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© SPORT1-Grafik: Getty Images / Imago / Philipp Heinemann
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München - Die UEFA will das Elfmeterschießen revolutionieren. Es ist nicht die einzige Veränderung, die die Fußball-Bosse in Betracht ziehen. SPORT1 gibt einen Überblick.

Als England und Schottland im Jahre 1872 das erste offizielle Länderspiel in der Geschichte des Fußballs austrugen, gab es noch nicht einmal einen Schiedsrichter oder ein Tornetz.

Der Fußball hat sich durch die Einführung neuer oder Veränderung bestehender Regeln seitdem stetig gewandelt - und zählt heute vor allem deshalb zu den populärsten Sportarten der Welt. Das heißt aber nicht, dass die Entscheidungsträger an der Spitze der großen Verbände ihr "Produkt" für perfekt halten.

Sie streben nach weiteren Veränderungen, "um das Spiel ehrlicher, dynamischer und interessanter zu machen", wie der Technische Direktor der FIFA, Marco van Basten, zuletzt in der Sport Bild sagte. So testet die UEFA aktuell einen neuen Modus für das Elfmeterschießen, der an den Tiebreak im Tennis erinnert - nur eine von vielen revolutionären Ideen.

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SPORT1 nennt die wichtigsten.

- Videobeweis

Zuletzt bei der Klub-WM in Japan und dem Länderspiel zwischen Frankreich und Spanien vorgeführt, kommt der Videobeweis im Sommer auch in die Bundesliga. Hierbei soll ein zusätzlicher Video-Schiedsrichter den Unparteiischen auf dem Rasen helfen, Fehlentscheidungen zu korrigieren. 

Wie bei der Torlinien-Technologie erwägt die UEFA derzeit aber nicht, in Zukunft auf den Videobeweis zu setzen. DFB-Präsident Reinhard Grindel will sich dafür stark machen: "Ich neige angesichts der sportlichen Gerechtigkeit und der Summen, um die es in der Champions League geht, sehr dazu, innerhalb der UEFA für den Videobeweis zu werben."

SPORT1-Meinung: Dass es aufgrund der hohen Spielgeschwindigkeit schwierig ist, knappe Abseitsstellungen oder knifflige Elfmetersituationen zu erkennen, war nicht zuletzt beim Champions-League-Viertelfinale zwischen dem FC Bayern und Real Madrid zu sehen. Der Videobeweis dient als wichtiges, sinnvolles Upgrade zum Wohle des Fair Plays - und wird in absehbarer Zeit in allen Top-Ligen zur Geltung kommen.

- Mehr als drei Wechsel

Um der Überbelastung der Spieler entgegenzuwirken, will die FIFA laut van Basten künftig eine oder zwei zusätzliche Einwechslungen erlauben. Im Falle einer Verlängerung im DFB-Pokal durfte schon in dieser Saison jedes Team einen Extra-Wechsel vollziehen. Und auch die UEFA erprobt diese Maßnahme schon intensiv - wie etwa bei der U21-EM in diesem Sommer. 

SPORT1-Meinung: Ein gute Idee, die die Gesundheit der Spieler schützen und die Qualität des Wettbewerbs verbessern würde.

- Zeitstrafen 

Ein Gedankenspiel der FIFA ist, die Gelbe Karte in Zukunft durch eine Zeitstrafe von fünf oder zehn Minuten zu ersetzen. "Das schreckt ab. Es ist doch schwieriger mit 10 gegen 11", findet van Basten.

SPORT1-Meinung: Das wäre einen Versuch wert. Allerdings müsste geregelt werden, wie oft sich ein Spieler eine Zeitstrafe erlauben darf, ehe er endgültig des Platzes verwiesen wird.

- Keine Rudelbildungen

Die FIFA ist der Meinung, dass die Schiedsrichter zu sehr bedrängt werden. Deshalb grübelt sie darüber, wie im Rugby eine Regel einzuführen, bei der nur die Kapitäne der Mannschaften mit den Referees über strittige Szenen reden dürfen.

SPORT1-Meinung: Fußball ohne Emotionen ist kein Fußball. Die häufigen Massen-Lamentierereien sind ein Ärgernis, die Referees haben aber auch so schon die Möglichkeit, sich mit Verwarnungen zu wehren. 

- Kein Abseits

Ein persönlicher Vorschlag von Ex-Goalgetter van Basten. "Der Fußball ähnelt inzwischen immer mehr dem Handball: Neun Spieler plus Torwart machen den Strafraum dicht, das ist wie eine Mauer", so der Niederländer. Ohne Abseits hätten die Angreifer "bessere Chancen, es würden mehr Tore fallen. Das wollen die Fans sehen."

SPORT1-Meinung: Mut zur Veränderung ist grundsätzlich gut. Man sollte den Bogen aber nicht überspannen. Das Spiel würde sich fundamental verändern, gäbe es kein Abseits mehr.

- Luxussteuer für reiche Klubs

Eine Idee von UEFA-Präsident Aleksander Ceferin, die abseits des Rasens zum Tragen käme. Sie ist an den "Salary Cap" der US-amerikanischen Profiligen NBA, NHL, NFL und MLB angelehnt.

Durch die finanzielle Obergrenze dürfen Teams nur ein gewisses Budget für Spieler ausgeben und Stars ein limitiertes Jahresgehalt kassieren. Diese Regelung soll die wirtschaftliche Dominanz der Top-Mannschaften eingrenzen und die Wettbewerbschancen von finanzschwächeren Teams aufrecht erhalten.

SPORT1-Meinung: Kein schlechter Gedanke, um die Chancengleichheit zu erhöhen. Aber kaum umsetzbar. 

- Begrenzte Kaderstärken 

Ein so genanntes Drafting-System, durch das auch leistungs- und finanzschwächere Klubs eine Zugriffschance auf die besten Spieler erhalten. In den USA ist dieses Modell in den vier großen Sportligen NFL, NBA, NHL und MLB durch den Zusammenhang mit dem College-System Standard. Im Draft dürfen dort (in der Regel) zuerst die schlechtesten Teams der Vorsaison zugreifen und sich die besten Jungstars sichern.

Dass reichere und erfolgreichere Klubs ungezügelt junge Top-Spieler horten - nur mit dem Ziel, sie Konkurrenten vor der Nase wegzuschnappen - könnte unter Umständen so auch im Fußball unterbunden werden. Diese Strategie verfolgen im Fußball derzeit vor allem englische und spanische Topteams, schon bei extrem jungen Spielern. 

SPORT1-Meinung: In Europa  ist ein Draftsystem kaum umsetzbar. Man stelle sich vor, der FC Bayern wählt einen 18-Jährigen Jungprofi von Real Madrid aus. Wird der Teenager dann gezwungen nach München zu ziehen? In den USA ist dieses System auch deshalb möglich, weil es keine Sportvereine gibt wie in Europa. Nach dem College sind die Sportler nicht mehr an eine Organisation gebunden.

- Weniger Pflichtspiele

Auf der einen Seite stockt die FIFA die WM von 32 auf 48 Teilnehmer auf, auf der anderen möchte sie die Pflichtspiele auf Top-Niveau pro Saison auf 50 minimieren. "Wir müssen den Topstars wie Ronaldo, Messi und Ibrahimovic, die die Fans sehen wollen, helfen, damit sie mental frisch und körperlich fit sind, weil sie weniger Spiele absolvieren müssen", so van Basten.

SPORT1-Meinung: Fraglich, ob diese Idee in dieser Form realisierbar ist, schließlich treiben die Verantwortlichen selbst die Zahl der Wettkampfsspiele voran. So kommt für die Nationalspieler 2018 die UEFA Nations League neu dazu. 

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