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München - Union Berlin steigt in die Bundesliga auf. Der Klub wird mit seinen Werten und seinem Charme eine Bereicherung, steht aber vor einer Herausforderung.

Als Union Berlin den größten Erfolg seiner Vereinsgeschichte feierte, suchte man den eisernsten Fan vergeblich.

Den Abpfiff habe er "nicht erlebt", verriet Klubpräsident Dirk Zingler nach dem 0:0 im Relegations-Rückspiel gegen den VfB Stuttgart, "da war ich mit meiner Frau weg, sie auf der Damentoilette und ich auf der Herrentoilette."

Doch anschließend klatsche er zunächst mit seiner Frau ab, ehe er mit dem Team und den Fans auf dem Rasen den erstmaligen Aufstieg zelebrierte.

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Union hat besonderen Charme

Fast ganz Fußball-Deutschland scheint sich für und auf "Eisern Union" zu freuen. Denn der Ostklub genießt Kultstatus, weil er versucht, sich im harten und kommerzialisierten Profigeschäft einen eigenen Charme zu erhalten.

Ein Besuch bei Union Berlin ist einzigartig. Das Stadion, die berühmte Alte Försterei, besteht weitgehend aus Stehplätzen, nur auf der neu umgebauten Haupttribüne ist das nicht der Fall. Neben einem Stehblock wachsen Bäume, die Anzeigetafel wird noch manuell bedient.  

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In der Weihnachtszeit veranstaltet der Klub ein Adventssingen. Halbzeitshows oder bisweilen nervige Einspieler sucht man bei Union vergeblich.

Kampf für Tolerenz und gegen Diskriminierung

Viele Fans bauten einst an einer neuen Tribüne mit und ließen dafür ihren Urlaub sausen. Um den finanziell angeschlagen Verein vor der Saison 2004/05 zu unterstützen, gründeten Anhänger die Initiative "Bluten für Union".

Die Fans - ein Mix aus Arbeitern, Linksalternativen und Punks - spendeten Blut, das erhaltene Geld kam dem Verein zugute. Immer wieder setzt man sich gegen Diskriminierung ein.

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2009 organisierte der Klub aus dem Berliner Stadtteil Köpenick ein Konzert gegen Nazis und für Toleranz. In der Flüchtlingskrise wurde das Vereinsheim als Unterkunft angeboten.

Hagen singt Vereinshymne

Eine gewisse Angst herrscht, dass sich der Klub nach und nach entfremden könnte, wenn er im Konzert der ganz Großen mitmischt.

"Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen? Eisern Union, Eisern Union!" heißt es in der von Punkdiva Nina Hagen seit 1998 gesungenen Vereinshymne.

Doch bereits 2017 war auf einem Fanplakat zu lesen: "Scheiße... Wir steigen auf!" Wenngleich dabei eine Prise Humor mitschwang, ist der Spagat zwischen Wettbewerbsfähigkeit und Romantik besonders nach dem Aufstieg schwierig zu meistern.

Adidas steigt als Sponsor ein

Oliver Ruhnert, Geschäftsführer Profifußball des Klubs, wischte die Zweifel an einem Verlust der eigenen Identität aber beiseite. "Union hat ein so gutes Management, dass das nicht passieren wird", zitierte die Süddeutsche Ruhnert.

Trotz aller Romantik ist auch Union auf Gelder angewiesen. Sechs Millionen Euro soll Union laut kicker von der Investitionsfirma Quattrex erhalten haben, ab 2020/21 hat der Klub mit Adidas einen mächtigen Ausrüster an seiner Seite.

Präsident Zingler, der die Geschicke seit 2004 lenkt, sprach in der Vergangenheit von einer "dosierten Kommerzialisierung", die auch die Alte Försterei betrifft.

Stadion wird ausgebaut

Bis Sommer 2020 wird die Heimstätte ausgebaut und modernisiert. Die Kapazität wächst von 22.012 Plätzen auf etwa 37.000. Statt 10.300 Stehplätzen soll es 28.700 geben, 4.700 neue Sitzplätze sorgen dafür, dass die von der Deutschen Fußball-Liga geregelte Mindestanzahl von 8.000 Sitzplätzen überboten wird.

"Uns war es wichtig, dass dieser für unseren Verein historische Ort mit den Anforderungen der Zukunft wächst und dabei charakteristisch und einzigartig bleibt: Ein enges Stehplatzstadion, das unser Fußballherz höher schlagen lässt", sagte Zingler bei der Verkündung im Juni 2017.

Union spricht sich für Gehalts-Obergrenze aus

Der Verein sprach sich 2018 für eine kleine Revolution aus, als er sich mit einem Positionspapier an die weiteren 35 Vereine im deutschen Profifußball wandte.

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Zu den Vorschlägen gehörten unter anderen eine Gehalts-Obergrenze, eine gemeinsame Vermarktung der drei höchsten Spielklassen und eine Aufstockung dieser auf jeweils 20 Teams.

Union in der Bundesliga "total komisch"

Nun greift der besondere Klub in der höchsten deutschen Spielklasse an. Ob er sportlich eine Bereicherung sein wird, wird sich zeigen - mit seinen Werten ist er das allemal.

"Union und erste Bundesliga - das hört sich für mich komisch an", sagte Zingler emotional sichtlich mitgenommen: "Obwohl ich 40 Jahre lang auf diesen Tag gewartet habe, aber wenn es dann so weit ist, hört es sich total komisch an."

Vielleicht kann sich Zingler bald daran gewöhnen.

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