Das bittere Drama eines unvollendeten Tennis-Riesen

Das bittere Drama eines unvollendeten Tennis-Riesen

Heute vor 17 Jahren triumphierte Juan Martin del Potro mit Siegen über Rafael Nadal und Roger Federer bei den US Open. Eine heftige Verletzungshistorie sorgte dafür, dass es sein größter Triumph blieb. Dem Tennissport ist er jedoch treu geblieben.

Es sah zunächst aus wie das Happy End nach einem langen Drama: Juan Martin del Potro kehrte im Jahr 2022 nochmal auf dem Tennis-Platz zurück, nach einer knapp dreijährigen Verletzungspause. Der Argentinier nahm an seinem Heimturnier in Buenos Aires teil. Doch kurz vorher machte der „Turm von Tandil“ klar, dass das vermeintliche Comeback-Märchen keines war.

„Es ist mehr ein Abschied als eine Rückkehr“, sagte der 1,98 Meter große Publikumsliebling bei einer Pressekonferenz, mit den Tränen ringend – und kündigte an, dass er seiner Karriere ein bittersüßes Ende setzen müsse. Del Potro, der heute 38 Jahre alt wird, ging als großer Unvollendeter in die Tennis-Geschichte ein.

Körperliche Beschwerden machen del Potro zu schaffen

Sein lädierter Körper war der Grund für del Potros Karriereende: Nach jahrelangen Problemen mit seinem Handgelenk und mehreren Operationen leidet er seit 2018 an schweren Knieproblemen, die zahlreiche chirurgische Eingriffe nach sich gezogen haben. Geholfen haben diese jedoch kaum. Folgerichtig musste er weitere Comeback-Ambitionen schließlich komplett einstellen – und auch privat mit Einschränkungen leben.

Juan Martin Del Potro musste seine Laufbahn im Jahr 2022 beenden
Juan Martin Del Potro musste seine Laufbahn im Jahr 2022 beendenJuan Martin Del Potro musste seine Laufbahn im Jahr 2022 beenden© IMAGO/ZUMA Press Wire

„Ich mache keinen Sport mehr. Ich laufe nicht, ich leide noch immer beim Treppensteigen. Ich lebe ein sehr zurückhaltendes Leben, weil das der einzige Weg ist, Schmerz zu vermeiden“, teilte der Argentinier im letzten Dezember in einem ESPN-Interview seine bittere Realität.

Selbst die besten Ärzte scheinen keine Antworten mehr auf seine Probleme zu haben. „Ich gehe in Krankenhäuser, und dort sagen sie nur: ‚Du schon wieder. Wir wissen nicht, was wir noch für dich tun können'“, machte er deutlich.

Del Potro unterstützt junge Spieler aus Lateinamerika

Der Tennissport hat im Leben von del Potro trotzdem noch immer einen festen Platz. Seit mehreren Jahren fungiert der Ex-Star als offizieller Botschafter der Roland-Garros Junior Series in Sao Paulo. Das Event richtet sich an unter 17-jährige Spieler aus Lateinamerika, die eine Wildcard für das Juniorenfeld der French Open in Paris ergattern können.

„Ich bin sehr stolz, Botschafter zu sein und Verantwortung zu übernehmen. Ich liebe es, Momente mit den besten Junioren aus Lateinamerika zu teilen und eine Woche voller Erfahrungen zu verbringen. Ich versuche, allen Spielern zu helfen, damit sie über Dinge lernen können, die ich in meiner Karriere erlebt habe“, schilderte er im März dieses Jahres in einem auf rolandgarros.com erschienenen Interview.

DEINE MEINUNG

Seine Aufgabe sei es „ihnen Sicherheit zu geben und zu zeigen, dass mit harter Arbeit alles möglich“ ist. Junge Menschen sollen einen Ort erhalten, wo sie „ihre Ängste, ihren Druck und ihre Zweifel teilen können“.

Während im Fußball die Rivalität zwischen den südamerikanischen Nationen groß ist, wird im Tennis an einem Strang gezogen. Er selbst habe sich in Brasilien bei den Olympischen Spielen 2016 „wie zu Hause“ gefühlt. „Ich erinnere mich an sehr schöne Dinge, und es ist immer eine Freude, im Nachbarland zu sein, in Brasilien zu sein und Dinge mit ihnen zu teilen“, erklärte er.

2009: Der größte Sieg gegen Roger Federer

Die Silbermedaille in Rio 2016 zählte zu den Karriere-Highlights des früheren Weltranglistendritten, der bereits 2012 Olympia-Bronze gewann. Unübertroffen blieb jedoch der frühe Höhepunkt: der Sieg bei den US Open 2009, als der damals 20 Jahre alte Hüne in beeindruckender Manier die Dominanz von Rafael Nadal und Roger Federer brach.

Im Halbfinale fügte del Potro Nadal dessen bis dahin höchste Grand-Slam-Niederlage zu (6:2, 6:2, 6:2), im Endspiel rang er in fünf Sätzen „King Roger“ nieder und beendete dessen 40 Spiele währende Siegesserie in Flushing Meadows.

Die erlittene Niederlage schmerzt Federer bis heute. „Das war eines der Spiele, die ich nicht hätte verlieren dürfen“, erklärte der Schweizer in einem Interview mit dem Tages-Anzeiger und benannte die Niederlage gegen del Potro als das Match, welches er am liebsten nochmal spielen würde.

Del Potro trat als zweiter argentinischer US-Open-Sieger der Geschichte in die Fußstapfen des legendären Guillermo Vilas. Das Potenzial für viele weitere Major-Triumphe war bei „Delpo“ ohne Frage im Übermaß vorhanden, es sollte dennoch der einzige bleiben – aus unterschiedlichen Gründen.

Handgelenk sorgte für erstes Martyrium

Immer wieder gab es Berichte, dass del Potro den großen Sieg von 2009 etwas zu sehr ausgekostet und einen exzessiven Party-Lebensstil gepflegt hätte, der seiner weiteren Entwicklung im Weg gestanden sei.

Zum noch größeren Thema wurde einige Jahre später aber der Körper.

Neben dem Knie machte auch das Handgelenk immer wieder Probleme – allein zwischen Frühjahr 2014 und Sommer 2015 hatte del Potro drei Operationen durchstehen müssen. Del Potro fiel aus den Top 1000 der Weltrangliste, zum Bedauern vieler Fans und Kollegen, die den „sanften Riesen“ auch menschlich schätzen.

Schon dieses Tief hinterließ bei del Potro Spuren. „Ich leide zu sehr, ich will dieses Leben nicht“, hätte er schon nach einem vergeblichen Comeback-Anlauf nach der zweiten Hand-OP gedacht, sagte er später L‘Equipe: „Danach blieb ich zwei, drei Monate daheim und tat nichts.“

Märchenhafte Rückkehr – dann erneuter Schock

Del Potro kämpfte sich jedoch in die Weltspitze zurück, stellte auch sein Spiel mehr auf Slice-Schläge um, um seine Handgelenke zu schonen.

Im Jahr vor der schweren Knieverletzung 2019 hatte sich del Potro in die Form seines Lebens gesteigert, stand bei den French Open 2018 im Halbfinale, erreichte bei den US Open endlich sein zweites Grand-Slam-Endspiel (das jedoch Novak Djokovic für sich entschied), stand im ATP-Ranking zwischenzeitlich auf Platz 3.

Und del Potro wollte noch mehr: „Als ich das Finale der US Open 2018 erreicht habe, war ich völlig erschöpft. Ich bin dann trotzdem zur Asien-Tour gegangen, weil ich mir ausgemalt habe, dass ich nach den Australian Open 2019 die Nummer eins sein könnte“, verriet er im Focus-Interview seine Ambitionen.

Im Oktober 2018 kam es beim Turnier in Shanghai dann aber zum Fiasko: Del Potro brach sich die Kniescheibe. „Danach hat der ganze Albtraum mit meinem Bein begonnen“, bilanzierte er.

Letzter schwerer Schlag vor Wimbledon 2019

Ein letztes bzw. vorletztes Mal versuchte sich del Potro als Stehaufmännchen, doch diesmal sollte es nicht sein: Ein folgenschwerer Ausrutscher gegen Denis Shapovalov beim Wimbledon-Vorbereitungsturnier im Queen‘s Club 2019 zwang ihn wieder ins Lazarett.

Del Potro fiel auf Platz 757 der Weltrangliste ab, musste mehrere Comeback-Anläufe abblasen und schlussendlich einen endgültigen Schlussstrich ziehen.

Del Potro warnt Alcaraz und Sinner: „Müssen auf ihre Körper hören“

Del Potro verfolgt den Tennissport auch Jahre nach seiner eigenen Karriere noch genau – und betrachtet einige Entwicklungen mit Sorge. So sieht er beispielsweise die Erhöhung der ATP Masters auf zehn Events pro Jahr kritisch, da die nötigen Ruhepausen fehlen.

Der Argentinier richtete zudem einen Appell an Jannik Sinner und Carlos Alcaraz. „Sie müssen auf ihre Körper hören“, forderte er die beiden Stars auf:. „Fakt ist, dass Jannik und Carlos so gut sind, dass sie sechs Monate aussetzen können, ohne dabei im Ranking abzufallen“, machte er deutlich.

Zu seiner Zeit sei das anders gewesen. „Wenn ich verletzt gewesen bin und zwei Turniere nicht gespielt habe, bin ich im Ranking von Platz vier auf die Nummer zehn abgefallen“, erinnert er sich. Letztlich hat del Potro die Quittung für die wenigen Pausen erhalten. Er hofft, dass andere aus seinem Beispiel lernen.

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Mit Sport-Informations-Dienst (SID)