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Rudi Völler (l) holte Roger Schmidt 2014 von Red Bull Salzburg zu Bayer Leverkusen © SPORT1 Grafik: Paul Hähnel/Picture-Alliance

Bayer Leverkusen sucht seit Jahren ein neues Image. Roger Schmidt und Rudi Völler verpassen dem Werksklub aber ein Gesicht, das inzwischen nicht mehr allen gefällt.

Schlechte Presse ist gute Presse. Oder aber zumindest besser als gar keine, heißt es. Also alles richtig gemacht Bayer Leverkusen?

Nur selten wird dem Klub, dem seit Jahren das mausgraue Werksklub-Image anhaftet, so viel Aufmerksamkeit zuteil. Der Eklat um den von Trainer Roger Schmidt provozierten Spielabbruch gegen Dortmund beschäftigt Fußball-Deutschland. Und nun auch den Kontrollausschuss des DFB - in doppelter Hinsicht.

Am Montag bestätigte der DFB, dass nicht nur gegen Roger Schmidt, sondern auch gegen Sportchef Rudi Völler ermittelt werde. In erster Linie will Bayer natürlich durch sportliche Großtaten oder zumindest durch mitreißenden Offensiv-Fußball begeistern, so auch im wichtigen Rückspiel in der UEFA Europa League bei Sporting Lissabon am Donnerstag.

(Die UEFA Europa League, Do. ab 19 Uhr LIVE im TV auf SPORT1, in unserem Sportradio SPORT1.fm und im LIVETICKERHIGHLIGHTS ab 23 Uhr auf SPORT1)

Doch in Zeiten glattgebügelter Aussagen und verbalem Einheitsbrei ist dabei jeder Ausbruch aus medialem Einerlei eine willkommene Abwechslung. Nicht umsonst wird im Fußball immer nach den sogenannten Typen gerufen.

Völler auf einem schmalen Grat

Rudi Völler ist so ein Typ. Doch der Bayer-Sportdirektor wandelt nicht erst seit dem Skandal-Abbruch beim Spiel gegen Borussia Dortmund seiner anschließenden, x-ten Wutrede auf einem schmalen Grat.

Völler hat man solche Entgleisungen, angefangen 2003 mit seinem legendären Weißbier-Ausraster, immer auch verziehen. Sie vor allem auch mit einem Schmunzeln zur Kenntnis genommen.

Doch in den vergangenen Monaten haben sich seine Fehltritte gehäuft, Völler zeigte sich oft dünnhäutig. Statt weiser und milder wirkte der 55-Jährige eher gereizter und reizte seine Rolle als polternder Chefkritiker aus.

Alleine in dieser Saison sorgte er nach der Derby-Niederlage gegen den 1. FC Köln mit seiner respektlosen Tätschel-Geste im Sky-Studio bei Jessica Kastrop für Wirbel, nach der Schlappe in Wolfsburg schrieb er mit seinem Sprint von der Tribüne an den Spielfeldrand mit anschließendem Wutausbruch Negativ-Schlagzeilen.

Wie ein beleidigtes Kind

Verbunden mit einem Trainer, der auch nicht unbedingt als Diplomat gilt, droht Bayer ein Negativ-Image, wirkt der Klub wie ein schlechter Verlierer. Schmidt blieb auch mit ein wenig Abstand in gewisser Weise stur, nachdem er während des Spiels Schiedsrichter Felix Zwayer wie ein beleidigtes Kind zu sich zitieren wollte.

"Das war sicher ein Fehler von mir. Aber natürlich hätte ich mir gewünscht, dass der Schiedsrichter mir erklärt, warum ich auf die Tribüne muss. Es gibt in der Emotionalität Situationen, wo man auch mal über das Ziel hinausschießt. Das habe ich wahrscheinlich gemacht", sagte Schmidt.

"Ich werde weiter an mir arbeiten. Aber wenn ich nicht mehr aufstehen soll, um meine Mannschaft zu unterstützen, kann ich auch gleich zu Hause bleiben", sagte er Sky.

Schmidt räumte zwar ein Fehlverhalten ein, ihm sei es allerdings "zu wenig" gewesen, den Verweis von Zwayer aus weiter Entfernung angezeigt zu bekommen. "Ich wollte zumindest einmal mit dem Schiedsrichter sprechen. Das habe ich Stefan Kießling gesagt, aber da war es schon zu spät", sagte er: "Einmal kurz zu kommunizieren, wäre doch nicht zu viel verlangt gewesen."

Probleme mit Kritik

Ein komplettes Schuldeingeständnis ohne "Wahrscheinlich" und "Aber" sieht anders aus. Dass er in gewisser Weise sogar einen Zusammenhang zwischen seinem Verhalten und dem nicht gegebenen Handelfmeter sah, unterstreicht den Eindruck, dass Schmidt mit Niederlagen oder Kritik immer noch nicht gut umgehen kann.

Denn Vorwürfe, er sei bisweilen arrogant, gab es in seiner Anfangszeit häufiger, als er Kritiker schon mal nonchalant abkanzelte. Unvergessen sein Arroganz-Anfall nach dem Derby Ende 2014 gegen Köln ("So könnte ich nicht Fußball spielen, wie Köln gespielt hat. Dann wäre ich kein Trainer").

Mit seiner Weigerung, auf die Tribüne zu gehen gab er diesen Vorwürfen nun neue Nahrung. Auch wenn Fürsprecher einwenden, Schmidt verteidige seine Mannschaft und seinen Fußball nun mal mit Haut und Haaren.

Geplantes Chaos

Nun ist der Bayer-Fußball seit dem Amtsantritt des 48-Jährigen im Sommer 2014 im Gegensatz zur oftmals biederen und langweiligen Vergangenheit tatsächlich spektakulärer geworden.

Was auch damit zusammenhängt, dass Bayer im System des Trainers auch immer "ein wenig Chaos stiften will", wie Dortmunds Kapitän Mats Hummels erklärte und von einer gewissen "Hektik" auf dem Platz sprach.

Emotionen gehören inzwischen dazu, auch Provokationen. Das ist zum gewissen Teil Kalkül, und diese Intensität lebt Schmidt an der Seitenlinie auch oft aus. Inzwischen zu oft. Nicht umsonst sprach Bayer-Kapitän Stefan Kießling, der vergeblich als "Mediator" fungiert hatte, von einer "Scheiß-Situation".

Keine Frage: Über ein neues Image freuen sie sich in Leverkusen wohl noch mehr als anderswo. Es sei denn, dieses neue Image wird zu einem Problem.

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