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Sportjournalist Alex Steudel benutzt Fußballdokus während der Corona-Pause als Ersatzdroge
Sportjournalist Alex Steudel benutzt Fußballdokus während der Corona-Pause als Ersatzdroge © SPORT1-Grafik: Getty Images/Imago/SPORT1
Lesedauer: 7 Minuten
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München - Als der Livesport wegen der Coronakrise wegbrach, wählte Sportjournalist Alex Steudel Fußballdokus als Ersatzdroge. In seiner Kolumne erzählt er davon.

Meine Erinnerung an Maradona setzt 1986 ein: Die erste einschneidende Erfahrung mit ihm war das WM-Finale 1986 gegen Deutschland. Das Spiel, in dem der Meister aller Klassen endlich ausgeschaltet wurde. Also fast.

Ein einziger Ballkontakt reichte nämlich Maradona, um doch alles für sich zu entscheiden: Er bereitete das 3:2 der Argentinier mit einem großartigen Pass vor, den man selbst heute und nach der zwanzigsten Zeitlupe nicht antizipieren kann. Ich war 20, am Boden zerstört und wusste, was Genie ist.

"El Dios": Zuschauer beteten Maradona an

Drei Jahre später stand ich im Stuttgarter Neckarstadion und traute meinen Augen wieder nicht. Dabei hatte das Spiel noch gar nicht angefangen. Da unten vor mir stand Maradona und machte sich eigentlich nur warm. Aber das war kein Warmmachen im herkömmlichen Sinn, es war Anbetung. Er betete den Ball an, wir Zuschauer beteten Maradona an.

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Obwohl es sich immerhin um das UEFA-Pokal-Finalrückspiel gegen den VfB handelte, steht der 17. Mai 1989 aus heutiger Sicht vor allem für den unglaublichen Aufwärmvorgang des Diego Armando Maradona. Ich stand da und schaute runter und wusste schon wieder, was Genie ist.

Die legendäre Aufwärmszene im Ländle fehlt in keinem Film über Maradona. Und davon gibt es viele. Die zwei besten liefen in letzer Zeit.

"Diego Maradona"-Doku: Sternstunde des Weltfußballs

Die Doku "Diego Maradona" war für mich eine Sternstunde des Weltfußballs, ich habe sie nämlich im Kino mit meiner Freundin geguckt, die sich nicht die Bohne für Fußball interessiert, und erstmals fand sie etwas wahnsinnig gut, das mit Fußball zu tun hat. Das sagt eigentlich alles.

Was der Superstar Maradona aushalten musste, wie sie alle an ihm zerrten, und was für ein lieber Kerl der im Grunde war, und dass das alles nicht zusammenpassen und gutgehen konnte, das zeigt der Film wunderbar. Man windet sich fast vor Pein und Fremdschämen in den Szenen, in denen die Menschen in ihn hineinzukriechen versuchen vor Bewunderung und Anbetung.

Maradona-Vergötterung: Wie soll jemand damit leben?

Selbst seine Mitspieler in Neapel haben ihn vergöttert und sogar Lieder auf ihn gesungen, wie unfassbar ist das eigentlich? Und wie soll jemand damit leben?

Man sieht in dem Film natürlich auch, was für ein wahnsinnig guter Fußballer er war. So gut, dass seinen Gegenspielern nichts anderes übrig blieb, als ihn abzuholzen. Besonders faszinierend fand ich, wie Maradona immer wieder aufgestanden ist, und wie aufopferungsvoll er trainiert hat trotz des ganzen Trubels und der Sauferei und der Drogen.

Traurig ist der Film natürlich die ganze Zeit. Man weiß ja, dass es nicht gut ausgehen wird, und am Ende sitzt Maradona tatsächlich verfettet und fast nicht wiederzuerkennen in einem TV-Studio. Tränen laufen sein aufgeschwemmtes Gesicht hinunter, und du hast selber einen Kloß im Hals und möchtest ihn nur in den Arm nehmen und sagen: Komm', wir machen das ganze nochmal ganz von vorn, aber diesmal helfe ich dir, und alles wird gut.

Maradona in Mexiko: als Trainer nur 2. Liga

Leider wird nicht alles gut - Zeitsprung - das zeigt die aktuelle Netflix-Serie "Maradona in Mexiko", wo er 2018 den Trainerjob beim Tabellenletzten der zweiten Liga übernahm. Maradona in der zweiten Liga in Mexiko, das ist, als müsste Gott Gemüse auf dem Wochenmarkt nebenan verkaufen. Nichts gegen Gemüse und Wochenmärkte.

Maradona ist alt geworden, und er kann wegen einer Art Ganzkörperarthrose nicht mehr richtig gehen. Er humpelt herzzerreißend. Und er redet wie jemand, der unter Drogen steht, die Augen oft so halb zugeklappt. Wir erfahren aber nicht, ob er wirklich unter Drogen steht, oder ob das die Nachwirkungen der Schmerzmittel sind, die er wohl seit 15 Jahren nimmt.

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Das Schlimmste an der siebenteiligen Doku war für mich, dass du das Genie Maradona heute nicht mehr erkennst. Die Aura ist weg. Du siehst einen etwas schlicht tickenden Menschen, der den Ball vermutlich nur noch zehn Sekunden lang hochhalten könnte, und der oft wirres Zeug redet.

Maradona ohne Drogen: "Wie gut hätte ich dann gespielt?"

Aber ein paar lichte Momente gibt es und die haben es in sich. Maradona spricht einmal davon, dass er sein Leben lang nie allein sein durfte, immer seien Menschen um ihn herum gewesen. Alleine sei er nur gewesen, wenn es ihm schlecht ging.

Und dann sagt er einen großen Satz über seine Zeit als Spieler: "Ich war krank, drogenabhängig. Ich frage mich immer: Hätte ich keine Drogen genommen, wie gut hätte ich dann gespielt?"

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Tja. So habe ich darüber noch nie nachgedacht: Wie gut hätte der beste Spieler aller Zeiten gespielt, wenn er keine Drogen genommen hätte?

Alles in allem hat mich die Doku am Ende doch sehr fasziniert. Während ich Folge für Folge sah und den heute 59 Jahre alten Maradona beobachtete, dachte ich oft: Oh mein Gott, was ist bloß aus ihm geworden?

Diego als Trainer: Seine Mannschaft ist verliebt

Aber du siehst gleichzeitig eine Mannschaft, die sich in ihn verliebt und immer besser spielt. Das ist kurios. Maradona übernimmt das desolate Team aus der Drogenkartellhauptstadt Culiacán, die Dorados de Sinaloa, auf dem letzten Platz der zweiten Liga und führt es ganz nach oben in die Playoffs.

Und gerade als du denkst, dass das alles nur Zufall gewesen sein kann, verschwindet er ("aus gesundheitlichen Gründen") für einige Zeit, kehrt mitten in der nächsten Saison zurück und bringt genau das gleiche Kunststück genauso wieder fertig.

"Danke, dass ihr mich wieder zum Leben erweckt habt", ruft Maradona am Ende den Leuten in Culiacán zu.

Und da musste ich wieder schlucken. 

- "Diego Maradona" – 2019, Amazon Prime

- "Maradona in Mexiko" – 2019, Netflix (1 Staffel)

Alex Steudel ist Sportjournalist und seit seiner Kindheit glühender Sportfan. Mitte März brach alles weg: Kein Livesport mehr weit und breit. Um den Entzug erträglich zu machen, stieg Steudel auf eine Ersatzdroge um: Dokumentationen oder Biografien – meistens, aber nicht immer handeln sie von Fußball. Es geht ihm inzwischen viel besser. Ach was, es geht ihm super: Er hat eine neue Welt entdeckt. In dieser Kolumne erzählt er davon.

Die bisherigen Kolumnen von Alex Steudel:

 

Teil 1: - Ich hab' euch bei Netflix weinen sehen!

Teil 2: - Gabriel Jesus' Tränen - ich bin gerettet!

Teil 3: - Fremdgehen mit "Drive to Survive"

Teil 4: - Leiden mit Leeds United

Teil 5: - Die verrückte FC-Saison

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