So kam es zu "We have a grandios Saison gespielt"
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Dortmund und München - Vor seinem großen Abschied am Freitag spricht Roman Weidenfeller über sein Auf und Ab beim BVB, Jürgen Klopp und sein berühmtes Denglisch-Interview.

16 Jahre lang hielt Roman Weidenfeller Borussia Dortmund die Treue, ging mit dem BVB durch dick und dünn.

Die Beinahe-Insolvenz 2005, die goldenen Jahre unter Jürgen Klopp, die wechselhaften unter Thomas Tuchel und seinen Nachfolgern: Der heute 38-Jährige hat alles hautnah miterlebt.

Am Freitag steht jetzt das große Abschiedsspiel an, SPORT1 überträgt ab 18.30 Uhr LIVE im TV und im Livestream, zahlreiche BVB-Legenden und andere Weggefährten sind dabei.

Vorher blickt der langjährige Keeper in einem zweiteiligen SPORT1-Interview auf seine bewegte Karriere zurück. In Teil 1 geht es um seine Anfänge in Kaiserslautern, die Höhen und Tiefen in Dortmund sowie die glorreichen Zeiten unter Jürgen Klopp.

Hier gibt's Teil 2 des großen Weidenfeller-Interviews

SPORT1: Herr Weidenfeller, Sie sind ja von klein auf Torhüter. Hatten Sie auch mal daran gedacht, die Position zu wechseln?

Weidenfeller: Eine Überlegung gab es schon. Mein erster Sportklub war sehr stark, da wurde mir sehr schnell langweilig im Tor. Deshalb bin ich zwischendurch auch mal in den Sturm gewechselt. Aber schließlich kam mein erster Trainer, Dirk Hannapel, auf mich zu und sagte, ich müsse mich für eine Position entscheiden. Da hatte ich dann auch den richtigen Riecher. Wer weiß, wo ich gelandet wäre, wenn ich mich für den Sturm entschieden hätte.

SPORT1: Mit 15 Jahren sind Sie zum 1. FC Kaiserslautern gegangen. Welche Erinnerungen haben Sie noch an diese Zeit?

Weidenfeller: Es war eine ganz tolle und lehrreiche Zeit. Ich war auf mich alleine gestellt, da es beim FCK noch kein Nachwuchsinternat gab. Ich habe im Elternhaus des früheren Bundesliga-Schiedsrichters Markus Merk in einer kleinen Wohnung gelebt. Ich hatte einen sehr engen Bezug zu dem Verein, habe auf dem Betzenberg gelebt, habe dann auch dort auch meine Lehre zum Bürokaufmann abgeschlossen. Danach habe ich mich voll und ganz dem Fußball gewidmet. Die Zeit mit Torwarttrainer Gerry Ehrmann war unglaublich lehrreich und auch der Grundstein für meine Karriere. Auch heute noch telefoniere ich mit ihm stetig und habe mit ihm einen offenen Austausch. Ich freue mich sehr, dass er zu meinem Abschiedsspiel kommen wird.

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Roman Weidenfeller im Jahr 2001 mit dem späteren FCK-Trainer Jeff Strasser
Roman Weidenfeller im Jahr 2001 mit dem späteren FCK-Trainer Jeff Strasser © Getty Images

SPORT1: 2002 wechselten Sie zum BVB. Die Nummer eins in Dortmund war damals Jens Lehmann. Ist es Ihnen schwer gefallen, sich als Nummer zwei hinter ihm einzuordnen?

Weidenfeller: Wer mich kennt, weiß, dass ich immer sehr ambitioniert bin. Es war also klar, dass ich irgendwann auch ins Tor wollte. Aber man lernt auch immer nur von den Besten. Jens Lehmann war ein überragender Torwart und zeigt auch heute noch bei Legendenspielen seine Klasse. Von daher war es relativ einfach, meine Rolle zu akzeptieren und an seiner Seite zu wachsen. Von ihm konnte ich mir vieles abgucken. Persönlich hatten Jens und ich immer einen guten Kontakt und sind auch heute noch freundschaftlich verbunden.

Jens Lehmann (l.) war einst Dortmunds Nummer 1 vor Roman Weidenfeller
Jens Lehmann (l.) war einst Dortmunds Nummer 1 vor Roman Weidenfeller © Getty Images

SPORT1: Als Lehmann dann zu Arsenal wechselte, wurden Sie Stammkeeper. Wie haben Sie diese Zeit empfunden?

Weidenfeller: Eigentlich sollte ich hinter einer sehr erfahrenen Abwehr aufgebaut werden. Doch dann fielen viele Teile der Mannschaft aus. Wir hatten damals ein riesiges Verletzungspech. Dadurch habe ich dann teilweise in einer sehr jungen Mannschaft gespielt, in der ich teilweise schon fast der Erfahrenste war. Die Ergebnisse blieben leider aus, dadurch bin ich sehr schnell in die Kritik geraten.

SPORT1: Wie war damals Ihr Verhältnis zu den Fans?

Weidenfeller: Es ist völlig normal, dass man die Verbindung zu den Fans erst aufbauen muss. Die Anhänger waren damals sowohl von der Mannschaft als auch von meiner persönlichen Leistung enttäuscht. Klar steht man dann anfangs nicht so hoch im Kurs. Das hat sich mit den Jahren aber verändert und bis heute trennt die Fans und mich kein Blatt mehr. Ich habe noch die Bilder vom letzten Heimspieltag vor Augen. In Hoffenheim haben mich die Fans auch noch einmal in die Kurve geholt und gefeiert. Ich bin den Fans sehr dankbar, dass sie mich sowohl in guten als auch in schlechten Zeiten unterstützt haben. 

So überstand Weidenfeller seine schwere Zeit beim BVB

SPORT1: Die Zeit damals war für den Verein keine einfache. Wie sehr hat die Finanzkrise die Mannschaft damals belastet?

Weidenfeller: Sehr, weil keiner genau wusste, wie es weitergeht. Am Vortag der Entscheidung über das Sanierungskonzept hatten wir noch 0:5 bei den Bayern verloren. Das sorgte natürlich auch nicht für Ruhe. Schlussendlich waren wir alle sehr erleichtert, dass der Verein weiterhin Bestand hatte und damit auch unsere Jobs gerettet waren. In dieser Zeit entwickelte sich eine gewisse Energie, weil wir wussten, dass wir nur gemeinsam aus dem Dilemma wieder herauskommen.

SPORT1: Im Anschluss ging es für den Verein ja wieder bergauf, 2008 kam dann Jürgen Klopp. Haben Sie bei ihm gleich gespürt, dass er der Richtige ist?

Weidenfeller: Jürgen Klopp war genau der richtige Mann zum richtigen Zeitpunkt. Er hat den Verein umgekrempelt. Zeitgleich gab er der Mannschaft das Selbstbewusstsein, dass sich da etwas entwickeln kann. Wir haben die Chance genutzt und sind gemeinsam gewachsen.

Jürgen Klopp trainierte Roman Weidenfeller und den BVB von 2008 bis 2015
Jürgen Klopp trainierte Roman Weidenfeller und den BVB von 2008 bis 2015 © Getty Images

SPORT1: Wie haben Sie Klopp als Typ erlebt?

Weidenfeller: Er ist sein sehr direkter, aber auch emotionaler Typ. Auf ihn konnte man sich immer verlassen. Die menschliche Seite kam nie zu kurz. Auch über private Dinge konnte man sich mit ihm immer unterhalten. Es gab immer einen offenen Austausch. Als Trainer hat er dann auch immer die richtigen taktischen Entscheidungen getroffen.

SPORT1: Klopp soll zu Motivationszwecken auch mal eine Ohrfeige verteilt haben.

Weidenfeller: Das war nur positiv gemeint. Es sollte den Spielern signalisieren: Ab jetzt zählt es! Wir lebten von der Emotion. Wir hatten damals noch nicht die Qualität im Kader, um mit den Top-Teams auf Augenhöhe zu spielen. Wir haben vieles über den Gemeinschaftssinn, die Kameradschaft und die Motivation herausgeholt.

SPORT1: War der Meistertitel 2011 für Sie der Höhepunkt ihrer Karriere?

Weidenfeller: Absolut. Nach so vielen Jahren die Schale zurück nach Dortmund zu holen und meine persönliche erste Meisterschaft zu feiern, war Emotion pur. Wir waren alle wahnsinnig stolz auf diesen Titel. Wir sind gefühlt auf Händen durch die Stadt getragen worden. Es war ein fantastisches Gefühl.

SPORT1: Unmittelbar nach Erreichen der Meisterschaft gaben Sie dem Sender Dubai Sports ein fast schon legendäres Interview mit dem zum Kult gewordenen Satz: "We have a grandios Saison gespielt." Wie dachten Sie damals und denken Sie heute darüber?

Weidenfeller: Heute kann ich absolut drüber schmunzeln. Das gehört halt zu meiner Karriere. Es war ganz witzig. Ich war eigentlich schon mitten in Feierlaune und auf dem Zaun in der Südtribüne. Wir hatten auch schon das eine oder andere Bierchen intus. Unser damaliger Pressesprecher Josef Schneck zog mich nochmal kurz von den Feierlichkeiten weg. Ich wusste gar nicht, was auf mich zukam. Der Journalist sprach meinen Namen dann schon dubios aus und ich sollte dann auf Englisch antworten. In dem Moment war ich auch nicht ganz der Herr meiner Sinne und habe das dann nur so dahin gesprochen, ohne groß weiter drüber nachzudenken. Ich bin auch gar nicht davon ausgegangen, dass es ausgestrahlt wird. Am nächsten Morgen hat man mich dann eines Besseren belehrt. Mit jedem Mal, dass ich selbst in das Video hinein geklickt habe, wurde mir bewusst, was ich ausgelöst habe.

SPORT1: Es war ja auch nicht so wirklich klar, was der Journalist überhaupt fragen wollte.

Weidenfeller: Ich war am Anfang auch ziemlich genervt und überlegte, ob ihm antworte oder direkt zu den Fans zurückeile. Aber ich wollte das noch ordentlich über die Bühne bringen, habe es dann aber versemmelt. Letztendlich war es eine witzige Aktion. Die wird immer ein Teil meines Lebens sein. Es war eine schöne Anekdote.

SPORT1: Hat sich im Anschluss ihr alter Englischlehrer bei ihnen gemeldet, so nach dem Motto: Das können Sie aber besser?

Weidenfeller: Zu dem Zeitpunkt hat sich keiner getraut, bei mir anzurufen. Nichtsdestotrotz bin ich gerade dabei, meine Englischkenntnisse aufzufrischen, um es beim nächsten Mal besser zu machen.

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