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München - Diego Simeone hat bei Atletico nach seinem Bilde die - im besten Sinne - ekligste Mannschaft der Welt geformt. Barca nahmen die Spieler die Lust am Zaubern. Und jetztBayern?

Kaum zu glauben, aber Pep Guardiola und Diego Simeone sind sich als Trainer nur ein Mal an der Seitenlinie begegnet. Am 25. Spieltag der Saison 2011/2012 empfing Atletico mit Simeone im Vicente Calderon Guardiolas Barcelona. Die Katalanen gewannen 2:1.

Zeit zum Kennenlernen! Am 27. April in Madrid und 3. Mai in München treffen die beiden Trainer sich nun in den Halbfinal-Begegnungen der Champions League zwischen dem FC Bayern München und Atletico Madrid wieder.

"Ich kenne ihn nicht, ich habe vielleicht zweimal in meinem Leben mit ihm gesprochen. Aber die Spieler machen genau das, was er will. Die Spieler folgen ihm ohne Zweifel. Er ist vielleicht einer der besten Trainer der Welt", sagte Guardiola nach der Auslosung.

Der Lord Voldemort des Weltfußballs

Bayerns Coach ist ja schnell mit Huldigungen dabei. Doch das ging über Peps Standard-Lob-Repertoire hinaus. Zu Recht.

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Wenn Guardiola der weiße Magier unter den Trainern ist, quasi ein etwas in die Jahre gekommener Harry Potter ohne Brille und Glatze, der mit seinen Ideen von Ballbesitz und totaler Kontrolle das schöne und perfekte Spiel kreieren möchte, ist Simeone der Lord Voldemort des Weltfußballs. Der mächtigste, schwarze Magier unserer Zeit.

Und das ist alles andere als abwertend gemeint.

Weniger egal als Ballbesitz sind Simeone auf dem Platz vielleicht nur Manieren. Er brüllt, lamentiert, legt sich mit Spielern, Trainern und Schiedsrichtern an. Wo andere "Eier, wir brauchen Eier" rufen, fasst er sich schon einmal demonstrativ ans Gemächt. "Er ist wie ein Fan", sagte Guardiola. Er meinte es anerkennend.

Eine Beleidigung als Glaubensbekenntnis

Und dann dieser Spitzname! Jeder andere würde El Cholo, ein Latino-Slangausdruck für Menschen mit indigenen Wurzeln, als Beleidigung empfinden. Simeone dagegen trägt ihn wie eine Monstranz stolz vor sich her.

"Cholismo bedeutet einfach, dass man an den Erfolg glaubt, wie man an seinen Gott glaubt. Und von meinen Mitspielern und Spielern erwarte ich, dass sie mir in diesem Glauben folgen. Denn genau darum geht es beim Fußball", sagte Simeone einmal.

Eine Beleidigung als Glaubensbekenntnis. Im Namen des Cholismo hat Simeone, stets ganz in schwarz gekleidet, nach seinem Bilde die ekligste Mannschaft der Welt geformt.

"Die Mannschaft hat die selbe Mentalität wie der Trainer", sagte Guardiola. Barcas Stars nahmen die Flegel Europas in den Viertelfinalspielen jegliche Lust am Zaubern.

Beste Defensivmannschaft der Welt

"Wenn ich Schlamm sehe, werfe ich mich hinein. Arbeit ist alles. Ich glaube, dass Spieler, die gewinnen wollen, eine Mannschaft verbessern", lautet ein weiterer Grundsatz Simeones.

Auch die Stürmer Fernando Torres und vor allem Barca-Besieger Antoine Griezmann verteidigen emsig mit - um dann bei den blitzschnellen und effektiven Kontern rechtzeitig wieder vor dem gegnerischen Tor zu sein.

Wenn Bayern schon Mühe hatte gegen die ebenfalls defensivstarken und cleveren letzten Gegner Juventus und Benfica Lissabon, erwartet sie mit Atletico nun die wohl beste Defensivmannschaft der Welt.

Atletico sei "ein Leidenschaftsmonster", konstatierte Bayerns Sportvorstand Matthias Sammer, "das wird extrem und eine große Prüfung. Wir dürfen nicht ein, zwei Prozent nachlassen. Diego Simeone steht für eine große Identität und große Ehrlichkeit. Er hat Atletico in einer sehr schwierigen Phase stabilisiert und Titel gewonnen."

Spanische Verhältnisse verschoben

Wohl wahr. Seit Simeone die Mannschaft 2012 übernommen hat, haben sich die sprichwörtlichen spanischen Verhältnisse verschoben.

Es heißt nicht mehr: Barca, Real und dann lange nichts. Sondern: Real, Barca und Atletico. Die Rojiblancos sind den Glitzerklubs so gut wie ebenbürtig - und das ohne Außerirdische im Kader.

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Im ersten Jahr gewann Simeone mit Atletico die UEFA Europa League, im zweiten Jahr den Pokal, im dritten Jahr die Meisterschaft. Das Stadtfinale der Champions League gegen Real verlor man in der Verlängerung - die Reals Sergio Ramos erst in der Nachspielzeit erzwungen hatte.

Diese Saison wollen Simeone und seine Flegel mehr. In der Meisterschaft ist der Rückstand auf Barca auf nur noch drei Punkte geschrumpft. In der Champions League scheint ohnehin alles möglich. "Unsere Chancen stehen 50:50", sagte Sammer.

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