus dem Nichts kam dann das Angebot.

"Da war ich erst einmal geschockt"

SPORT1: Dann wurden Sie Bundestrainer. Mit welchen Reaktionen haben Sie gerechnet? Sie hatten noch keine lange Trainererfahrung.

Sturm: Ich wusste selbst nicht, wo die Reise hingeht. Aber trotzdem musste ich nicht lange überlegen. Es war ein interessantes Angebot und deswegen habe ich ziemlich schnell zugesagt. Ich hatte ein gutes Gefühl dabei. Obwohl ich die Erfahrung als Trainer nicht hatte, wusste ich, dass wir mit den richtigen Leute einiges erreichen können. Die meisten Spieler kannte ich sowieso schon. Daher wusste ich, dass die Jungs alles geben.

SPORT1: Seit November 2018 sind Sie nicht mehr Bundestrainer, sondern Assistenzcoach bei den Los Angeles Kings in der NHL. Wie sind die Verhandlungen mit den Kings abgelaufen?

Sturm: Eine Woche vorher kam der erste Anruf aus Los Angeles. Der Klub wollte über meine Situation Bescheid wissen und erklärte, dass es passieren könnte, dass die Kings die Trainer rauswerfen. Sie fragten, ob ich in der Lage wäre, aus meinem Vertrag rauszukommen und nach L.A. zu wechseln. Da war ich erst einmal geschockt.

SPORT1: Ein positiver Schockzustand?

Sturm: Ja, aber in diesem Moment habe ich überhaupt nicht dran gedacht. Im Sommer wäre ich etwas besser vorbereitet gewesen. Aber das war im November, mitten in den Vorbereitungen auf den Deutschland-Cup. Ich habe direkt Franz Reindl kontaktiert und informiert. Danach ging alles ganz schnell und nach der Freigabe vom DEB war es soweit.

SPORT1: Kings-Cheftrainer Willie Desjardins wird offiziell als Interimscoach bezeichnet. Weiß man schon, wie es nächstes Jahr weitergehen wird?

Sturm: Ich gehe davon aus, dass ich bleibe. Aber jeder Trainer weiß, wie schnell etwas passieren kann. Ich glaube fest dran, dass ich länger hier bin und habe hier auch einen langfristigen Vertrag unterschrieben (bis Frühling 2021). Alle anderen Trainerverträge laufen dieses Jahr aus. Es gibt noch viele Fragezeichen. Kommt ein großer Umbruch? Was passiert mit all den Stars, die schon länger hier sind? Ich denke, die Trainerfrage wird sich erst im Sommer oder nach der NHL-Saison stellen.

Cheftrainer? Sturm rechnet nicht damit

SPORT1: Sie sind ein junger Trainer und der Umbruch bei den Kings soll nicht nur in der Mannschaft stattfinden. Ist es eine Überlegung, dass Sie auf die Aufgabe des Cheftrainers vorbereitet werden?

Sturm: In diese Richtung gibt es aktuell keine Überlegungen. Ich habe bei den Kings für die nächsten Jahre einen Vertrag. Aber das heißt nicht, dass ich automatisch Cheftrainer werde. Ich lerne jeden Tag so viel dazu, das ist unglaublich. Daher ist das für mich jetzt eine schöne Herausforderung. Ich muss mich täglich neu beweisen und verbessern. Das ist aktuell eine gute Lernphase und jedes Spiel, jede Woche, jeder Monat, jedes Jahr hilft mir.

SPORT1: In welchen Bereichen können Sie hier dazulernen?

Sturm: In der Kommunikation mit den Spielern bin ich gut, das merke ich auch hier wieder. Meine größte Herausforderung ist der taktische Bereich. Das betrifft nicht nur unser System, sondern auch das der Gegner. Wir spielen vier Spiele in der Woche und jede Mannschaft spielt anders. Ich bin für die Verteidiger zuständig. Wie stelle ich meine Jungs so ein, dass sie gegen einen Alexander Owetschkin oder Alexander Bergström keine Probleme haben? Diese Details in einem Spiel lerne ich jetzt jeden Tag.

SPORT1: Wie viel kann man in der Mannschaft als Assistenztrainer bewegen?

Sturm: Das ist eine gute Frage. Ich habe meinen eigenen Bereich, den ich selbständig organisiere. Aber am Ende hat immer noch der Cheftrainer das Sagen. Man macht die Arbeit für ihn, weil er am Schluss immer alles entscheidet. Aber in meinem Bereich, den Special Teams mit Powerplay und Unterzahl, hat der Co-Trainer die alleinige Macht.

Sturm will täglich besser werden

SPORT1: Wie können Sie als Co-Trainer mitsprechen, wenn die Mannschaft zusammengestellt wird?

Sturm: Bei den Trainern wird ausschließlich der Chefcoach in die Entscheidung einbezogen. Letztendlich entscheidet aber nur der General Manager, wer gehen muss und wer kommt. Für uns Trainer ist es dann kompliziert: Heute haben wir noch diese Mannschaft und morgen sind dann schon wieder zwei oder drei weg. Dafür sind zwei oder drei Neue da. Wir müssen einfach das Beste daraus machen und wissen auch, dass das zu diesem Geschäft gehört. Jeder weiß, dass bei Misserfolg etwas passiert. Das merkt man auch an den Spielern. Jeder hat dann auch Angst. Wer will dieses Wetter und dieses Leben hier, mit tollem Eishockey und tollem Stadion verlassen? Das ist das Harte an diesem Job.

SPORT1: Wie sieht denn die Zukunft von Marco Sturm aus?

Sturm: Ich habe für zwei bis drei Jahre hier unterschrieben und hoffe auch, dass ich den Vertrag erfüllen kann. Dann sehen wir weiter. Für mich ist es einfach wichtig, dass ich Fuß fasse und einiges lerne. Ich will täglich besser werden. Das war schon als Spieler mein Ziel und das setze ich jetzt auch als Trainer um. Ich bin noch jung und von daher verspreche ich mir eigentlich in den nächsten Jahren nicht viel. Ich will täglich meine Leistung bringen und dann wird man sehen, was die Zukunft bringt.

© SPORT1

Mit der Doku-Reihe "N.ICE – Goldis Eishockey-Welt" hat SPORT1 zu den DEL-Playoffs ein neues Projekt gestartet, das seinesgleichen sucht. In der zehnteiligen Serie trifft SPORT1-Experte Rick Goldmann deutsche Eishockey-Größen wie NHL-Legionär Dominik Kahun, den aktuellen Bundestrainer Toni Söderholm und seinen Vorgänger Marco Sturm oder die Nationalspieler Moritz Müller und David Wolf mit der Kamera zu exklusiven Interviews und Hintergrund-Geschichten der besonderen Art. Die 30-minütigen Folgen der Doku-Serie werden im Verlauf der DEL-Playoffs sowie während der Eishockey-WM auf SPORT1 gezeigt, dazu sind im Rahmen der Playoff-Übertragungen immer wieder kurze Highlight-Clips zu sehen.

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