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Louis van Gaals Vorstellungen greifen bei Manchester United nicht wie gewünscht © Grafik SPORT1 Paul Hänel

Während Manchester United zu Beginn der Saison noch im Spielsytem variiert hat, mangelt es nun an jeglicher Dynamik. Van Gaals Stabilität wird zum Teufelskreis. Die Taktikanalyse.

Sprechchöre wie "Boring, boring" oder Aufforderungen der eigenen Fans à la "Attack, attack" sind regelmäßige Randerscheinungen bei Spielen von Manchester United in diesen Tagen.

Louis van Gaal war 2014 angetreten, um den angeschlagenen Riesen wieder auf Kurs zu bringen. Nun steht er nach vier Pflichtspielpleiten in Folge vor dem Aus, die Begegnung gegen den FC Chelsea (ab 18 Uhr im Liveticker) wird für den Niederländer zum Endspiel. (Van Gaals letzte Chance gegen Chelsea)

Die letzten Partien veranschaulichen allesamt das vorsichtige Vorgehen der Red Devils.

Viel Ballbesitz - kaum Torchancen

Louis van Gaal ist ein Vertreter von kontrolliertem Ballbesitzfußball. Mit dieser Taktik bereitete er einst bei Bayern München den Boden für eine Entwicklung, die heute in ihrer extremen Form zu erkennen ist. Ähnlich sollte er Manchester United reformieren.

Während United zu Beginn der Saison noch zwischen ruhigem, stabilisierenden Ballbesitz und aggressiveren Angriffen variiert hatte, mangelt es mittlerweile an jeglicher Dynamik.

Das Ergebnis ist eine zu geringe Produktivität in der Offensive. Sie haben die höchste Ballbesitzquote aller Premier-League-Teams, liegen aber bei der Anzahl abgegebener Schüsse nur auf Platz 16. Und 45 Prozent dieser Schüsse wurden zudem von außerhalb des gegnerischen Strafraums abgefeuert. Zum Vergleich: Beim Zweitplatzierten Arsenal waren es lediglich 28 Prozent.

Nach einem 0:0 gegen West Ham United Anfang Dezember machte van Gaal die schwache Chancenverwertung für den ausbleibenden Torerfolg verantwortlich. "Die Tore werden kommen. Daran glaube ich immer", sagte er gegenüber BBC. Ein Trugschluss.

Schweinsteiger ohne Wirkung

Doch es liegt nicht am Versagen Einzelner, sondern an strukturellen Problemen im Allgemeinen. (Van Gaal deutet Rücktritt an)

Das Mittelfeld um Bastian Schweinsteiger und Michael Carrick lässt den Ball in endloser Abfolge zirkulieren, ohne effektiven Raumgewinn zu erzeugen. (Schweinsteiger sieht United im Soll)

Die Flügelspieler und Angreifer sind meistens isoliert oder müssen sich in klarer Unterzahl behaupten.

Gerade wenn van Gaal im 4-3-3 spielen lässt, ist der Raum hinter der Sturmspitze selten besetzt. Der Mittelstürmer lässt sich als Folge tiefer fallen, wodurch United wiederum keine Präsenz im Angriffszentrum hat.

Stabilität wird zum Teufelskreis

Der Niederländer versuchte mit personellen Umstellungen – wie etwa mit der Hereinnahme von Marouane Fellaini – dieses Problem zu beheben. De facto verschlimmerte er es aber. Fellaini wurde in den letzten Partien als Zielspieler im offensiven Mittelfeld eingesetzt. Hohe Bälle landeten auf der Brust des 1,94 Meter großen Belgiers.

Da aber die Mannschaft auf diese Taktik nicht richtig eingestellt war, blieben Fellainis Ablagen ohne Wirkung. Zudem ist er kein Mittelfeldakteur, der mit Flachpässen das Spiel gestalten kann.

Van Gaals ursprünglicher Ansatz bestand darin, die oftmals wacklige und nicht selten von Verletzungen geschwächte Defensive zu stabilisieren. Doch jene Stabilität wird zum Teufelskreis.

Schüsse aus Frust

Stoßen nur die Mittelfeldspieler nach vorn, bleibt ein großes Loch zur Abwehrreihe. Rückt die komplette Mannschaft auf, laufen sie sehr wahrscheinlich in gegnerische Konter.

Teams wie Bournemouth und Norwich, gegen die United zuletzt verlor, verstanden diese Schwäche für sich zu nutzen.

Die Frustration bei den ambitionierten Red Devils stieg derweil. Sie forcierten Schüsse aus ungünstigen Positionen und verloren bei Angriffen immer einfacher den Ball.

Eine adäquate Reaktion von Louis van Gaal bleibt bis jetzt aus. Wenn es um seine Fußballphilosophie geht, kann der 64-Jährige zum Dogmatiker werden. Es wird ihm sehr wahrscheinlich den Job kosten.

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