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"Der Steudel! Dahoam" ist die neue Kolumne von Alex Steudel © SPORT1-Grafik/Getty Images
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Hamburg - Als der Livesport wegen der Coronakrise wegbrach, wählte Sportjournalist Alex Steudel Dokus und Biografien als Ersatzdroge. In seiner Kolumne erzählt er davon.

Das Gute an neuen Sportdokus ist ja, dass du nicht ewig warten musst, bis die nächste Folge kommt. Du guckst einfach, solange du willst. Bis die Augen brennen. Und dann noch eine Stunde. Das ist ein schwacher Trost in Corona-Homeoffice-Zeiten, aber es ist ein Trost.

Nicht auszudenken, wie mein Körper reagieren würde, wenn ich am Montag um 10 Uhr morgens eine spannende Sportdoku finden würde und dann eine Woche auf Folge zwei warten müsste. Horror.

Das erinnert mich ein bisschen an meine Jugend. Früher haben mich diese Pausen fast umgebracht. Die Top-Serien hießen "Der Kurier des Zaren", "Timm Thaler" oder "Der Seewolf" und trieben mich in den Wahnsinn. Also nicht der Stoff trieb mich in den Wahnsinn, sondern die Wartezeit.

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Strahlten ARD und ZDF die Folgen doch tatsächlich im Drei-, Vier oder gar Sieben-Tages-Rhythmus aus! Manchmal frage ich mich, wie viele der Programmdirektoren von damals später Karriere in der Sadomaso-Branche gemacht haben. Es war schlimm.

Ich liebte diese Serien jedenfalls und versank in ihnen. Ich kenne noch heute fast jeden Seewolf-Dialog zwischen "Wolf Larsen" Harmstorf und "Humphrey van Weyden" Meeks auswendig. Was in den Tagen zwischen den ausgestrahlten Folgen in der Schule dran kam? Ich habe nicht die geringste Ahnung.

Doku über den AFC Sunderland wird zum Drama

Ähnlich geht es mir jetzt in der Coronakrise, nur dass zwischen den Folgen nichts passiert, das ich mir merken müsste. Weil ich alles am Stück gucke. Niemand ertrinkt so schön im Stream wie ich.

Ich habe zum Beispiel in meinem ganzen Leben keine Serie so schnell weggeguckt wie die Fußballdoku "Sunderland 'Til I Die" auf Netflix. Und das will was heißen, die 14 Folgen der beiden Staffeln dauern nämlich zusammen locker zehn Stunden.

Es war eine großartige Zeit. Mit viel Kaffee.

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Die Serie handelt vom Fußballklub AFC Sunderland im Nordosten Englands, der aus der Premier League abgestiegen ist und eigentlich gleich wieder aufsteigen will, aber in der zweiten Liga in den Abstiegskampf gerät.

Das Netflix-Team begleitet Trainer, Mannschaft, Klubangestellte und ein paar Hardcore-Fans, nein, eigentlich begleitet es die ganze Stadt - und das ist so spannend, du kannst einfach nicht weggucken. Als Zuschauer wirst du dabei ganz langsam eins mit dem Trainer und mit den Spielern und mit der Stadt.

Einmal besuchen wir den örtlichen Leichenbestatter, der davon spricht, dass sich manche Sunderland-Fans im rot-weißen Trikot bestatten lassen. Die Kamera schwenkt um, und wir sehen tatsächlich undeutlich jemanden im Sarg liegen, der ein Trikot der Black Cats anhat. Das ist so traurig, das nimmt einen fast so mit wie eine Saison HSV.

Die zweite Staffel finde ich genauso gut. Diesmal ändert sich die Perspektive. Jetzt begleiten wir vor allem den reichen Besitzer und den Sportdirektor bei der Arbeit. Oder sollte ich besser schreiben: Beim Leiden? Wieder sind wir bei allen Meetings dabei, einmal sogar in den entscheidenden Stunden vor Transferschluss.

"Wir haben euch bei Netflix weinen sehen"

Wie die beiden versuchen, den Klub auf Kurs zu bringen und dabei stets am Rande eines Nervenzusammenbruchs wandeln. Die Art, auf die vor allem der gnadenlose Sportdirektor Charlie Methven mit den Mitarbeitern an der Geschäftsstelle Tacheles redet (einmal sieht man sogar, wie dabei jemand die Augen verdreht), das alles ist schon schwer beeindruckend. Nein, nervenzerfetzend. Ein Geschenk.

Ich bin übrigens sicher, dass ich jederzeit selbst einen Profiklub übernehmen könnte. Ich weiß ja jetzt alles übers Fußballgeschäft.

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"Sunderland 'Til I Die" hat nach der Ausstrahlung der ersten Staffel übrigens auch für Spott gesorgt - aber nur bei gefühllosen Menschen. Anhänger der Gegner sangen im Stadion: "Wir haben euch bei Netflix weinen sehen!" Richtung Sunderland-Fans. Fies.

Aber ich will nicht spoilern. Die wichtigste Regel beim Sportdoku-Gucken ist nämlich: Bloß nicht googeln, wie es ausgegangen ist. Und wenn du es schon weißt: Versuch', es zu vergessen. Erst dann wird das Ganze zum perfekten Happening, das den aktuellen Mangel an Livesport vergessen lässt. Du fieberst noch mehr mit.

Das gilt übrigens auch für Bücher.

Wenn ich eine Sportdoku-Serie gucke, komme ich manchmal an den Punkt, an dem es nicht mehr weitergeht: Der Rücken schmerzt, der Kaffee sorgt für Sodbrennen, die Augen tun weh. In solchen Momenten mache ich Pause. Ich schalte den Fernseher aus und lese ein Buch. Natürlich ein Sportbuch, damit ich nicht aus dem Rhythmus komme.

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Zum Beispiel "Brave New World" von Mauricio Pochettino, der in kurzweiligen Kapiteln hauptsächlich seine Zeit als Trainer bei Tottenham Hotspur beschreibt. Oder "The Didi Man - my Love Affair with Liverpool" von Didi Hamann. Während Pochettinos Werk sehr detaillierte Einblicke in seine tägliche Arbeit bei den Spurs bietet, ist die Hamann-Biografie nicht nur spannend und informativ, sondern obendrein total witzig geschrieben.

Dass beide Bücher bisher nur in englischer Sprache erschienen sind? Nicht schlimm. Leute, stellt euch nicht so an, sogar Lothar Matthäus hat Englisch gelernt.

Matthäus als Prophet

Lothar hat übrigens auch Bücher geschrieben. Sein berühmtes "Mein Tagebuch" erschien 1997 und brachte ihm eine Menge Ärger ein, weil er viele Interna - oder: Internas, wie der Fußballer sagt - preisgab.

Ich erinnere mich gerade nicht daran, weil ich das Buch gelesen habe, denn das habe ich nicht, sondern weil ich damals ziemlich neu bei der Münchner Abendzeitung war und zur Pressekonferenz der Buchvorstellung mit Lothar Matthäus geschickt wurde. Ich sah Lothar zum ersten Mal in meinem Leben so nah vor mir. Und ich war tatsächlich fasziniert. Wie schnell er sich in so viele Mikros gleichzeitig für sein Tagebuch rechtfertigen konnte!

Lothar bekam übrigens unter anderem deshalb Ärger, weil er in einem Interview zur Veröffentlichung des Buchs, das die Saison 1996/97 beim FC Bayern beschreibt, seinen Teamkollegen Jürgen Klinsmann schlecht aussehen ließ.

Aus heutiger Sicht ein echter Prophet, der Lothar.

- "Sunderland 'til I die" – 2018, 2020, Netflix (2 Staffeln)
- "The Didi Man" von Didi Hamann – 2012, Verlag Headline, 282 Seiten
- " Brave New World: Inside Pochettino's Spurs" – 2017, Verlag Weidenfeld & Nicolson, 352 Seiten
- "Lothar Matthäus: Mein Tagebuch" – 1997, Sportverlag, 256 Seiten

Alex Steudel ist Sportjournalist und seit seiner Kindheit glühender Sportfan. Mitte März brach alles weg: Kein Livesport mehr weit und breit. Um den Entzug erträglich zu machen, stieg Steudel auf eine Ersatzdroge um: Dokumentationen oder Biografien – meistens, aber nicht immer handeln sie von Fußball. Es geht ihm inzwischen viel besser. Ach was, es geht ihm super: Er hat eine neue Welt entdeckt. In dieser Kolumne erzählt er davon.

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