vergrößernverkleinern
Christian Streich vom SC Freiburg im Regen
Christian Streich ist seit Dezember 2011 Cheftrainer beim SC Freiburg © getty

München - Noch sechs Vereine zittern im Tabellenkeller. SPORT1 beleuchtet die Folgen des Abstiegs für jeden einzelnen. Der SC Freiburg wäre gut vorbereitet.

Gelassenheit? Nein. Das ist nicht das Wort, das Fritz Keller jetzt hören oder benutzen will.

"Gelassen kann ich nicht sein, nach dem was in den letzten Wochen passiert ist", stellt der Präsident des SC Freiburg bei SPORT1 erstmal klar. Er meint damit die Wochen, bevor der überraschende 2:1-Sieg über den FC Bayern seinen Klub noch in eine sehr gute Ausgangsposition für das Finale im Abstiegskampf manövriert hat.

Wo die Konkurrenz gerade klagt über vermeintliche Wettbewerbsverzerrung der Bayern und Freiburg als glücklichen Profiteur, fallen Keller noch einige Situationen ein, bei denen sein Klub weniger Glück hatte.

"Denken Sie dran. Wir sind in sechs Spielen erst in der letzten Minute von drei auf einem Punkt runtergekommen", sagt er. Erst in der vorletzten Woche gegen den HSV auch durch umstrittene Schiedsrichter-Entscheidungen: "Wir könnten zwölf Punkte mehr haben. Und würden jetzt nicht telefonieren."

VfL Wolfsburg v SC Freiburg - Bundesliga
Fritz Keller führt seit 2010 die Geschicke des SC Freiburg © Getty Images

Der schlimmste Fall: nicht ganz so schlimm

Sein Klub hat nur leider zwölf Punkte weniger. Deswegen das Telefonat zur Frage, was denn werden würde, wenn es am Ende dieser Woche zum sportlich Schlimmsten kommt (SERVICE: Tabellenrechner).

Nun ist es nicht so, dass Keller gut leben könnte mit dem Abstieg aus der Bundesliga: "Wir werden alles tun, da zu bleiben, wo wir in den letzten sechs Jahren waren." Natürlich.

Trotzdem träfe das sportlich Schlimmste die Breisgauer weniger schlimm als andere. Keller, der Winzer, Hotelier und Gastronom spricht bei dem Thema gern in Business-Englisch von einem "bad case" anstelle eines "worst case".

"Wir sind vorbereitet", sagt er. Besser wohl als die meisten.

(TEIL 1 der Serie: Hertha BSC im SPORT1-Abstiegscheck)

"Der SC ist einer der am seriösesten geführten Vereine der Bundesliga", hielt Christian Seifert, Chef der Deutschen Fußball Liga (DFL) kürzlich fest: "Und finanziell einer der drei gesündesten Klubs in Deutschland."

Seriös auf dem Haifischmarkt

Wie man es hinkriegt, so seriös zu sein in einem Gewerbe, das Keller selber einen "Haifischmarkt" nennt? "Man gibt einfach nur so viel aus, wie man ausgeben kann", antwortet Keller: "Und macht keine Flausen und hofft, dass irgendwann ein Retter kommt."

Oder: "Wir versuchen, nach dem ökonomischen Prinzip zu handeln, das Beste aus jedem Euro zu machen, den man investiert. Das ist uns, denke ich, gut gelungen in den vergangenen Jahren. Und so haben wir auch unsere Unabhängigkeit bewahrt."

Einfache Dinge. Die oft schwierig zu befolgen sind in diesem hitzigen Geschäft - das außerhalb Freiburgs gewiss noch ein wenig hitziger ist.

Neues Stadion als Versicherung

Wobei: Ganz unaufgeregt geht es in und um Freiburg auch nicht immer zu. Keller hat es erlebt in der Debatte um das neue Stadion, das 2019 fertiggestellt werden soll.

Die Gegner warfen dem Klub alle möglichen Dinge vor, bis hin zur Gefährdung von Menschenleben - weil  durch den Bau verursachte "Verwirbelungen" den Rettungsflugbetrieb behindern könnten. Das neue Stadion stünde direkt neben dem Freiburger Flugplatz, für manche zu nah.

Letztendlich haben die Bürger der modernen Arena trotzdem zugestimmt. Und Keller damit um eine größere Sorge erleichtert: Das jetzige Stadion ist schließlich nicht nur klein, es hat auch eine schlechte Verkehrsanbindung, zeitgemäße Vermarktungsmöglichkeiten wie VIP-Logen fehlen.

Die neuen Einnahmequellen sollen helfen, "den einen oder anderen Spieler mal ein Jahr länger zu halten". Die Arena im Wolfswinkel soll also ein bisschen bissfester machen für den Kampf mit den Haifischen - egal ob sie nun in der ersten oder zweiten Liga schwimmen.   

SPORT1 beleuchtet die drohenden Folgen eines Abstiegs.

Die Finanzen

Auf die finanziellen Konsequenzen eines Abstiegs ist Freiburg gut vorbereitet, schmerzhaft wären sie trotzdem - vor allem die rund 20 Millionen Euro Fernsehgelder aus der Inlandsvermarktung, die wegfielen.

"Wer in der Zweiten Liga oben mitspielen will, muss mehr ausgeben, als er Fernsehgelder bekommt", sagt Keller. "Genau dieses Geld haben wir auf die hohe Kante gelegt."

Ein Sturz in die Zweite Liga ist in die Planungen also einkalkuliert und notfalls auch für mehrere Jahre verkraftbar.

SC Freiburg v FC Augsburg - Bundesliga
Werden im Abstiegsfall nicht vollzählig in Freiburg bleiben: Felix Klaus, Nils Petersen, Jonathan Schmid und Oliver Sorg (v.l.) © Getty Images

Der Kader

Dass alle Spielerverträge für die Zweite Liga gelten, ist mittlerweile Standard, in Freiburg natürlich auch.

Trotzdem müssen die Breisgauer mit Abgängen rechnen: An Außenverteidiger Oliver Sorg ist Borussia Dortmund nach SPORT1-Informationen hoch interessiert. Die Bremer Leihgabe Nils Petersen bleibt nur im Fall des Klassenerhalts. Auch Keeper Roman Bürki, Jonathan Schmid, Admir Mehmedi und Vladimir Darida werden keine Probleme haben, einen neuen Arbeitgeber in der ersten Liga zu finden.

"Wenn man so gut ausbildet wie wir und so gut gespielt hat wie wir, weckt man Begehrlichkeiten", sagt Keller.

Er will auch nicht darüber jammern, sein Klub versteht sich schließlich als Ausbildungsverein: "Fluktuation hilft ja auch, dass neue Talente nachkommen und sehen, dass man bei Freiburg eine Chance bekommt und der Klub ein Sprungbrett ist. Es ist Fluch und Segen zugleich."

Die Verantwortlichen

"Nach Christian Streich brauchen sie nicht zu fragen", sagt Keller. Also fragt man auch nicht.

Zumal man auch so schlüssig erklärt bekommt, warum der Trainer auch im Abstiegsfall unantastbar ist.

"Das liegt nicht daran, dass wir gute Freunde sind", sagt Keller: "Das liegt daran, wie er arbeitet. Christian Streich und sein Team sind unglaublich fleißig und tun einfach alles, was in ihren und unseren Möglichkeiten steht."

Kontinuität soll es in Freiburg nicht nur auf der Trainerposition geben, sondern auch beim großen Ganzen. Auf die Frage, welche Fehler man im Abstiegsfall vermeiden müsse, erwidert Keller: "Auch da geht es darum, nicht mehr auszugeben, als man ausgeben kann."

Wenn man dem Freiburger Präsidenten so zuhört, könnte man glauben, dass es eigentlich ganz einfach ist, seriös zu sein.

Fazit

Der SC Freiburg hat immer wieder bewiesen, dass ein Abstieg ihn nicht im Kern erschüttert - und ist immer wieder gekommen. Es würde diesmal nicht anders laufen.

(TEIL 1 der Serie: Hertha BSC im SPORT1-Abstiegscheck)

Video
teilentwitternsammelnE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel