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Es gibt Unterschiede beim Abschied von Pep Guardiola (l.) und Jupp Heynckes © Grafik SPORT1 Marc Tirl

München - Auch 2013 stand beim FC Bayern schon im Januar fest, dass die Mannschaft im Sommer einen neuen Trainer haben würde. Und dennoch gibt es gravierende Unterschiede.

Dass Trainer ihre Klubs verlassen, ist zunächst einmal keine große Sache. Auch dass der Abschied bisweilen schon ein paar Monate vorher feststeht, hat es schon gegeben. Beim FC Bayern aber scheint seit dem feststehenden Abgang von Pep Guardiola etwas aus den Fugen geraten zu sein.

Dabei hat die Mannschaft bereits in der Triple-Saison 2013 bewiesen, dass sie einem scheidenden Trainer den Abschied mit dem größtmöglichen Triumph versüßen kann.

Wo also liegen die Unterschiede zwischen der Klasse von 2013 unter Jupp Heynckes und der aktuellen Generation? (Alles zu diesem Thema auch ab 18.30 Uhr in Bundesliga Aktuell)

Die Ausgangslage:

Viele dürften es schon fast vergessen haben: Aber vor dem Triple mussten die Bayern erst einmal eine Horrorsaison verarbeiten. In der Saison 2011/2012 verspielten die Münchner alle Titel: Die Liga gewann Borussia Dortmund souverän mit acht Punkten Vorsprung, im DFB-Pokalfinale demütigten die Klopp-Jünger um Robert Lewandowski die Münchner mit 5:2. Dazu noch die größte anzunehmende Katastrophe: Das verlorene Finale dahoam in der Champions League, diese brüllend ungerechte Pleite gegen Chelsea im Elfmeterschießen.

Die Bayern lagen am Boden – und spielten 2012/2013 die erfolgreichste Saison der Klubgeschichte. Bereits nach 28 Spieltagen stand die Meisterschaft fest, am Ende hatte man 25 Punkte Vorsprung auf den zweitplatzierten BVB. Dazu kamen noch Triumphe im Supercup, Pokal und natürlich die Robben-Show von Wembley im deutschen Champions-League-Finale gegen Dortmund.

Die Klasse von 2016 kann immerhin auf die 25. Meisterschaft der Vereinsgeschichte zurückblicken. Im Pokal und Champions League war letzte Saison jeweils im Halbfinale Schluss. Im Pokal knapp im verrutschten Elfmeterschießen, in der Champions League zerschellte Bayern an Lionel Messi und Barcelona. Das 3:2 im Rückspiel war nach den drei späten Gegentreffern in Barcelona einfach zu wenig. In seinem letzten Vertragsjahr muss Guardiola sein Halbfinal-Trauma loswerden, um auf eine Erfolgsstufe mit Heynckes zu kommen. Ob er am Ende von den Fans mit Pep-Pep-Pep-Rufen aus München verabschiedet wird, hängt auch davon ab.

Die Unruhe:

Die Triplesaison gehört wohl zu den konzentriertesten der Klubgeschichte. Die größten Aufreger waren der öffentlich ausgetragene Streit der Bosse mit ihren Kollegen von Borussia Dortmund  – und Uli Hoeneß' Steueraffäre. Die Mannschaft tangierte das aber nie.

Etwas haarig wurde es nur im Januar, als sich in die allgemeine Euphorie rund um die Verpflichtung des damals als Trainer-Messias angesehenen Pep Guardiolas auch eine leichte Verstimmung von Jupp Heynckes mischte. Der war von seinem Freund Hoeneß erst im letzten Moment von Guardiolas Verpflichtung informiert worden, zudem kündigte Bayern etwas vorschnell an, dass Heynckes im Sommer in seinen wohlverdienten Ruhestand gehen werde.

Für die Mannschaft war aber klar, dass sie dem allseits beliebten Heynckes den bestmöglichen Abschied vom FC Bayern bescheren wollte. Das, und das gute Verhältnis zum Trainer, war zusammen mit der Motivation, die 2012er-Saison vergessen zu machen, eines der wichtigeren Erfolgsfaktoren auf dem Weg zum Triple.

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Im Vergleich zu 2013 agieren die Bayern derzeit hypernervös. Mit Spielern, die zu Maulwürfen werden; mit Verantwortlichen, die sich in epischer Medienschelte üben, aber doch das allgemeine Knirschen rund um den Klub und die Mannschaft nicht dementieren können; mit einem Trainer, der offen zugibt, sich schon jetzt auch um seinen nächsten Verein zu kümmern, darin aber partout kein Problem erkennen mag.

Dazu kommen nicht enden wollende Nachrichten über verletzte Spieler und maulende Fans, die sich wegen der Internationalisierungsbestrebungen des Klubs mit Trainingslagern und Sponsoren aus Katar Sorgen um die Identität ihres Vereins machen. Die Mannschaft aber scheint sich auf dem Platz von all der Aufregung nicht beeinflussen zu lassen. Sportlich liegt Bayern voll im Soll. Probleme mit Guardiola haben die Spieler auch nicht. Im Gegenteil. Doch sie lieben ihn auch nicht so wie den väterlichen Heynckes.

Die Mentalität:

Nach dem Drama dahoam und der EM galten Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Manuel Neuer und Co als tolle Fußballer, die kein Finale gewinnen können. Doch 2013 wurde aus ihnen eine Goldene Generation des deutschen Fußballs. Die Bayern 2012/2013 waren eine eingeschworene Einheit, die alles dem großen Ziel unterordnete.

"Ohne die Niederlage gegen Chelsea hätten wir nicht alle drei Titel geholt", erinnerte sich Heynckes später. Im Kielwasser des Champions-League-Triumphs wurde Deutschland dann 2014 auch noch Weltmeister.

Satt vom Erfolg ist kein Bayern-Spieler seitdem. Die Bayern sind natürlich hungrig, jeder möchte das Triple gewinnen, doch der Henkelpott ist für die Führungsspieler keine Obsession mehr. Eigentlich eine gute Sache, aber die Bedeutung von Titeln relativiert sich ein wenig, je wichtiger der Prozess wird.

Die Bayern gewinnen, weil sie so spielen, wie sie spielen. Sie spielen nicht mehr, um zu gewinnen. Das ergibt tolle, spektakuläre Spiele en masse. War aber in den letzten zwei Champions-League-Halbfinals möglicherweise auch ein wenig hinderlich.

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