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München - Mit Joseph S. Blatters Wiederwahl bleibt beim Weltverband alles wie gehabt. Seinen Gegnern fehlt die Einigkeit, nur die Ermittlungsbehörden und Sponsoren machen Druck.

Es herrschte Ausnahmezustand in den vergangenen Tagen in Zürich.

Kurz vor dem Wahlkongress der FIFA wurden sieben hochrangige Funktionäre wegen Korruptionsverdacht festgenommen. Für die dubiosen Umstände bei den WM-Vergaben an Russland und Katar interessiert sich jetzt die Schweizer Bundesanwaltschaft.

Der Skandal um die FIFA ist das bestimmende Thema - weit über die Grenzen des Sports hinaus.

Kein Boykott, kein Rücktritt

Präsident Joseph S. Blatter erreichten Rücktrittsforderungen, ein Boykott seiner Wahl stand im Raum. Und dann? Business as usual. Der 79-Jährige Schweizer wurde mit großer Mehrheit wiedergewählt.

War was? Nicht viel. "Wir wurden in den letzten Tagen durchgeschüttelt von einem Sturm", sagte Blatter am Wahltag. Und am Samstag ließ er wissen: "Ich bin auf zwei Ebenen erleichtert. Erstens, weil ich wiedergewählt wurde. Und zweitens, weil mir die gute Stimmung heute Morgen im Exekutivkommitee das Gefühl gibt, nicht alleine zu sein."

Der allmächtige FIFA-Boss, er wankte ein wenig. Gefallen ist er jedoch nicht. ("Sepp tanzt weiter auf seiner Titanic": Pressestimmen zum FIFA-Kongress)

Doch wie geht es jetzt weiter? SPORT1 hat die Antworten zu den drängendsten Fragen.

- Was ist passiert?

Blatter bleibt Präsident der FIFA. Der Schweizer gewann die Wahl in Zürich trotz des neuerlichen Korruptionsskandals gegen Herausforderer Prinz Ali bin Al Hussein aus Jordanien.

Der Amtsinhaber hätte nach 133:73-Stimmen im ersten Wahlgang eigentlich in den zweiten gemusst, der Herausforderer verzichtete dann jedoch mit Tränen in den Augen.

Spätestens jetzt ist klar: Nichts und niemand kann Blatter stürzen. Nie war der ewige FIFA-Boss (seit 1998) so angezählt und so leicht abzusetzen - die Gegner aber versagten auf ganzer Linie. 

- Wie konnte es dazu kommen?

In der weltweiten Öffentlichkeit wird Blatter heftig kritisiert, in seinem eigenen Reich ist der Boss aber nach wie vor sehr beliebt. Und Krisen und Skandale hat es bei der FIFA eigentlich schon immer gegeben. Die Mehrheit der 209 Landesverbände sieht stattdessen die positiven Seiten.

So ist die ohnehin schon immense Wirtschaftskraft des Weltverbands weiter gestiegen. Die FIFA konnte ihre Finanzrücklagen im Vergleich zum Vorjahr um 91 Millionen US-Dollar auf 1,523 Milliarden erhöhen. Das wird vor allem in Afrika und Asien gerne gesehen, wo die Verbände mehr als die reicheren Föderationen in Europa von Blatters Ausschüttungen profitieren. 

Die verpasste Zweidrittel-Mehrheit im ersten Wahlgang ist ein kleiner Denkzettel, der aber bald vergessen sein wird.

- Wie verhält sich die Opposition aus Europa?

Ihr Aufbegehren ist verpufft. Am Mittwoch wollte die UEFA wegen der Festnahmen von FIFA-Funktionären und den Korruptionsermittlungen den Kongress noch boykottieren. Am Donnerstag kam der Rückzieher.

UEFA-Präsident Michel Platini bei einer Rede
UEFA-Boss Michel Platini hatte Blatters Rücktritt gefordert © Getty Images

Es blieb bei Drohungen, im Fall von Blatters Wiederwahl alles zu überdenken und "auf den Tisch zu legen", wie UEFA-Präsident Michel Platini erklärt hatte. Am Rande des Champions-League-Finals am 6. Juni in Berlin soll es zwar ein Krisentreffen geben. Wirklich passieren wird dennoch wohl nichts, denn dafür fehlen Einigkeit und Mut.

Bezeichnenderweise soll nach einem Bericht der L'Equipe selbst Platinis Landsmann Noel Le Graet als Vorsitzender des französischen Verbandes für Blatter gestimmt haben.

- Was sagt Blatter?

Nachdem der Schweizer direkt nach seiner Wiederwahl noch vom "Hass" einiger Widersacher gegen seine Person gesprochen und angekündigt hatte, er werde "verzeihen, aber nicht vergessen", gab er sich am Samstag schon wieder etwas versöhnlicher.

"Ich bin von 133 Verbänden gewählt worden, aber ich bin der Präsident von allen - auch von denen, die mich nicht gewählt haben", sagte Blatter.

Ein belastbares Verhältnis zwischen den Europäern als reichster Konföderation und dem Weltverband sei außerdem in beiderseitigem Interesse: "Die UEFA braucht die FIFA und umgekehrt."

- Wie geht es weiter?

Es ist zu befürchten, dass die FIFA unter Blatter so schnell nicht aus den Negativschlagzeilen herauskommt. Die Festnahmen in Zürich waren laut US-Behörden nur der Anfang, große Namen hinter Gittern sind nicht ausgeschlossen. Die Schweizer Kollegen werden auch noch tief im Schmutz graben.

Der Präsident gibt sich davon unbeeindruckt und beharrt weiterhin darauf, dass es sich beim jüngsten Skandal ganz klar um Verfehlungen einzelner Personen handele, für die er selbst nicht zur Verantwortung gezogen werde könne.

"Wenn korrekt ermittelt wird, besorgt mich das nicht. Dann mache ich mir keine Gedanken um meine Person", machte sich Blatter in der abschließenden Pressekonferenz am Samstag keine Sorgen und kündigte an: "Wir werden daran arbeiten, das Schiff der FIFA wieder in einen ruhigen Hafen bringen."

Dazu gehört auch eine neue Informationspolitik, die die Transparenz erhöhen soll. "Wir werden in Zukunft kommunikativer sein", versprach Blatter.

Franz Beckenbauer rechnet allerdings nicht mit einem raschen Ende des Konflikts.

"Ich denke, die UEFA hat sich schon sehr lautstark zu den ganzen Vorgängen geäußert. Man kann davon ausgehen, dass sie das Thema noch behandeln werden. Man darf gespannt sein, wie die Reaktion aussieht", sagte Beckenbauer mit Blick auf Berlin, wo sich die UEFA in der kommenden Woche vor dem Champions-League-Finale treffen wird.

- Was tut sich innerhalb der FIFA?

Am Sonntagmorgen stand das konstituierende Meeting des teilweise neuen Exekutivkomitees an. Auch DFB-Präsident Wolfgang Niersbach nahm daran teil, obwohl UEFA-Boss Platini seine europäischen Mitglieder im Vorfeld eigentlich davon abhalten wollte.

Nur der Brite David Gill, gemeinsam mit Niersbach im März gewählt, folgte dem Vorschlag - sehr zum Missfallen Blatters. "Ich weiß nicht, was die Projekte von David Gill sind", sagte der Schweizer: "Er hat sich nicht entschuldigen lassen. Er wurde aber am Freitag offiziell eingesetzt. Ich warte jetzt darauf, was geschehen wird."

Zudem blieb der Platz des im Zuge des Korruptionsskandals verhafteten Jeffrey Webb leer - der von den Kaimaninseln stammende Vizepräsident des Weltverbands ist momentan provisorisch gesperrt und sein Vertreter Alfredo Hawit (Honduras) hatte aus persönlichen Gründen vorzeitig abreisen müssen. 

Trotz der vielen Nebengeräusche lobte Blatter nach dem Meeting ausdrücklich die "gute Stimmung" innerhalb des Gremiums, die ihm das Gefühl gegeben habe, "nicht alleine zu sein". Der Präsident scheint wildentschlossen, die Reihen schnell wieder zu schließen.

- Wer bekommt wie viele WM-Plätze?

Die Startplätze sind ein hochsensibles Politikum und wurden auch von Blatter im Wahlkampf gerne genutzt, um Stimmen zu sammeln. Schlussendlich blieb es deshalb auch nach der ersten Sitzung des Exekutivkommitees beim Status quo, damit niemand aufbegehrt.

Das heißt: Europa behält seine 13 Plätze, zur WM 2018 kommt dann noch Gastgeber Russland als 14. Mannschaft hinzu.

Für Afrika (5), Südamerika (4,5), Asien (4,5), Nord- und Mittelamerika (3,5) und Ozeanien (0,5) ändert sich ebenfalls nichts. Der Ausrichter nimmt wie gehabt immer teil.

- Wie reagieren die Sponsoren?

Der Fußball begeistert weltweit die Massen und bietet damit die ideale Werbeplattform. Die FIFA bekommt von ihren bedeutendsten Partnern deshalb jährlich dreistellige Millionenbeträge überwiesen. Doch der jüngste Skandal hat die Sponsoren aufgeschreckt. 

Internationale Konzerne wie der Fastfood-Riese McDonald's, die Anheuser-Busch-Brauerei oder der Getränke-Gigant Coca-Cola haben erkannt, dass das zu erwartende "weiter so" des Weltverbands nach der Wiederwahl des Präsidenten auch ihrem eigenen Image zu schaden droht.

Der Druck auf die FIFA nimmt daher zu. Die Geldgeber erwarten konkrete Maßnahmen, um die verlorengegangene Glaubwürdigkeit wiederherzustellen. "Wir stehen in Kontakt mit unseren Sponsoren und Partnern. Wir befinden uns gemeinsam in dieser Situation", sagte Blatter und kündigte persönliche Besuche in den Unternehmenszentralen an.

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