So berechtigt ist die Kritik an Lennart Karl
So reagiert Danks auf die Karl-Kritik
Was einst als jugendliche Unbekümmertheit gefeiert wurde, sorgt beim FC Bayern inzwischen für Kritik. Lennart Karl hat sich einige Fehltritte geleistet. Doch wie schwer wiegen sie wirklich?
Es war einer dieser Momente, in denen sich ein junger Fußballer plötzlich ganz groß fühlen darf: Im August 2025 erzielte Lennart Karl gegen Tottenham sein erstes Tor für die Bayern-Profis, setzte sich anschließend lässig auf die Werbebande und jubelte wie Cristiano Ronaldo. Für ein Testspiel sicher übertrieben, aber die Fans waren begeistert. Was für ein selbstbewusster Junge!
Gut ein Jahr später hat sich der Wind gedreht. Aus dem unbekümmerten Talent ist ein Jungprofi geworden, dessen Auftreten zunehmend kritisch beäugt wird.
Dabei beginnt die Liste seiner vermeintlichen Verfehlungen durchaus harmlos. Mal feiert Karl provokant vor gegnerischen Fans, mal versucht er sich an einer Übersteiger-Orgie, die damit endet, dass der Ball ins Aus kullert. Ein anderes Mal gibt er mit seinen Torjubeln selbst seinen Mitspielern Rätsel auf.
Karls provokanter Jubel beim Aufsteiger Elversberg
Besonders sein Auftritt in Elversberg blieb hängen. Nach seinem Treffer legte Karl demonstrativ den Finger auf die Lippen und hielt sich anschließend die Hände an die Ohren. Eine Provokation, für die er anschließend ausgepfiffen wurde und sich entschuldigen musste. Was die Bayern-Fans als freche Spielfreude feiern, empfinden gegnerische Anhänger schnell als Arroganz.
Hinzu kommen Aussagen, die zwischen erfrischender Ehrlichkeit und bemerkenswerter Naivität schwanken. Der Vergleich mit Lionel Messi (Zitat: „Natürlich kann man mich mit Messi vergleichen“), die Liebeserklärung an Real Madrid oder die reichlich saloppe Bezeichnung von Ex-Bundestrainer Julian Nagelsmann als „so ein Julian“: Karl redet manchmal eben schneller, als er nachdenkt.
Kein Drama. Aber eben auch kein Einzelfall mehr. Das Problem ist weniger die Schwere der einzelnen Aufreger als deren erstaunliche Häufigkeit. Das „Karl-Kerbholz“ ist real.
Und dann wäre da noch sein Lebensstil. Teure Taschen, Luxusuhren, reichlich Social Media mit Freundin Zoe und natürlich der inzwischen legendäre pinke Trainingsanzug.
Karl mit dem „einen oder anderen Fehltritt“
Sportvorstand Max Eberl sprach zuletzt vom „einen oder anderen Fehltritt“ abseits des Platzes, schränkte allerdings ein, dass diese nicht schlimm seien. Karls Provokationen auf dem Rasen dürften bei gegnerischen Fans ohnehin wesentlich schlechter ankommen als seine Luxus-Accessoires oder Instagram-Beiträge.
Gerade das pinke Outfit hat Karl offenbar nachhaltig geschadet. Das mag übertrieben wirken. Schließlich darf ein 18-Jähriger durchaus einen extravaganten Modegeschmack haben. Anderswo würde man darüber vermutlich schmunzeln. Beim FC Bayern wird daraus schnell eine Frage der richtigen Einstellung.
Denn so modern der Rekordmeister gerne auftritt: In manchen Dingen ist er erstaunlich konservativ geblieben. Uli Hoeneß hat ziemlich klare Vorstellungen davon, wie sich ein junger Profi zu verhalten hat. „Ein pinker Anzug ist nie vernünftig“, befand der Ehrenpräsident und forderte später: „Junge Spieler brauchen Demut.“
Karl? Was sich Ribéry erlauben durfte
Allerdings kennt der Bayern-Patron auch Ausnahmen. Franck Ribéry beispielsweise durfte sich einiges erlauben und ist bis heute Freund von auffälligen Trainingsanzügen von Gucci und anderen Protz-Labels. Selbst nach der berühmten Goldsteak-Affäre und seinen verbalen Entgleisungen nahm Hoeneß seinen langjährigen Schützling später öffentlich in Schutz.
Ribéry war allerdings über Jahre ein Unterschiedsspieler, der auf dem Platz regelmäßig die Antwort gab. Und genau hier liegt Karls eigentliches Problem. Solange er mit seinen Leistungen begeisterte, galt seine Frechheit als erfrischend. Jetzt, da er seiner Form hinterherläuft, wird dieselbe Eigenschaft zunehmend als Überheblichkeit ausgelegt.
Viele Verletzte: Das Lazarett des FC Bayern
Dabei sollte man nicht vergessen, dass Karl erst 18 Jahre alt ist und durch seine schwere Verletzung einen empfindlichen Rückschlag verkraften musste. Sein Berater Michael Ballack stellt deshalb eine durchaus berechtigte Frage: „Wo wart ihr mit 18?“ Zugleich warnt er davor, dass sich sein Schützling frühzeitig „total verbiegen“ lassen könnte.
Karl muss lernen, dass nicht jeder Gedanke ausgesprochen und nicht jede Provokation ausgelebt werden muss. Aber die Bayern sollten aufpassen, ihm dabei nicht ausgerechnet jene Unbekümmertheit auszutreiben, die ihn so besonders macht.
Karl braucht vor allem eines: wieder überzeugende Leistungen. Dann dürfte beim FC Bayern auch ein bisschen Pink wieder leichter zu ertragen sein.