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München - SPORT1 begleitet den früheren 1860-Star Berkant Göktan bei seiner Rückkehr ins Grünwalder Stadion. Dort trifft der geläuterte Ex-Profi auf einen ganz besonderen Fan.

Die Augen von Berkant Göktan leuchten, als er das Innere des Grünwalder Stadions betritt. Schnellen Schrittes geht er zum Zaun vor der Haupttribüne, steht dort minutenlang und schaut umher.

"Ich freue mich, den Platz wiederzusehen. Der Rasen ist besser als früher", sagt Göktan im Gespräch mit SPORT1 und lacht.

Kurz darauf kommt ein Mann durch den Stadion-Eingang. Schütteres Haar, Jeans und Lederjacke. Darunter trägt er einen Pulli von 1860 München. Es ist Franz Hell, einer von drei Allesfahrern, der seit 1963 fast jedes Heimspiel besucht und nur rund 30 Auswärtsspiele seiner Löwen verpasst hat. Seit 1987 ist er auch bei jedem Trainingslager dabei.

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Die erste Karte am 10. Geburtstag

"Als kleiner Bub habe ich zu meinem 10. Geburtstag die erste Karte bekommen. Mein Vater war leidenschaftlicher Löwen-Anhänger und ist oft zu den Spielen gegangen", erzählt Hell.

Göktan und der 66-Jährige umarmen sich herzlich. Es ist wie früher.

Blick ins Allerheiligste: Berkant Göktan (l.) und Franz Hell im altehrwürdigen Grünwalder Stadion
Blick ins Allerheiligste: Berkant Göktan (l.) und Franz Hell im altehrwürdigen Grünwalder Stadion © Reinhard Franke

"Es ist einfach schön, wenn man ein ehemaliges Idol trifft. Ich habe mich riesig auf das Treffen mit Berki (Göktans Spitzname, Anm. d. Red.) gefreut, weil er ein toller Fußballer und damals mein Idol war", sagt Hell SPORT1. "Ich bin auch froh, dass er vor allem wieder gesund ist. Wir haben uns damals große Sorgen gemacht. Schade, dass er uns 2008 unter unglücklichen Umständen verlassen musste."

Vor einigen Wochen hat der Edel-Fan das Interview von Göktan bei SPORT1 gelesen, in dem der Ex-Profi über sein Aus bei den Sechzigern erzählte. 2008 war das, als er wegen nachgewiesenen Kokainmissbrauchs fristlos entlassen wurde.

"Jeder verdient eine zweite Chance"

Göktans Lebensbeichte schlug hohe Wellen. Doch die Fans halten dem einstigen Fan-Liebling weiter die Stange.

"Jeder verdient eine zweite Chance und jemand, der für uns so gute Spiele gemacht hat, erst recht. Jeder muss für seine Fehler bezahlen und das hat Berki auch machen müssen", meint Hell. "Ich würde mich unglaublich freuen, wenn er im Umfeld von 1860 wieder auftauchen würde. Sechzig ist ein Verein von Freunden und ich habe das Gefühl, dass Berki sofort wieder von uns aufgenommen werden würde. Er hat immer noch eine unglaublich nette und sympathische Art."

Hell blickt zurück und denkt dabei an einen anderen ehemaligen Spieler der Blauen. "Ich hätte mir Berki gut zusammen mit Benny Lauth vorstellen können, der in dem Jahr gekommen war. Wir hatten damals eine super Truppe."

Göktan staunt beim Treffen mit SPORT1 über so viel Fan-Liebe.

"Es ist sehr schön zu hören, was Franz alles weiß und wen er kennt. Seit dem 10. Lebensjahr ist er Sechzig-Fan - seit 56 Jahren. Ich habe ihm gesagt, dass mir mein damaliges Verhalten sehr leid tut. Es hätte anders laufen können, wenn ich gefestigter gewesen wäre und ich früher geheiratet hätte. Das Wichtige ist jetzt, dass ich wieder bei der Familie sein kann."

Zwei Spiele bleiben im Gedächtnis

Hell erinnert sich an zwei Spiele von Göktan im Löwen-Trikot, die ihm im Gedächtnis geblieben sind. "In der Saison 2007/2008 haben wir mit ihm in Kaiserslautern in der letzten Minute gewonnen. Da hat er ein super Spiel gemacht. In Augsburg haben wir damals 6:2 gewonnen. Das war ein tolles Jahr."

SPORT1-Reporter Reinhard Franke (r.) brachte Berkant Göktan (M.) und Allesfahrer Franz Hell im Grünwalder Stadion zusammen
SPORT1-Reporter Reinhard Franke (r.) brachte Berkant Göktan (M.) und Allesfahrer Franz Hell im Grünwalder Stadion zusammen © Reinhard Franke

Seiner Meinung nach hätte 1860 damals "große Chancen auf den Aufstieg gehabt, wenn Berki in seiner Form des Vorjahres gewesen wäre. Er hat einfach überragend gespielt. Ich glaube, er wurde auch zum Spieler der Saison bei 1860 gewählt. Das ist jetzt auch schon wieder elf Jahre her."

Für Göktan war das Grünwalder Stadion immer etwas Besonderes. Hier spielte er zu Beginn seiner Profikarriere mit den Bayern-Amateuren und erinnert sich auch heute noch an "ein paar schöne Spiele". Doch die Begegnung mit dem Allesfahrer macht ihn vollends glücklich.

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Treffen mit Franz ist für mich sehr emotional. Es herrscht gegenseitiger Respekt. Leute wie er unterstützen ihr Team immer. Was die Zuschauer den Spielern geben, habe ich von Franz erfahren. Das muss mit dem gleichen Respekt behandelt werden, wie die fußballerische Leistung."

Bester Mittelfeldspieler nach Abstieg 2004

Die habe für Hell immer gestimmt. "In der Zeit nach dem Abstieg 2004 war Berki einer der besten Mittelfeldspieler, die wir gehabt haben. Er war technisch sehr gut, hat ein Auge gehabt und auch gleichzeitig Tore geschossen. Selbst nach seinem Weggang haben die Leute jahrelang gesagt, dass er einer wäre, der wieder zurückkommen könnte.“

2009 gab es die Möglichkeit für ein Comeback. Der damalige Sportchef der Löwen, Miroslav Stevic, wollte ihn zurückholen. "Leider hat Berki den Schritt nicht mehr gewagt. Wir haben uns auch später noch relativ oft über ihn unterhalten. Es wäre auch zwei oder drei Jahre später noch eine Möglichkeit gewesen, der Mannschaft zu helfen, weil er technisch einfach ein hervorragender Fußballer war.“

Comeback 2020?

Gibt es 2020 ein Comeback, wenn auch nicht auf dem Rasen? Hell könnte sich Göktan durchaus wieder im Verein vorstellen.

“Er müsste wahrscheinlich erst einmal den kleinsten Trainerschein machen und dann könnte man sich in der Jugendarbeit etwas vorstellen. Das ist natürlich nicht meine Entscheidung als Fan, das muss die sportliche Leitung entscheiden. Ich könnte mir das aber vorstellen, dass es da eine Möglichkeit gäbe.“ Er würde es begrüßen. Göktan sei einer, "der auf Leute zugeht". Er könne Talenten etwas beibringen. "Gute Fußballer sind immer gefragt. Ich glaube, dass die Fans der Sache ganz positiv gegenüberstehen werden."

Der Ex-Kicker könne jungen Fußballern zudem als "warnendes Beispiel" dienen. "Berki hätte eine Riesenkarriere hinlegen können. Er könnte sicher darüber erzählen, dass man sich auf den sportlichen Bereich konzentrieren muss und sich nicht auf so einen Mist einlassen soll.“

Köllner folgt auf Bierofka

Auf den sportlichen Bereich konzentrieren, darum geht es nun wieder. Den überraschenden Rücktritt von Daniel Bierofka haben die Löwen so gut es geht verarbeitet, mit Michael Köllner ist ein neuer Chefcoach da.

"Er hat auf jeden Fall eine faire Chance verdient. Ich habe Daniel schon als kleinen Jungen gekannt, der seinen Vater als Trainer begleitet hat“, sagt Hell. „Es tut mir unendlich leid, dass er weg ist. Er war immer einer von uns, aber das Leben geht weiter. Schade ist es schon."

Göktan ist wieder da. Und er plant schon bald einen Besuch bei einem Spiel seiner Löwen. „Ich würde aber gerne mittendrin stehen, wenn ich ein Spiel sehe. Nicht auf den Sitzplätzen." Dann werden seine Augen bestimmt wieder leuchten.

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