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München - Neuro-Athletic-Training erobert den Fußball, zahlreiche Sportler schwören auf die Drills und haben große Erfolge erreicht. iM Football erklärt das Training der Zukunft.

Am Ende des Interviews spricht Marcel Ndjeng nochmal Klartext. "Es muss das Hauptziel sein, jeden Sportler besser zu machen und gesund zu halten. Ich kann es nicht nachvollziehen, dass Athleten Schmerzblocker für den Umgang mit Verletzungen benutzen", stellt der Ex-Profi im Interview mit iM Football dar.

Täglich ziehen sich Profis muskuläre Verletzungen zu. Arjen Robben, Marco Reus und Co. verpassen unzählige Spiele aufgrund von Problemen mit der Muskulatur. Die Alternative hat Ndjeng gleich parat: Neuro-Athletic-Training (NAT). Die Neuro-Drills erobern den Markt in beeindruckender Geschwindigkeit, die Zukunftsperspektiven sind glänzend.

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SPORT1 und iM Football erklären, was hinter dem geheimnisvollen Training steckt.

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Die Idee

Beim NAT wird der Blickwinkel auf die Ursache einer Verletzung bzw. eines Defizits gelegt, nicht wie bisher auf das Symptom.

"Das Ziel ist es, den Bewegungsablauf besser und effizienter zu machen", erklärt Jan-Ingwer Callsen-Bracker, der bei Bundesligist FC Augsburg unter Vertrag steht.

Die Übungen sind "eine Kombination aus Erkenntnissen der Sportwissenschaften und den Neurowissenschaften", die letztendlich eine Verbesserung der eigenen Performance zur Folge haben. Vordenker Lars Lienhard sieht in dem Ansatz gar die Chance, den kompletten deutschen Sport zu verändern. Er hat 2010 die Methode gemeinsam mit Martin Weddemann nach Deutschland gebracht und bekannt gemacht.

Die Ursprünge

Seine Anfänge hatte das Training im Jahr 2010, das Team Focus on Performance um Lienhard und Weddemann wollte die Herangehensweise an Bewegung und Training revolutionieren. Dafür implementierte Lienhard die Methode, die Chiropraktiker und Evolutionsbiologe Dr. Eric Cobb in den USA auf den Weg gebracht hatte, auch in Deutschland.

Als erster Profifußballer kam Callsen-Bracker mit der neuartigen Idee in Verbindung.

Der Verteidiger litt seit längerer Zeit an muskulären Problemen und kam mit Lienhard in Kontakt. "Ich bin dann drangeblieben und habe täglich trainiert, weil mich das Training besser gemacht hat", erinnert sich Callsen-Bracker im Gespräch mit iM Football.

"Was passiert hier eigentlich gerade?"

Als sich schnell erste Erfolge einstellten, empfahl der heute 34-Jährige das Training an seine Mannschaftskollegen in Augsburg weiter und begann parallel die NAT-Ausbildung bei Dr. Cobb.

"Wir haben dann eine kleine NAT-Trainingsgruppe gegründet. Im ersten Training dachte ich: 'Was passiert hier eigentlich gerade?' Es ist Wahnsinn, welchen Effekt einfache Übungen über neuronale Stimulanz haben", meint Ndjeng, der sich von Callsen-Brackers Erfolgen inspirieren ließ und in die Trainingsgruppe einstieg.

Das Training

Bei den sogenannten NAT-Drills wird zunächst Input über das visuelle sowie des Gleichgewichts-System und die Körperwahrnehmung gegeben. Dieser wird durch das Gehirn interpretiert und entsprechende Bewegungen als Output weitergegeben.

"Es wird nach der schwächsten Stelle im System gesucht und von dort beginnt dann der Trainingsprozess", erklärt Callsen-Bracker. Durch die gezielte Einbindung des Gehirns bekomme man "mehr Trainingsmöglichkeiten und Ansatzpunkte, um muskuläre Probleme und Verletzungen zu erklären und vorzubeugen."

Dies geschieht bereits durch kleine Änderungen des gewohnten Trainingsablaufes - die nicht einmal besonders athletisch aussehen. "Außenstehende können sich nicht vorstellen, dass Kleinigkeiten einen so großen Einfluss auf den Bewegungsoutput haben können", berichtet Callsen-Bracker.

Die Zielgruppe

Egal ob Hobbysportler oder Nationalspieler - NAT eignet sich für Sportler jeglichen Niveaus. "Für jeden, der das Ziel hat, besser zu werden, ist das eine sehr gute Möglichkeit. Das Training berücksichtigt immer das individuelle Leistungsvermögen", sagt der FCA-Profi.

Auch Athleten aus anderen Sportarten haben die Neuro-Drills in ihren Trainingsplan integriert, beispielsweise nutzen es Kombinations-Weltmeister Fabian Rießle oder Spitzen-Leichtathletin Gina Lückenkemper regelmäßig.

Die Erfolge

NAT war als Bestandteil des Teams hinter dem Team am Gewinn der Fußball-WM 2014 beteiligt.

Nachdem DFB-Manager Oliver Bierhoff auf Empfehlung von Per Mertesacker Lienhard und sein Team ins Vorbereitungs-Trainingslager nach Südtirol eingeladen hatte, kamen die deutschen Nationalspieler mit dem modernen Ansatz in Kontakt und nutzten die Neuro-Drills regelmäßig auf dem Weg zum Triumph in Brasilien.

Ex-Nationalspieler Mertesacker referierte im Herbst 2018 sogar auf einer Konferenz über NAT, auch Bayern-Star Serge Gnabry schwört auf die Übungen.

Ndjeng und Callsen-Bracker haben ebenfalls faszinierende Erfolge mit dem Übungsansatz gefeiert.

Traumtor statt Karriereende

So gelang dem Mittelfeldspieler 2015 in einem Testspiel mit dem SC Paderborn ein Volley-Tor aus 40 Metern, das von der FIFA für das Tor des Jahres nominiert wurde.

"Bei diesem Tor habe ich genau die Situationen im Vorfeld trainiert, allerdings nicht aus großer Distanz. Ich habe die Kontrolle und Stabilität meines Körpers für diese Volleyschüsse trainiert (…) Am Ende musste ich einfach nur den Ablauf aus dem Training wiederholen", erklärt der 36-Jährige.

Dabei hätte der heutige Juniorentrainer des KFC Uerdingen beinahe mit 29 Jahren seine Karriere beenden müssen. "Ich hatte große Gelenkbeschwerden und eine Operation, die mich weit zurückgeworfen hat. Dank NAT konnte ich jedoch wieder meine gewohnte Leistung bringen."

Deutlich heftiger hatte es Callsen-Bracker erwischt: Der frühere Junioren-Nationalspieler wurde beim Europa-League-Spiel bei Partizan Belgrad 2015 so schwer verletzt, dass er 16 Monate pausieren musste.

Die niederschmetternde Diagnose: Wadenbeinbruch, großflächige Knorpelabscherungen, Abriss aller Innenbänder und Knochenmarködem im Sprunggelenk.

Schmerzfrei trotz Horrorverletzung

Ein Horrorfoul, das bei vielen Fußballern das Karriereende bedeutet hätte. Callsen-Bracker kam jedoch zurück, war bei seiner Leihe in Kaiserslautern 2018 Leistungsträger und kam auch in dieser Saison bereits in der Bundesliga zum Einsatz.

Durch das disziplinierte Ausführen der Übungen erlebte der Routinier nach seiner Horror-Verletzung 2015 keine gesundheitlichen Rückschläge mehr und ist seit Jahren verletzungsfrei.

"Durch die damalige Verbesserung meiner Bewegungsabläufe und Beseitigung der muskulären Probleme hat meine Profi-Laufbahn insgesamt betrachtet eine erfreuliche Entwicklung genommen. Ich fühle mich auch jetzt mit 34 Jahren noch jung und frisch und habe keine Schmerzen", berichtet er im iM-Football-Interview.

Für Callsen-Bracker, der seine Ausbildung und Weiterbildungen im Bereich NAT in Skandinavien und den USA absolvierte, wird auch nach der Karriere Neuro-Athletic-Training neben seinem Master im Sportmanagement im Fokus stehen.

Die Zukunftsperspektiven

"Durch das Training wird das Leistungsvermögen der Athleten gesteigert. Darum wird es sich sicherlich bald in der Fußball-Bundesliga sowie anderen Sportarten etablieren", hält Callsen-Bracker fest.

Die Bekanntheit und der Einsatz des Trainings wächst rasant, schon jetzt trainieren regelmäßig einige Toptalente und Juniorennationalspieler des FC Bayern und von Borussia Dortmund mit dem Neuro-Ansatz.

Beim FC Arsenal hat sich die Trainingsart in der Jugendakademie dank Leiter Mertesacker längst etabliert, auch andere europäische Topklubs sind auf das Team Focus On Performance aufmerksam geworden.

"Ich würde mir wünschen, dass die Bundesliga-Vereine das Training regelmäßig nutzen. Langfristig ist es unabdingbar, dass Neuro-Athletic-Training für gezieltes individuellles Training genutzt wird", meint Ndjeng.

Das Training der Zukunft - jetzt auch bei Youtube

Bei iM Football können auf dem Youtube-Kanal bereits zahlreiche NAT-Basis- und Grundlagenübungen angeschaut werden, wöchentlich erscheinen zwei neue Videos: Professionelle Neuroathletictrainer erklären die einfachen Basis-Übungen, Profifußballer führen sie aus - nachzumachen für Sportler auf jedem Niveau.

Ziel ist es, dass der interessierte Hobby- und Leistungsfußballer sein Trainingsspektrum erweitern kann, einen Einblick in neurozentriertes Training bekommt und erste Erfahrungen sammelt.

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