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Biathlon-Superstar Laura Dahlmeier verkündet ihren Rücktritt. Die 25-Jährige macht sich ihren Rücktritt nicht leicht. Ihre Erklärung im Wortlaut.

Doppel-Olympiasiegerin Laura Dahlmeier beendet im Alter von nur 25 Jahren ihre erfolgreiche Biathlon-Karriere.  Auf ihrer Homepage erklärt Deutschlands Vorzeige-Biathletin ihre Beweggründe. 

Der Wortlaut zum Nachlesen:

ES IST ZEIT SERVUS ZU SAGEN.

Es ist zwar noch etwas Schnee auf den Bergspitzen, doch die Wintersaison liegt nun schon wieder ein paar Wochen zurück. Im April durfte ich in eine völlig andere Kultur eintauchen, als wir den Iran bei einer Skitourenreise besuchten. Ich genoss die Zeit mit Freunden auf den Bergen und nutzte die Möglichkeit, um das letzte Jahr noch einmal Revue passieren zu lassen. Es war wirklich eine tolle Saison mit den erfolgreichen Rennen in Antholz, und vor allem mit den zwei Bronzemedaillen bei den Weltmeisterschaften, die nach den vielen Hochs und Tiefs ganz besonders für mich glänzen. Meine Gedanken richten sich aber auch in die Zukunft. Ich habe viel nachgedacht und bin jetzt zu dem endgültigen Entschluss gekommen, dass ich meine Biathlonkarriere beende.

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Wenn ich so auf die vergangenen Jahre schaue, dann kann ich fast nicht glauben, was ich alles erleben durfte und manchmal vielleicht auch erleben musste:

Mit 19 Jahren war ich das erste Mal bei Weltmeisterschaften am Start. Ein Jahr später gewannen wir Staffelweltcups, ich fuhr zu meinen ersten olympischen Spielen und mit 21 Jahren gelang mir mein erster Sprintsieg im Weltcup. Wir wurden Weltmeister und die sportlichen Erfolge hielten eigentlich bis heute an.

Vor allem die Saison 2016/2017, mit den vielen Rennen im gelben Trikot, als ich ganz oben stehen durfte und als fünffache Weltmeisterin von Hochfilzen nach Hause kam, war ein ganz besonderes Highlight.

Es folgten die Olympischen Winterspiele in PyeongChang im Februar 2018. Der Sprint hätte nicht anspruchsvoller sein können: Der Druck im Vorfeld und meine persönliche Erwartungshaltungen waren so hoch. Mein ganzes Leben hatte ich für diesen olympischen Traum gearbeitet. Jede Schweißperle im Kraftraum, auf Skirollern, der Tartanbahn, dem Laufband, bei gleisender Hitze oder betäubender Kälte waren auf dieses Ziel ausgerichtet. Wie viele Schüsse hatte ich schon abgefeuert? Wie viele Stunden mit stupidem Haltetraining absolviert?

Dann war der Tag endlich da. Das Rennen spät am Abend, die wenigen koreanischen Zuschauer, die wahrscheinlich das erste Mal in ihrem Leben der Sportart Biathlon begegneten. Dazu Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt, mit heftigen Windböen, die zusätzliche Energie aus dem Körper saugten. Nicht gerade Wunschbedingungen für das wahrscheinlich wichtigste Rennen meines Lebens!

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An den Wettkampf selbst kann ich mich im Nachhinein kaum noch erinnern. Ich bin so in den Flow eingetaucht, dass meine Erinnerungen beinahe komplett verschwunden sind. Nur das Stehendschießen, bei dem ich eine bewusste Pause vor meinem letzten Schuss und schlussendlich vor meinem 10. Treffer einlegte, ist mir noch präsent. Auf der Schlussrunde mobilisierte ich alle Kräfte, die mir zur Verfügung standen! Im Ziel fühlte ich dann erstmal nur Leere, die sich zunehmend mit wahrer Freude und tiefer Dankbarkeit füllte. Wenn ich heute an diesen Tag denke, bekomme ich noch immer Gänsehaut.

Ich empfinde es als größtes Geschenk, dass ich an diesem Tag mein gesamtes Potenzial zu 100 Prozent ausschöpfen durfte, und ich weiß heute ganz genau: Besser kann ich es nicht! Es war das perfekte Rennen bei schwierigsten Bedingungen. Die Bestätigung meiner Leistung folgte prompt in meiner Paradedisziplin dem Verfolger. Beim Einzel profitierte ich von meinem Kampfgeist, als ich auf der Schlussrunde nochmal sämtliche Kraftreserven mobilisieren und mir die Bronzemedaille sichern konnte.

Erst später habe ich realisiert, wie prägend diese Zeit für mich war. Doch ehe ich mich versah, war ich schon wieder in der Vorbereitung für die neue Saison 2018/19. Und in diesem Winter lagen auf meinem Weg größere Steine. Zum Glück fand ich zwar immer wieder Möglichkeiten, die unterschiedlichen Hindernisse zu überwinden. Aber es kostete mich auch extrem viel Kraft, nach jedem krankheitsbedingten Rückschlag wieder von vorne anzufangen, ruhig und konsequent weiterzuarbeiten und mein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Ganz ehrlich: Die Versuchung war groß, einfach aufzugeben und die Plackerei sein zu lassen. Und im Nachhinein bin ich sehr froh und auch ein bisschen stolz, dass ich mir selbst treu geblieben bin und es wieder gemeinsam mit all den Menschen um mich herum geschafft habe, ganz oben zu stehen.

In Östersund bei der WM 2019 ging ich mit starkem Husten und geschwächten Körper an den Start, doch während der knappen 20 Minuten Rennzeit war der Fokus, der Biss, die Willensstärke, die Taktik, mein Körpergefühl und die Power zurück. Die Konkurrenz verschoss und ich durfte mir die Bronzene sichern. Eine zweite folgte im Verfolgungsrennen. Dazu der 13. Platz im Gesamtweltcup mit gerade einmal der Hälfte aller Rennen. Damit war ich, damit bin ich am Ende sehr zufrieden. Vor allem wenn ich daran denke, wie viele Momente des Zweifelns es während des letzten Jahres gab. Als ich im August und September 2018 im Krankenhaus lag, war ich fest davon überzeugt, nie wieder Spitzensport betreiben zu können. Mein Körper fühlte sich nachhaltig geschwächt an, und auch heute noch habe ich nicht wieder die gleiche Power wie in den Jahren zuvor.

Genau wie die schönsten Momente gehören auch die schwierigen Phasen und Augenblicke zum Leben. Gerade im Sport liegt beides so nahe beieinander. Neben den positiven Erinnerungen sammelte ich auch einige harte Erfahrungen, auf die ich lieber verzichtet hätte. Die letzten Jahre haben mich geprägt, ich durfte sehr viel erleben, lernen, sehen und mich entwickeln. Mein Ziel war es, zumindest für einen Moment die beste Biathletin der Welt zu werden. Um diesen Weg zu gehen, braucht es großen Ehrgeiz, einen starken Willen und viel Durchhaltevermögen. Immer wieder stehst Du auf dem Prüfstein. Du musst überzeugt von deinem Weg sein und diesen konsequent und für dich alleine gehen. Doch um tagtäglich Spitzenleistung abrufen zu können, braucht man halt auch ein gut funktionierendes Team. Und ich bin sehr froh, dass ich in meiner Karriere unzähligen inspirierenden Menschen begegnet bin, die immer an mich glaubten, von denen ich in allen Lebenslagen so viel lernen durfte! All diesen Personen möchte ich heute herzlich Danke sagen!

Meine Sponsoren, und meine Arbeitgeber standen mir stets mit offenen Ohren und Armen zur Seite und mit meinen Trainern und Kollegen/Innen ging ich durch dick und dünn.

Die Menschen aus meiner Heimat und vor allem meine Familie, unterstützten mich jede Sekunde. Viele kamen persönlich an den Streckenrand, um mich anzufeuern. Sogar in Kanada und Korea, in Skandinavien und in den heimischen Alpen. Sie schrieben mir liebe Zeilen, egal ob ich Erste oder Letzte wurde, es gab tolle Empfänge, nette Feste oder entspannte Stunden am Berg, bei denen ich einfach immer Laura sein konnte.

Ich glaube, privater Rückhalt ist eine unverzichtbare Basis für sportliche Spitzenleistung! Vielen Dank für so gute Freunde in Nah und Fern!

Besondere Motivation waren für mich immer die Touren in den Bergen, die Abenteuer am Wegesrand, die einen Ruhetag für mich so liebenswert und für die Trainer oft zur Geduldsprobe machten.

Ich bin überzeugt, dass man Ziele braucht. Wahre Ziele, die einen antreiben, die einem alles bedeuten und für die man alles in die Waagschale werfen würde. Solche Ziele durfte ich mir während meiner Karriere erfüllen. So viele, dass heute kein „Biathlon-Ziel“ mehr auf meiner Liste steht. Ich denke, man sollte hart für seine Ziele arbeiten. Nur dann ist es ein echtes Projekt. Nur dann kann man dieses unglaubliche Hochgefühl spüren, wenn der erfolgreiche Moment gekommen ist. Und doch braucht es Glück oder vielleicht auch den göttlichen Segen, wenn man Jahr für Jahr diese Ziele aufs Neue erreichen möchte.

Heute bin ich an dem Punkt, an dem ich nicht weiß, was genau ich mir für ein Ziel vornehmen sollte, geschweige denn, ob es mir überhaupt wieder gelingen könnte. Allein dieses Gefühl zeigt mir, dass ich nicht mehr hundertprozentig davon überzeugt bin, Biathlon auf absolutem Spitzenniveau betreiben zu wollen. Meine Eltern gaben mir mit auf den Weg: „Mache etwas ganz oder gar nicht!“

Ich denke, das Leben besteht noch aus so viel mehr, als nur aus Leistungssport. Und ich bin jetzt bereit, ein neues Kapitel aufzuschlagen.

Seit ich denken kann, wollte ich Profisportlerin werden. Da ist es natürlich nicht ganz einfach, sofort einen ganz neuen Weg einzuschlagen. Doch auch ein kleiner, unbekannter Pfad führt oft auf die schönsten Gipfel.

Ich freue mich auf die kommende Zeit, neue Blickwinkel, Herausforderungen und viele Erlebnisse rund um den Globus. Es wird aber auch Zeit, mehr Stunden in den eigenen vier Wänden zu verbringen, mehr Spontanität zu leben. Am allermeisten freue ich mich, dass ich mich nun nicht mehr jede Minute an- und abmelden muss, um meinen genauen Aufenthaltsort anzugeben beziehungsweise täglich zwischen 6.00 bis 23.00 Uhr für (Antidoping-) Kontrollen zur Verfügung zu stehen. Dies war schon ein sehr großer Eingriff in die Privatsphäre! Leider gibt es bis jetzt noch kein besseres Kontrollsystem für einen sauberen und fairen Sport.

Meine Entscheidung fällt mir wirklich nicht leicht und mein endgültiger Entschluss durfte nun schon länger reifen. Aber ich merke, dass jetzt der richtige Zeitpunkt für mich gekommen ist.

Ein ganz besonderes Anliegen ist mir, dass ich mich dann auch noch einmal persönlich von den vielen Biathlon-Fans verabschieden kann. Zwar nicht mehr in einem Weltcuprennen. Aber ich habe ja in den letzten Jahren bei Lena, Andrea oder zuletzt bei Ole-Einar gesehen, dass der Biathlon-Event AufSchalke dafür der richtige Rahmen ist. Deshalb würde es mich sehr freuen, wenn ich im Dezember Auf Schalke noch ein letztes Mal die Waffe schultern darf, um mit Langlaufski den Rundkurs meine letzten Biathlonrunden zu absolvieren!

Noch einmal vielen Dank Euch allen für den Zuspruch und das Daumendrücken in den letzten Jahren!

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