Klopp im Taktik-Dilemma: Viel Ballbesitz, null Wucht
Nach der Pleite findet Klopp deutliche Worte
Die deutsche Nationalmannschaft enttäuscht im Heimspiel gegen Griechenland auf ganzer Linie. Bundestrainer Jürgen Klopp steckt im Taktik-Dilemma.
Die erste Euphorie ist nach wenigen Tagen bereits verflogen. Jürgen Klopp muss den schlechtesten Start eines Bundestrainers seit Helmut Schön 1964/65 hinnehmen. Der 59-Jährige bricht zwar nicht den Stab über sein Team, aber hier und da werden Rufe laut, dass die Nationalmannschaft international nur noch „Mittelmaß“ wäre.
Klar war bereits vor einer Weile, dass aufgrund der Auswahlpolitik mit zwei nahezu separaten Kadern das Augenmerk Klopps nicht ausschließlich auf guten Resultaten liegen würde. Der neue Bundestrainer wollte einige Spieler – darunter auch komplette Novizen wie Bambasé Conté und Younes Ebnoutalib – für die Zukunft testen. Jedoch sprach Klopp gleichzeitig darüber, dass seine Schützlinge das neue System lernen müssten.
Deutscher Ballbesitz ohne Dynamik
Von Automatismen war am Sonntagabend gegen Griechenland (0:1) überhaupt nichts zu sehen. Der viele Ballbesitz wirkte träge, weil nahezu nie mit einem Kontakt gespielt wurde. Nur wenn das griechische 4-4-2-Pressing einen gewissen Druck auf die deutsche Spieleröffnung ausübte, wurde mal rasch hintenraus gespielt. Aber mehr aus der Not heraus und nicht unbedingt, weil sich Joshua Kimmich und Co. in ihrem Tun sicher wähnten.
Zumeist brauchte jeder deutsche Spieler einige Kontakte und musste ständig das Feld scannen, um die nächste Anspielstation zu finden. Selbst wenn einmal ein Deutscher hinten freigespielt wurde, fehlte dann der freie Mann weiter vorn.
So etwa in der 32. Minute zu sehen, als sich Deutschland auf der eigenen rechten Seite befreite, den Ball zu Jonathan Tah verlagerte, der Bayern-Verteidiger aber niemanden direkt anspielen konnte. Sofort war das Tempo wieder raus und Griechenland in der Formation.
Klopp-Fußball ohne seine wichtigste Zutat
Jedoch benötigt der Klopp-Fußball eine große Portion Tempo. Deshalb setzt er für gewöhnlich auf schnelle Flügelstürmer und eine breite Offensivreihe. Das 4-3-3 war in der vordersten Linie sehr weit aufgefächert. Aber bis der Ball einmal zu Kevin Schade oder Karim Adeyemi gelang, stand Griechenland schon wieder kompakt am eigenen Strafraum.
Interessanterweise boten sich sogar Verlagerungsbälle auf die deutschen Außenverteidiger hier und da an, denn Griechenlands 4-4-2 war sehr eng aufgestellt. Der ballferne Flügelstürmer schob eher Conté oder Felix Nmecha zu, als sich um den eigentlichen Gegenspieler auf der Außenbahn zu kümmern. Doch die Verlagerungsbälle kamen nie. Zu kleinteilig war der Spielaufbau, zu lange dauerten die Ballannahmen.
Griechenland mutiger als Deutschland
Griechenland hingegen ging das Risiko ein, spielte manchmal durch kleine Lücken hindurch oder versuchte Flugbälle auf die Außenstürmer Christos Tzolis und Kosta Karetsas. Natürlich agierten die Gäste aus einer anderen Position heraus. Sie hatten nach dem Sieg in Serbien wenig zu verlieren und probierten im Umschaltspiel einfach mal Dinge aus.
Deutschland hingegen tat sich mit über 75 Prozent Ballbesitz wie gehabt schwer. Durch diese Trägheit, die oftmals in lange Bälle auf Ebnoutalib mündete, konnte gar kein Gegenpressing entstehen.
Und wenn Griechenland selbst im Ballbesitz war, wirkte das Pressing der Deutschen auch nur wie Stückwerk. Von der Klopp’schen Balljagd war nichts zu sehen.
Klopps Dilemma bremst den Umbruch
Ein wenig steckt Klopp mit seinem Trainerteam im Dilemma. Einerseits möchte er aufstrebenden Spielern eine Chance geben, andererseits soll der taktische Umbruch erfolgen. Beides ist gleichzeitig fast nicht möglich, weil Eingespieltheit schon immer einen großen Faktor im Erfolg von Klopp dargestellt hat. Nicht ohne Grund hatte er in Dortmund und Liverpool stets ein festes Gerüst in der Startelf und kam in Schwierigkeiten, wenn Verletzungen manche Stammkräfte außer Gefecht setzten.
Auf gewisse Weise wurde durch die Nominierung von 44 Spielern eine Entschuldigung schon im Vorfeld parat gelegt. Allerdings hätte man sich beim DFB gewiss gewünscht, dass nach der Verpflichtung des Erfolgstrainers eine neue Euphorie entfacht wird. Denn die braucht es dringend, damit die 83 Millionen, über die Klopp gerne spricht, wirklich wieder hinter der DFB-Auswahl stehen.