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München - Ex-HSV-Star Rodolfo Cardoso rät Jann-Fiete Arp, sich schon nach dieser Saison dem FC Bayern anzuschließen. Im SPORT1-Interview analysiert er zudem die Lage der Rothosen.

Mehr als 20 Jahre lang war Rodolfo Cardoso fester Bestandteil des Hamburger SV. Erst als Spieler, dann als Trainer für jedes Team im Verein. Im März 2018 wurde der Argentinier zusammen mit Ex-Coach Bernd Hollerbach beurlaubt. Seitdem ist er außen vor. Cardoso hat die Rothosen aber weiter fest im Blick.

Vor dem Spiel der Hanseaten bei Jahn Regensburg (2. Bundesliga: Jahn Regensburg - Hamburger SV, Sonntag um 13.30 Uhr im LIVETICKER) spricht der 50-Jährige im SPORT1-Interview über die aktuelle Situation des Klubs, Trainer Hannes Wolf und den Wechsel von Jann-Fiete Arp zum FC Bayern.

SPORT1: Herr Cardoso, wie sehr schauen Sie noch auf den HSV?

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Rodolfo Cardoso: Ich wohne immer noch in Hamburg und verfolge die Rothosen ganz genau. Ich spreche gerade mit dem HSV über eine neue Tätigkeit im Verein. Natürlich schaue ich auch die Spiele der Mannschaft. Ich freue mich, wie es gerade sportlich läuft.

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SPORT1: Was würden Sie gerne im Verein machen?

Cardoso: Ich würde gerne weiter als Trainer oder Scout arbeiten. Das, was ich in der Vergangenheit auch schon oft gemacht habe. In der Jugendarbeit tätig zu sein, ist toll. Beim Gedanken daran kribbelt es bei mir, das habe ich immer gerne gemacht. Das ist das, was ich gut kann. 

SPORT1: Warum hat der HSV mit den Jahren so einen großen Platz in Ihrem Herzen eingenommen?

Cardoso: Als Profi trifft ein Verein irgendwann dein Herz. Der HSV ist ein Klub, bei dem ich lange angestellt war, erst als Spieler, später als Trainer. Es ist ein so toller Verein und es ist schade, dass man lange so leiden musste und nicht mehr erstklassig ist. Jetzt muss man den Aufstieg schaffen und viele Sachen besser machen. Der HSV wird immer in meinem Herzen sein.

Rodolfo Cardoso (r.) wurde im März 2018 gemeinsam mit Bernd Hollerbach beurlaubt
Rodolfo Cardoso (r.) wurde im März 2018 gemeinsam mit Bernd Hollerbach beurlaubt © Getty Images

Spieler können Unruhe nicht ausblenden

SPORT1: Bernd Hollerbach war wie Sie früher Spieler beim HSV, seine Zeit als HSV-Coach war kurz und nicht erfolgreich. Woran lag es?  

Cardoso: In den vergangenen Jahren gab es viele Turbulenzen, Politik und keine einheitliche Grundausrichtung im Klub. Die Mannschaft hat sehr darunter gelitten, zudem gab es viele Trainerwechsel. Hollerbach hat versucht, das Team wieder nach oben zu führen, aber vielleicht war es da schon zu spät. Auch Christian Titz hat es am Ende leider nicht mehr geschafft. Beide haben sicher ihr Bestes versucht. Die zurückliegenden drei Jahre hat sich der HSV immer ganz knapp gerettet. Das war nicht nur im vergangenen Jahr mit Hollerbach so. Das darf man nicht vergessen. Er hat alles dafür getan, dem Verein zu helfen und ihn zu retten. Am Ende hat es leider nicht gereicht. Wenn es Unruhe in einem Verein gibt, bekommt die Mannschaft es mit. Jeder, der etwas anderes sagt, macht sich da etwas vor. Beim HSV war das mit der Unruhe in der Vergangenheit immer schlimm.

SPORT1: Bekommen die Spieler die Unruhe in der Führungsspitze des Vereins also mit? Oft wird gesagt, dies könne ausgeblendet werden.

Cardoso: Natürlich bekommen das die Spieler mit. Man kann sich vielleicht vornehmen, es auszublenden und einfach weiterzumachen, aber heutzutage bekommt ein Profi doch fast alles mit - mit der Medien-Präsenz, dem Internet und Social Media. Man bekommt alles mit. Als Profi ist es nicht so einfach heutzutage, Dinge auszublenden.

SPORT1: Wie sehen Sie momentan die sportliche Situation im Verein? Hannes Wolf scheint ein Glücksgriff zu sein, oder?

Cardoso: Scheint so. Die Liga ist sehr ausgeglichen. Ich dachte eigentlich, dass der HSV und Köln die Liga auseinander nehmen. Doch beide dominieren das Geschehen nicht. Es ist nicht einfach. Der HSV gewinnt zwar, aber oft nur knapp und es wird jede Woche schwerer. Ich hoffe, dass es so wie es jetzt ist bis zum Saisonende bleibt. Die Tabellenposition im Moment ist top. Entscheidend werden die letzten fünf oder sechs Spiele sein. Da spielen einfach die Nerven eine entscheidende Rolle. Mal schauen, wie die Mannschaft dann reagiert. Der Verein hat sich genau so etwas vorgestellt - Platz eins oder zwei. Im Moment steht man da, wo man stehen muss. Die nächsten Spiele werden nicht so leicht, weil es gegen Vereine geht, die auch oben stehen. Der HSV muss aufsteigen, aber das ist kein Wunschkonzert.

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Cardoso: Wolf tut dem HSV gut

SPORT1: Wie sehen Sie Hannes Wolf? Es hat von Anfang an sehr gut gepasst mit ihm.

Cardoso: Er hatte sehr wenig Zeit in der Vorbereitung. Er hat in Stuttgart schon gute Arbeit abgeliefert, das habe ich da schon gerne verfolgt. Herr Wolf tut dem Verein gut. Du musst als Trainer auch zur Situation passen. Und die Situation von Hannes Wolf ist anders als die von Bernd Hollerbach. Bei "Holler" stand die Mannschaft schon ganz unten und das nach drei bis vier Jahren Misserfolg. Die Unruhe war sehr groß. Titz hat in der Hinrunde der aktuellen Saison viel versucht mit Wechseln innerhalb des Teams. Da war die Mannschaft sehr verunsichert. Wolf hat nicht viel gewechselt, hat die Truppe in der 2. Liga übernommen und die Aufgabe ist mit dem Aufstieg klar definiert. Er hat dem Verein in der jetzigen Situation Ruhe und Klarheit gegeben. Er macht seine Arbeit wirklich ordentlich. Bei ihm hatte ich von Anfang an ein gutes Gefühl.

SPORT1: Der HSV hat gerade Michael Mutzel als neuen Sportdirektor verpflichtet. Er soll ab 1. April die rechte Hand von Sportvorstand Ralf Becker werden. Wie sehen Sie diese Personalie?

Cardoso: Vielleicht hat man sich gedacht, dass Mutzel unbedingt gebraucht wird. Was er genau zu tun hat, weiß ich nicht. Ralf Becker (Sportvorstand, Anm. d. Red.) wird schon wissen, was er mit Mutzel vor hat. Ich persönlich kenne den neuen Sportdirektor nicht, weiß nur, dass er früher bei Greuther Fürth gearbeitet hat. Ich kann seine Arbeit leider nicht einschätzen. Für Spors ist es natürlich keine so schöne Situation.

SPORT1: Können Sie verstehen, dass Spors irritiert ist, dass man ihm einen externen Mann vor die Nase setzt? Der Vorwurf steht im Raum, dass da Vetternwirtschaft betrieben wird.

Cardoso: Das kann ich nicht beurteilen. Herr Becker ist der Chef und wollte einen neuen Mann. Man muss ihm vertrauen, ganz egal, ob diese Entscheidung für Außenstehende nachvollziehbar ist oder nicht. Manchmal ist das Geschäft hart. Wie sich diese Geschichte entwickeln wird, kann man erst später sagen.

"Früherer Wechsel für Arp zu Bayern besser"

SPORT1: Das gilt auch für Jann-Fiete Arp, der zum FC Bayern wechseln wird. Was sagen Sie dazu?

Cardoso: Große Vereine sind für jeden jungen Spieler immer interessant. Es ist auch sehr schwer, nein zu sagen, wenn Bayern ruft. Das ist ganz klar. Ob es die richtige Entscheidung ist, das muss man abwarten. Arp ist noch sehr jung. Er ist mit 19 Jahren aber auch kein Talent mehr, hat schon einiges erlebt. Über diesen Status ist er schon raus. Er muss sich jetzt zeigen, hat den Sprung in die Stammformation aber noch nicht geschafft. Für ihn ist der Wechsel zum FC Bayern ein sehr interessanter Schritt. Wenn man aber weiß, dass man in einem Jahr zu den Bayern geht, wird man anders beobachtet. Deshalb wäre ein früher Wechselzeitpunkt wahrscheinlich besser.

SPORT1: Sie würden ihm also raten, jetzt im Sommer schon zu gehen?

Cardoso: Ja, er sollte nach dieser Saison gehen. Ich denke das wäre die richtige Entscheidung. Ich weiß nicht, was sie im nächsten Jahr beim HSV noch mit ihm vorhaben. Ich denke nur für seine Entwicklung wäre das Aufeinandertreffen mit den Weltklassespielern bei Bayern zu einem früheren Zeitpunkt einfach sinnvoll und gut. Wenn es beim HSV mal nicht laufen sollte, dann sagen die Fans sicher: "Der Arp ist eh mit den Gedanken schon in München".

SPORT1: Sie kennen Arp als Typ, haben ihn trainiert. Wie tickt er?

Cardoso: Mit seinen 19 Jahren ist er natürlich noch ein bisschen zurückhaltend. Zu meiner Zeit musste er sich sehr viel um die Schule kümmern und das Training war nicht so intensiv. Es war damals eine sehr schwierige Zeit für ihn, weil alles zu schnell auf ihn einprasselte. Er hatte sehr viel Druck. Jann-Fiete ist ein junger, sehr talentierter Spieler. Er muss sich noch viel erarbeiten, auch sein Körper entwickelt sich noch. Er ist ein Spieler, der sich beim FC Bayern entwickeln kann. Aber er gehört da zum Kader und sie werden nicht lange warten. Er muss sofort funktionieren und zeigen, was er für ein Spieler ist.

Cardoso: "Wünsche mir den direkten Aufstieg"

SPORT1: Manche sind der Meinung, er sollte mit dem HSV jetzt aufsteigen und ein Jahr noch beim HSV Bundesliga spielen, bevor er zu Bayern wechselt. Nicht auch eine gute Option?

Cardoso: Das kann auch gut sein. In dieser Situation ist es schwer zu beurteilen, was für den Jungen am besten ist. Ich weiß auch nicht, was er persönlich will. Da jeder weiß, dass er zu den Bayern wechselt, ist eine Rivalität gegeben und er wird ständig noch stärker beobachtet. Deshalb ist es keine einfache Situation für Arp. Den Fans in Hamburg gefällt es gewiss nicht, wenn ein Spieler zu Bayern geht.

SPORT1: Was sagen Sie zum ständigen Personalkarussell beim HSV? Es werden hohe Gehälter gezahlt und Abfindungen, dabei hat der HSV gar kein Geld.

Cardoso: Es wurde viel Geld für Spieler ausgegeben, die dann nicht so die gewünschte Leistung gebracht haben. In meiner ganzen Zeit beim HSV hörte ich immer, dass kein Geld da ist. Aber am Ende war immer welches da. Woher das dann kam, wusste keiner. Das ist einfach die Politik beim HSV. Für Außenstehende ist das komisch.

SPORT1: Glauben Sie, dass der HSV als Meister aufsteigen wird?

Cardoso: Ich wünsche mir den direkten Aufstieg und momentan sieht es ganz gut aus. Relegation wäre nicht gut. Das kann schief gehen. Ich würde mich sehr freuen, wenn der Aufstieg gelingt. Für die Spieler, den Trainer, die Fans, den ganzen Klub.

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