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Auch Toni Leistner (l.) und Tim Leibold konnten den Abwärtstrend beim HSV nicht aufhalten
Auch Toni Leistner (l.) und Tim Leibold konnten den Abwärtstrend beim HSV nicht aufhalten © Imago
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Hamburg - Nach zuletzt vier Spielen ohne Sieg befindet sich der HSV wieder inmitten einer Krise. Die Gründe für die schlechten Leistungen sind vielfältig.

Vor vier Wochen schien die Welt beim Hamburger SV noch in Ordnung. Zumindest fast.

Simon Terodde rettete seinem Klub am 6. Spieltag im Stadtderby gegen den FC St. Pauli mit einem Doppelpack einen Punkt. Ein Spiel, das der HSV hätte gewinnen können, vielleicht sogar müssen.

Das Zwischenergebnis in der Tabelle hat trotzdem für ein zwischenzeitliches Hoch gesorgt: Sechs Spiele, fünf Siege, 16 Punkte – Tabellenführer.

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Das war deutlich mehr, als man den Hamburgern nach dem Pokal-Aus gegen Dynamo Dresden (1:4) vor der Saison zutrauen konnte. Aber Trainer Daniel Thioune blieb cool, stellte taktisch um und fuhr seine Siege ein.

Der "neue" HSV hatte scheinbar die richtigen Schlüsse gezogen. So dachte man noch Ende Oktober.

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Beim HSV herrscht eine Dauerkrise

Danach folgten drei Spiele, die ganz stark an den "alten" HSV erinnerten – den HSV der vorherigen Saison, der den Aufstieg auf den letzten Metern so kläglich verstolperte: Unentschieden in Kiel nach einem Gegentor in letzter Minute, 1:3 gegen Bochum, das noch höher hätte gewinnen können, und 2:3 in Heidenheim, wieder durch einen Last-Minute-Treffer.

Kann das wirklich nur Zufall sein oder wird ein sich wiederholendes Muster erkennbar? "Wir leben im Hier und Jetzt. Es ist eine andere Saison, ein anderes Trainerteam und andere Spieler. Man kann es nur immer wieder sagen und betonen: Es hilft uns nicht, nach hinten zu gucken. Wir gucken nach vorne", sagte Sportdirektor Michael Mutzel am Tag nach der Niederlage in Heidenheim.

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Er hat nur teilweise recht. Ja, es ist eine neue Saison. Und ja, es sind wieder viele neue Gesichter dabei. Aber der Krisenzustand ist nicht neu und kommt auch nicht plötzlich. Es hat sich zur Dauerkrise entwickelt, die nahtlos von Saison zu Saison übergeht. Nur manchmal können der Klub und seine Fans aufatmen. Dann brechen alte Symptome wieder auf.

Die Eindrücke der vergangenen Spielzeit sind viel zu frisch, als dass man sagen könnte, die Vergangenheit reiche nicht auch in die Gegenwart.

Theoretiker Thioune kämpft mit Praxis

Nur der Lösungsansatz, wie man diesen Zustand umkehren will, sollte diesmal ein anderer sein. Mit Thioune, einem jungen, modernen Trainer, der im Gegensatz zu seinem Vorgänger mehr als nur eine Formation spielen lässt und viel ausprobiert, um die richtige Balance zu finden.

Aber dieser Trainer stößt mit seiner theoretischen Fußballkompetenz nun auf die noch komplexere Realität der Praxis. Eine Fußballmannschaft ist mehr als Taktik, Video-Vorbereitung und Tracking der Trainingsleistung.

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Gerade bei einem Klub wie dem HSV, der so viel eingesteckt hat in den letzten Jahren, seinen Fans so viel zugemutet hat, arbeitet ein Trainer auch gegen die Lethargie, die sich in diesem Klub immer wieder breitmacht. Von Woche zu Woche und von Spiel zu Spiel.

Wer Antworten auf die Frage finden will, warum der HSV den Faden verliert, darf nicht nur auf verlorene Zweikämpfe oder Fehlpässe schauen.

"Wohlfühloase" schadet dem HSV

Dazu ein Beispiel aus der Vergangenheit: In der letzten Saison wäre der Vertrag von Ex-Kapitän Aaron Hunt zum 30. Juni ausgelaufen. Er brauchte 20 Einsätze, damit sich sein Kontrakt dank einer Klausel automatisch verlängert.

Normalerweise ist Hunt ein Kandidat, der im Schnitt mindestens ein Drittel der Saison wegen kleinerer Verletzungen verpasst. Diesmal nicht. Hunt stand von Februar bis Juni in jedem Spiel auf dem Platz.

Als die 20 Einsätze erreicht waren, ließ auch die Leistung wieder nach. Hunt hat in Heidenheim zwar nicht mitgespielt, aber dieser Vorgang steht symbolisch für etwas, was man im HSV-Umfeld "Wohlfühloase" nennt. Der Zustand, in dem man es sich wieder etwas bequemer macht.

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Die Verantwortlichen sind dabei kein gutes Vorbild. Sportvorstand Jonas Boldt hat erst kürzlich eindrucksvoll vorgemacht, wie leicht man den HSV ausdribbeln kann. Ein Treffen mit Verantwortlichen der AS Roma und kein klares Dementi über Verhandlungen mit den Italienern haben den Aufsichtsrat überhastet dazu bewogen, seinen Vertrag vorzeitig um zwei Jahre zu verlängern.

Seitdem hat der HSV kein Spiel mehr gewonnen.

HSV spielt nicht wie ein Aufstiegskandidat

Nicht alles, was auf dem Platz passiert, steht im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Drumherum. Aber nicht jeder Fehler ist allein sportlich zu erklären. Wenn eine Mannschaft innerhalb kurzer Zeit zwei so extrem unterschiedliche Gesichter zeigt, teilweise kopf- und kraftlos agiert, müssen die Ursachen dafür tiefer liegen. Da hilft auch die beste Spielanalyse nicht weiter.

Es hat etwas mit Einstellung zu tun, wenn man, wie in Heidenheim, nach einer 2:0-Führung mindestens einen Gang rausnimmt und nicht mehr so viel investiert wie der Gegner, anstatt auf das dritte Tor zu spielen. In der zweiten Halbzeit war offensiv bis auf einen Torabschluss nichts zu sehen. Das passiert diesem Klub zu häufig. So spielt kein Aufstiegskandidat.

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Das Gute an der Krise des HSV ist, dass sie schon deutlich früher als in der letzten Saison beginnt und ausreichend Zeit bleibt, um gegenzusteuern. Doch wenn der HSV nicht höllisch aufpasst und schnell die Kurve kriegt, könnte er sich schon bald im Mittelfeld der Tabelle wiederfinden.

Fürth und Bochum sind an den Hamburgern vorbeigezogen, die anderen sind bereits in Lauerstellung. Die Liga hat Blut geleckt, der eigentliche Favorit taumelt heftig.

Ist der HSV doch nur 2. Liga-Durchschnitt? 

Vielleicht muss man an dieser Stelle deshalb die Frage stellen: Ist der Effekt, den zweiten Torhüter des FC Bayern und besten Zweitligatorschützen zu verpflichten, bereits verpufft? Ist der HSV doch eher eine durchschnittliche Zweitligamannschaft mit wenigen Ausreißern nach oben, aber Ausgaben und Personalkosten für Platz eins?

Das würde zumindest erklären, warum die Verantwortlichen vehement das Wort "Aufstieg" vermeiden.

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