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Gerry Ehrmann ist seit 1996 Torwarttrainer beim 1. FC Kaiserslautern. Julian Pollersbeck schaffte unter ihm den Sprung ins U21-Nationalteam © SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Getty Images/Imago/iStock

München - Julian Pollersbeck überzeugt bei der UEFA U-21 EM mit Glanzparaden, die er bei Gerry Ehrmann lernte. Bei SPORT1 spricht die Torwart-Trainer-Ikone über das Talent.

Roman Weidenfeller, Tim Wiese, Kevin Trapp - die Liste der Klasse-Keeper, die Gerald "Gerry" Ehrmann beim 1. FC Kaiserslautern herausgebracht hat, ist lang. Mit Julian Pollersbeck hat gerade sein jüngster Schützling den Sprung in die Bundesliga geschafft.

Nach einer bärenstarken Saison, in der er zum Stammtorwart bei den Roten Teufeln und zur Nummer eins in der deutschen U-21 avanciert ist, hat der Hamburger SV den 22-Jährigen für stolze 3,5 Millionen Euro verpflichtet.

Vor dem Halbfinale der UEFA U-21 Europameisterschaft zwischen Deutschland und England (ab 18 Uhr ‪im LIVETICKER, Highlights ab 23 Uhr im Free-TV auf SPORT1) spricht Ehrmann nun im SPORT1-Interview über die Entwicklung des Shootingstars.

SPORT1: Herr Ehrmann, was sagen Sie zum Wechsel von Julian Pollersbeck zum Hamburger SV?

Gerald Ehrmann: Diese Möglichkeit bekommt man nicht oft, so eine Chance muss man natürlich wahrnehmen. Ob das zu früh ist, das muss sich jetzt zeigen. Er muss sich durchsetzen. Ich drücke ihm die Daumen, traue es ihm zu, denn er hat eine sehr gute Psyche.

SPORT1: Wie erklären Sie sich den rasanten Aufstieg von Pollersbeck?

Ehrmann: (lacht) Wir haben hart und professionell trainiert. Das ist genau mein Ding: Auf dem kürzesten Weg das Schnellstmögliche erreichen. Und natürlich ist Julian mit den Aufgaben gewachsen, als er regelmäßig spielte. Ich wusste von Anfang an, dass er es schaffen kann. Wenn man eine gute Psyche mitbringt und nicht bei jedem Fehler nervös wird, dann macht es keinen großen Unterschied, ob man in der 1., 2. oder 3. Liga spielt. Die Aufgabenstellung ist für einen Torhüter immer die gleiche. Wichtig ist, dass man mit dem Druck gut umgehen kann.

SPORT1: Was sind die Stärken von Pollersbeck?

Ehrmann: Julian ist fußballerisch sehr stark, beidfüßig und natürlich strahlt er viel Ruhe aus. Zudem hat er eine ideale Größe und ist unheimlich gut im Eins-gegen-eins.

SPORT1: Warum entwickeln sich ausgerechnet unter Ihnen Torhüter zu Top-Keepern?

Ehrmann: Gute Frage. Es gibt viele talentierte Keeper - wichtig ist, dass sie im Verein eine Chance bekommen und das ist in Lautern (1. FC Kaiserslautern, Anm. d. Red.) gegeben. Ich habe da eine andere Philosophie. Wenn ich mich für einen jungen Torhüter entscheide, dann kriegt er die Chance zu spielen.

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SPORT1: Hat Pollersbeck mit Ihnen im Vorfeld über den HSV-Wechsel gesprochen?

Ehrmann: Er hat nicht wirklich viel mit mir darüber geredet. Die jungen Spieler sind heutzutage alle recht mündig, haben ihre eigenen Berater an ihrer Seite. Manche denken, weiß Gott wie wichtig sie sind. Das ist aber ein Generationsproblem (schmunzelt). Sie sind in jungen Jahren schon recht selbstständig, was Entscheidungen angeht. Julian weiß, was er will.

SPORT1: Sind Sie traurig, dass mit ihm wieder einer Ihrer Schützlinge den Betzenberg verlässt?

Ehrmann: Natürlich ist das auf menschlicher und freundschaftlicher Basis ein Verlust. Ich bin für die Jungs Psychologe, Trainer und Freund. Deshalb habe ich zu allen meinen Ex-Torhütern ein gutes Verhältnis. Ich sehe meine Arbeit darin, dass ich den Jungs ein solides Fundament mitgeben kann. Mittlerweile bin ich das gewohnt, jetzt kommt der Nächste, den ich nach vorne bringen will. Da wird nicht groß gejammert. So ist das Geschäft.

SPORT1: Die besten Torhüter verlassen immer wieder den FCK. Gab es eigentlich auch mal eine Anfrage an Sie?

Ehrmann: Die gab es, aber ich bin 58 und schon so lange beim FCK, da müsste viel passieren, dass ich den Verein verlassen würde. Ich bin immerhin schon 34 Jahre dabei und ich identifiziere mich absolut mit der Region und dem Klub. Das gebe ich auch meinen Torhütern als Grundeinstellung mit. Herz und Leidenschaft zählen und der Wunsch, dem Verein etwas zurückzugeben anhand von Einstellung und Identifikation.

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SPORT1: Was kann man von Pollersbeck noch erwarten?

Ehrmann: Wenn Julian mit seinen Aufgaben wächst, dann wird da noch einiges von ihm kommen. Ihm steht eine große Karriere bevor. Seine eigenen Erfahrungswerte bringen ihn als Torwart bestimmt weiter, nicht die täglichen Übungen. Und er muss bodenständig und im Kopf klar bleiben.

SPORT1: Unter Ihnen wurden Wiese, Trapp und jetzt Pollersbeck zu Nationalkeepern. Wie kann man diese Drei vergleichen?

Ehrmann: Die Grundeinstellung war bei allen gleich. Julian ist ein ähnlicher Typ wie Kevin Trapp, was die Ausstrahlung betrifft. Wiese, Weidenfeller und auch ein Luis Robles waren aggressivere Typen. Ich will keine Retorten-Babys, sondern jeder Torwart hat einen anderen Charakter und jeder soll seine Stärken auch ausleben.

SPORT1: Nach unseren Informationen hätten Sie es begrüßt, wenn Marius Müller, der im vergangenen Sommer vom FCK zu RB Leipzig wechselte, dort aber nicht glücklich wurde, zurückgekommen wäre.

Ehrmann: Das stimmt. Ich hätte den Jungen liebend gerne zurückgenommen, aber sein Berater hat da nicht mitgespielt.

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