Hirscher: Ski Alpin ist wie die Formel 1
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Marcel Hirscher setzt auch in der neuen Saison seine Karriere fort. Der Österreicher spricht über seine späte Entscheidung, seine Ziele und Felix Neureuther. Hier das SPORT1-Interview.

Marcel Hirscher zählt zweifelsohne zu den besten alpinen Skifahrern in der Geschichte. Siebenmal in Serie konnte der Österreicher seit der Saison 2011/2012 den Gesamtweltcup gewinnen, feierte dabei 58 Siege.

Nachdem der 29-Jährige seine Karriere Anfang des Jahres bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang vergolden konnte, war lange Zeit nicht klar, ob er diese auch in der kommenden Saison fortsetzen würde.

Erst Anfang Juli verkündete der Salzburger seine Entscheidung und sorgte damit für Erleichterung bei den Ski-Fans.

Vor dem Saisonstart am Wochenende in Sölden (Riesenslalom, Sonntag ab 10 Uhr im LIVETICKER) spricht der Österreicher im SPORT1-Interview über seinen möglichen Rücktritt, seine Ziele für die anstehende Saison und die Erfolgschancen von Felix Neureuther.

SPORT1: Sie haben die Ski-Nation mit Ihrer Entscheidung lange auf die Folter gespannt. Wie nahe waren Sie denn tatsächlich am Rücktritt?

Marcel Hirscher: Es wäre wahrscheinlich der beste Zeitpunkt gewesen, nach meiner besten Saison aufzuhören. Ich habe mit dem Olympia-Sieg mein letztes großes Ziel erreicht. Dennoch habe ich mir sehr viel Zeit genommen, um schlussendlich auch eine Lebensentscheidung zu treffen. Wenn man den Profi-Sport aufgibt, den man sein Leben lang - seit der Kindheit – verfolgt, dann ist das eine Entscheidung, die man sich sehr genau überlegen muss. Daher habe ich mir sehr viel Zeit gelassen. Aber die letzten Ski-Tage haben mir gezeigt, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe, weil die Freude am Sport nach wie vor da ist.

Ziele wie Lindsey Vonn?

SPORT1: Wie Sie sagen, haben Sie Ihr letztes großes Ziel erreicht. Lindsey Vonn setzt sich dann andere Ziele, wie zum Beispiel die 86 Weltcup-Siege von Ingemar Stenmark zu schlagen. Gibt es nicht noch irgendein konkretes Ziel, das Sie verfolgen?

Hirscher: Ich habe das nie gehabt. Ich war nie derjenige, der gesagt hat 'ich muss' sondern wenn es sich ergibt, dann passt das für mich. Logisch möchte ich so viele Rennen wie möglich gewinnen. Aber welche Zahl das am Ende schlussendlich sein wird, das weiß ich nicht. Ich werde sicher mein Maximum geben. Aktuell habe ich 58 Siege und wenn es dann 59 werden, ist alles wunderbar. Und wenn es ein paar mehr werden, ist es auch gut, aber das würde mein Leben nicht großartig verändern.

SPORT1: Als Sportler versucht man sich natürlich stetig zu verbessern. Bei Ihnen stellt sich allerdings die Frage, was man überhaupt noch besser machen könnte?

Hirscher: Man kann noch wahnsinnig viel verbessern. Wenn man glaubt, dass man sein Maximum erreicht hat, ist das der erste Tag vom Rückschritt und der beste Tag, um aufzuhören – denn dann geht nichts mehr nach vorne, sondern nur noch nach hinten. Wenn man davon überzeugt ist, schon das Beste erreicht zu haben, ist es besser man sagt ‚ich lass es bleiben‘. Und an diesem Punkt bin ich noch nicht. Man kann an sich selbst, an der Fitness, an der Technik, dem Equipment und dem ganzen Drumherum, wie Reisen oder Hotellerie, noch so viel verbessern. Ich bin überzeugt davon: Wir haben zwar nur noch wenig, aber immer noch etwas Luft nach oben.

Marcel Hirscher gewann in Pyeongchang Gold in der Kombination und im Riesenslalom © Getty Images

SPORT1: Gibt es etwas, das Sie sich bei Gegnern abschauen?

Hirscher: Auf jeden Fall. Unser Sport ist natürlich schon mehr materialaffin als man, von außen betrachtet, glauben würde. Schlussendlich ist es ein bisschen wie in der Formel 1. Ein guter Fahrer ohne gutes Auto wird ebenso kein Rennen gewinnen, wie ein guter Skifahrer ohne gute Ski. Deswegen ist das Abschauen, Anschauen und Analysieren von anderen Athleten ganz wichtig.

Hirscher hat Zweifel

SPORT1: Sie haben siebenmal in Serie den Gesamtweltcup gewonnen. Gibt es vor den ersten Rennen dennoch Zweifel, ob es wieder klappt?

Hirscher: Die Zweifel habe ich immer. Ich glaube auch, das ist ein gesunder Respekt vor den anderen Athleten. Das ist auch so eine Art innerer Antrieb, der dir sagt, dass man sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen darf und es stetig weitergeht. Die anderen schlafen ja nicht und versuchen mich vom Thron zu stoßen – wenn man es so nennen will. Früher oder später wird der Zeitpunkt sowieso kommen. Ich versuche eben, so lange wie möglich dagegen anzukämpfen.

SPORT1: Haben Sie Angst vor dem Zeitpunkt, an dem Sie nicht mehr der Serien-Sieger sind?

Hirscher: Nein, denn dann fällt mir eine Entscheidung wesentlich leichter – die Rücktrittsentscheidung.

SPORT1: Ist die Entscheidung, dass Sie bei der WM neben dem Slalom voraussichtlich nur Riesenslalom fahren, noch aktuell?

Hirscher (lacht): Aktuell ist es dann wahrscheinlich drei Tage vor den Weltmeisterschaften. Bis dahin ist es nur 'Blabla', damit es eine Antwort gibt.

SPORT1: Wie ist das während der Saison? Wollen Sie da auch mehr Speed-Rennen auslassen?

Hirscher: Ich muss in jedem Fall schauen, wie die Saison beginnt und wo mein Leistungsniveau zu diesem Zeitpunkt liegt. Und wenn Zeit ist, um die Kerndisziplinen zu vernachlässigen, weil die Form passt, dann werde ich sicher wieder Speed-Ausflüge machen – weil es einfach eine wunderbare Erfahrung ist. Wenn aber Bedarf ist, um in den Kerndisziplinen zu handeln, dann bleibt dafür keine Zeit.

Karriereende noch unklar

SPORT1: Ist das dann abhängig vom Stand im Gesamtweltcup?

Hirscher: Absolut gar nicht. Vielmehr hängt es davon ab, ob ich bei den Besten der Welt mithalten kann oder nicht.

Hirscher verbindet eine jahrelange Freundschaft mit Felix Neureuther © Getty Images

SPORT1: Wie lange werden wir den Rennläufer Marcel Hirscher noch sehen?

Hirscher: Die Frage stelle ich mir sehr oft, kann aber leider keine Antwort geben, da ich sie selbst für mich noch nicht beantwortet habe.

SPORT1: Schaut man sich beispielsweise Felix Neureuther an, der hat ja schon so etwas wie ein verstecktes Talent und sein zweites Kinderbuch herausgebracht. Gibt es bei Ihnen irgendwelche versteckten Talente?

Hirscher (lacht): Ich habe sie noch nicht entdeckt. Aber es ist natürlich eine positive Seite, dass einem sehr viele Türen offen stehen und man sich für einen Weg entscheiden kann. Das ist sicherlich eine sehr große Herausforderung – das braucht man auch nicht schön zu reden – wenn das Skifahren irgendwann nicht mehr ist, diese Fülle, die heute da ist und meinen Alltag bestimmt, mit einer neuen Leidenschaft auszufüllen.

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