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Am Bergisel in Innsbruck platzte schon so mancher deutscher Traum bei der Vierschanzentournee
Am Bergisel in Innsbruck platzte schon so mancher deutscher Traum bei der Vierschanzentournee © SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Getty Images
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München - Karl Geiger erlebt in Innsbruck ein Déjà-vu. Die Schanze, die schon so viele deutsche Tourneehoffnungen platzen ließ, wird dem Skiflug-Weltmeister erneut zum Verhängnis.

Wird es wieder nichts mit einem deutschen Gesamtsieg bei der Vierschanzentournee?

Die Hoffnungen waren groß vor dem Auftakt in Oberstdorf. Verantwortlich dafür waren Karl Geiger und Markus Eisenbichler. Nach den Springen auf der Schattenbergschanze und in Garmisch-Partenkirchen lag Skiflug-Weltmeister Geiger in der Gesamtwertung der Vierschanzentournee nur knapp hinter dem Führenden Norweger Halvor Egner Granerud. (Gesamtwertung der Vierschanzentournee 2020/21).

Die historische Chance auf den ersten deutsche Tourneesieger seit Sven Hannawald (2001/02) war so realistisch wie seit langem nicht mehr.

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Doch am Sonntag stand das dritte Springen dieser Tournee am Bergisel in Innsbruck (Vierschanzentournee: Alle Springen im LIVETICKER) an. So malerisch die Schanze über den Dächern von Innsbruck gelegen ist, so viele Tücken hat sie auch parat.

Diese Erfahrung mussten in der Vergangenheit auch einige deutsche Springer machen. SPORT1 zeigt, warum der Bergisel die deutsche Horror-Schanze ist.

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- 2021: Geiger erlebt ein Déjà-vu

Wie schon im Vorjahr reiste Karl Geiger mit großen Ambitionen nach Innsbruck. Dieses Mal konnte der Deutsche sogar das ersten Springen in Bischofshofen gewinnen. Nach dem Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen lag er auf Rang zwei hinter dem Top-Favoriten Halvor Egner Granerud.

Doch mit einem ersten Sprung von nur 117 Metern waren wieder alle Hoffnungen begraben - auch wenn sein norwegischer Konkurrent ebenso patzte und Geiger am Ende nur 0,1 Punkte auf Granerud verlor. 

Der große Gewinner war Kamil Stoch, der die Patzer der beiden Führenden eiskalt ausnutzte und sich mit dem Tagessieg deutlich an der Spitze der Gesamtwertung absetzte.

Geiger zeigte sich nach dem Springen sehr emotional: "Ich muss erstmal ein bisschen das System runterfahren. Momentan könnte ich echt überall reintreten. So kenn ich mich eigentlich gar nicht. Aber es ist halt doch emotional", sagte er in der ARD.

Sein zweiter Sprung auf 128,5 Meter sicherte ihm zumindest noch den 16. Rang in Innsbruck. Doch 24,7 Punkte Rückstand auf einen Weltklassespringer wie Stoch sind kaum mehr gutzumachen.

- 2020: Geiger verliert den Anschluss

Karl Geiger widerfuhr zu Beginn des Jahres 2020 genau das, was sein Teamkollege Markus Eisenbichler ein Jahr zuvor durchgemacht hatte. Nach zwei starken Wettkämpfen auf den ersten beiden Schanzen und zwei zweiten Plätzen lag er vor dem Springen in Innsbruck auf einem aussichtsreichen zweiten Platz in der Gesamtwertung.

Mit einem unsauberen Sprung bei schlechten Bedingungen nahm er sich aber selbst bereits im ersten Durchgang alle Chancen auf den Gesamtsieg. 

Seine 117,5 Meter konnte er auch mit 126 Metern im zweiten Durchgang nicht mehr korrigieren. Es reichte nur für Platz acht am Bergisel. Damit lag er 13,3 Punkte hinter dem neuen Führenden Dawid Kubacki, der sich den Tourneesieg nicht mehr nehmen ließ. Geiger wurde am Ende Dritter in der Gesamtwertung.

- 2019: Eisenbichler lässt abreißen

Bei der Vierschanzentournee 2018/19 gab es einen haushohen Favoriten: Ryoyu Kobayashi. Der Japaner war in herausragender Form und bestätigte diese auch bei den ersten beiden Springen in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen.

Doch einer bot Kobayashi die Stirn: Markus Eisenbichler konnte auf beiden Schanzen mit dem Ausnahmetalent mithalten. Lediglich 4,3 Punkte trennten den damals 27-Jährigen von der Gesamtführung. Aufgrund der Übermacht Kobayashis wäre der Tourneesieg für den Deutschen eine Sensation gewesen.

Doch der Bergisel machte dem deutschen Team einmal mehr einen Strich durch die Rechnung. Nach einem passablen ersten Sprung von 129 Metern, durch den Eisenbichler schon einige Punkte auf die 136,5 Meter von Kobayashi verlor, folgte eine kleine Katastrophe in Durchgang zwei.

Nur 123,5 Meter bedeuteten für Eisenbichler das Ende seiner Tourneehoffnungen. Kobayashi überzeugte erneut, sprang 131 Meter und gewann auch das dritte Springen. Am Ende der Tournee war er der dritte Springer in der Geschichte der Tournee, der alle Springen gewinnen konnte. 

Eisenbichler landete meilenweit dahinter mit 62,1 Punkten Abstand auf Rang zwei der Gesamtwertung.

- 2018: Freitag stürzt in aussichtsreicher Position

Was Eisenbichler in diesem Jahr ist, war Richard Freitag im vergangenen - die deutsche Hoffnung auf den Gesamtsieg.

Freitag reiste als Zweiter nach Innsbruck. Sein Rückstand auf den Dominator der beiden ersten Springen, Kamil Stoch aus Polen, betrug 11,8 Punkte. Am Bergisel war Freitag in der Vergangenheit oft gut zurechtgekommen. So holte er dort 2015 den Tagessieg. 

Doch innerhalb weniger Sekunden zerschlugen sich für ihn alle Hoffnungen auf den Gesamtsieg. Der damals 26-Jährige konnte den ersten Sprung nicht stehen. 

Bei der Landung landete Freitag mit seinem rechten Ski auf dem linken, verlor dadurch das Gleichgewicht und stürzte. Als 22. wäre er für den zweiten Durchgang qualifiziert gewesen, starke Schmerzen in der Hüfte verhinderten dies allerdings. Auch beim Abschluss-Springen in Bischofshofen konnte er nicht an den Start gehen. 

- 2017: Eisenbichler hadert nach Abbruch

Auch Eisenbichler selbst musste schon einmal mit den Tücken der Bergiselschanze Bekanntschaft machen. Vor dem Springen am 4. Januar 2017 hatte er als Gesamtvierter noch alle Chancen auf einen Podestplatz. Im Windchaos von Innsbruck verspielte er dann alle Chancen. 

Eisenbichler kam bei dem nach einem Durchgang abgebrochenen Springen nur auf den 29. Rang und rutschte in der Gesamtwertung auf den sechsten Platz ab. Starker Wind hatte immer wieder zu Verzögerungen geführt, der erste Durchgang war erst nach 98 Minuten beendet.

"Wehe, die brechen ab", hatte Eisenbichler zunächst nach seinem Hüpfer auf 112,0 Meter gesagt, doch wenig später wurde das widrige Treiben beendet.

Ohne Flutlicht geriet die Jury unter Zeitdruck und schaltete die Ampel auch das eine oder andere Mal auf Grün, wenn die Bedingungen gerade so im Korridor des Erlaubten waren.

Nach dem Springen hagelte es von Springern, Trainern und Experten harte Kritik an der Vorgehensweise der Verantwortlichen.

- 2016: Freund von Patzer im Probedurchgang gestoppt

Auch für Severin Freund hält der Bergisel jede Menge Drama bereit. Bei der Tournee 2016 liegen er und sein Rivale Peter Prevc nach zwei Springen eng beieinander. Im Probedurchgang zum dritten Springen in Innsbruck prallt Freund mit dem Rücken auf den Schnee.

Freund zieht sich eine Hüftverletzung zu, die später sogar operiert werden muss. Freund beißt zwar auf die Zähne und wird starker Zweiter. Er verliert aber über zehn Punkte auf Prevc, der sich diesen Vorsprung nicht mehr nehmen lässt und die Tournee vor Freund gewinnt.

- 1999: Schmitt vergibt den Gesamtsieg

Sechs Weltcup-Springen hatte Martin Schmitt in der Saison 1998/1999 bis zum dritten Tourneestop in Innsbruck gewonnen. Auch in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen war der 20-Jährige einige Tage zuvor nicht zu schlagen gewesen. Viele Fachleute trauten dem damals 20-Jährigen aus dem Schwarzwald als erstem Skispringer überhaupt zu, alle vier Springen zu gewinnen. 

Bei schwierigen Bedingungen stürzte Schmitt dann in der Qualifikation. Davon sichtlich berührt flatterten ihm Tags darauf die Nerven. Er wurde 13. und vergab alle Chancen auf den Tourneesieg.

Schmitt tröstete sich im weiteren Saisonverlauf mit dem Sieg im Gesamt-Weltcup und zwei Goldmedaillen bei der nordischen Ski-WM in Ramsau.

- Tournee-Legende Weißflog mit schlechter Innsbruck-Bilanz

Vier Mal gewann Jens Weißflog die Vierschanzentournee. In Innsbruck wollte es für den Sachsen aber nicht so gut klappen, wie an den anderen drei Orten.

Zehn Tagessiege stehen für den "Floh vom Fichtelberg" zu Buche - nur einer gelang ihm am Bergisel.

"Die äußeren Bedingungen spielen in Innsbruck immer eine besondere Rolle. Die Schanze steht sehr frei und das Tal wird zur Drehscheibe vom Wind. Das macht den Wettbewerb unberechenbarer, trotz der Windnetze", hatte Weißflog 2018 in einem Interview mit Focus Online über die Schwierigkeiten der Bergiselschanze gesagt.

Seit 1984, als Weißflog das Springen in Innsbruck und die Tournee gewann, gab es nur noch zwei deutsche Siege am Bergisel. Sven Hannawald bei seinem Grand Slam 2002 und Richard Freitag 2015. Legendäre deutsche Springer wie Martin Schmitt oder Dieter Thoma siegten in Innsbruck dagegen nie.

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