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München - Nach der Lebensbeichte von Berkant Göktan spricht jetzt sein damaliger Sportchef Miroslav Stevic bei SPORT1 über das einstige Wunderkind des deutschen Fußballs.

In der vergangenen Woche sorgte das Interview mit Berkant Göktan bei SPORT1 für Aufsehen. 

Elf Jahre hatte man nichts mehr vom einstigen Wunderkind des deutschen Fußballs gehört, nachdem er 2008 wegen Kokainmissbrauchs bei 1860 München rausgeflogen war. 

Einer, der ihn 2009 zurückholen wollte, war Miroslav "Miki" Stevic, der damalige Sportchef der Sechziger. Als Stevic Göktans Lebensbeichte las, schickte er sofort eine WhatsApp an die Redaktion mit dem Satz: "Ich wollte Berki damals retten".  

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Jetzt spricht Stevic bei SPORT1 über Göktan und hofft auf eine 2. Chance für den 38-Jährigen.

SPORT1: Herr Stevic, was haben Sie gedacht, als Sie in der vergangenen Woche das Interview von Berkant Göktan gelesen haben?

Miki Stevic: Das war zu 100 Prozent ehrlich. So, wie er da gesprochen hat, hat er früher auf dem Rasen auch Fußball gespielt - offensiv und gradlinig. Ich glaube, obwohl es eine traurige Geschichte ist, ist es aber auch ein gutes Beispiel, von dem viele junge Leute lernen können, wenn sie Berkis Geschichte und seine Fehler lesen. Es war nämlich sehr mutig von ihm, im Interview so offen über diese Fehler zu sprechen.

SPORT1: Sie haben im Vorgespräch dieses Interviews gesagt, dass Sie Göktan damals retten wollten. Können Sie das erklären?

Stevic: Manfred Stoffers (damaliger Geschäftsführer von 1860, d. Red.), der ein sehr einfühlsamer Mensch ist, und ich wollten Berki, der damals in dieser schwierigen Situation war, die Hand reichen, um ihn wieder auf den rechten Weg zu bringen. Das sollte jeder Mensch tun, wenn eine andere ihm nahestehende Person Probleme hat. Jeder hat eine zweite Chance verdient. Berki war immer ein Individualist. Wegen diesen Spielern kommen die Fans ins Stadion. So hat Berki bei Sechzig gespielt, aber auch schon in jungen Jahren in der Champions League mit dem FC Bayern.

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SPORT1: Was haben Sie damals getan?

Stevic: Ich hatte mich wegen Berkis Klasse als Spieler entschieden, ihm zu helfen, wollte ihn 2009 retten und den harten Weg mit ihm zusammen gehen. Damals bin ich zu ihm nach Hause gefahren, um mit ihm zu reden. An dieses Gespräch kann ich mich noch gut erinnern und zittere heute noch, wenn ich daran zurückdenke. Dieses Gefühl mit einem jungen Menschen zu sprechen, der machtlos und nicht lebendig war, hat mich hilflos gemacht. Berki war in diesem Moment, als ich bei ihm war, genau das Gegenteil von dem Menschen, der er auf dem Platz war.

SPORT1: Das muss schlimm gewesen sein.

Stevic: Natürlich. Er hat so liebe Eltern, sie haben damals sehr gelitten unter dieser Geschichte. Sie mussten mit ansehen, was aus ihrem Sohn wurde. Da war aber auch ein Schrank mit vielen Trophäen und Medaillen, die Berki schon als junger Profi bei den Bayern gewonnen hatte. Diese zwei Seiten zu sehen war hart, da konnte ich damals auch so manche Träne nicht verstecken. Und deswegen wollte ich diesen Kampf mit ihm zusammen bestreiten. Ich sagte ihm damals: 'Wir haben alle Zeit der Welt, ich gebe dir einen individuellen Trainer.' Wenn wir es geschafft hätten, dass Berki zurückgekommen wäre, dann wäre das nicht nur sein Sieg gewesen, sondern auch ein persönlicher Sieg für mich. Ich wollte den Menschen und Fußballer Göktan retten, das war für mich eine große Herausforderung. Ich war absolut bereit mit Manfred Stoffers diesen Weg zu gehen.

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SPORT1: Göktan sagte damals ab, weil er nicht bereit war für eine Rückkehr zu 1860.

Stevic: Leider. Ich hatte gespürt, dass er nicht bereit war, weil seine Grundeinstellung für ein Comeback nicht stimmte. Seine Basis war nicht mehr da. Er hatte einfach nicht die Kraft diesen Weg zu gehen. Gleichzeitig habe ich das aber auch sehr geschätzt an Berki, denn seine Absage sprach für ihn und seinen Charakter. Es wäre doch viel schlimmer gewesen, wenn er mir falsche Hoffnungen gemacht, mich weiter in diese Geschichte mit reingezogen und dem Verein erneut geschadet hätte. Eine Rückkehr wäre auch ein Risiko für Sechzig gewesen. Berki sagte damals mit gebrochener Stimme: '1000 Dank, ich schätze das sehr, dass Sie gekommen sind und mir helfen wollen, aber ich bin einfach nicht bereit diesen Weg zu gehen.' Das war für mich traurig, aber auch eine Bestätigung, dass Berki einen guten Charakter hat.

SPORT1-Reporter Reinhard Franke (l.) traf sich in München mit dem früheren BVB-Profi Miki Stevic
SPORT1-Reporter Reinhard Franke (l.) traf sich in München zum Interview mit dem früheren 1860-Sportchef Miki Stevic © Reinhard Franke

SPORT1: Haben Sie geahnt, dass er so eine schwere Zeit hatte? Er hat all die Jahre regelmäßig Alkohol getrunken.

Stevic: Ich wusste es nicht und ich war enttäuscht, als ich das im Interview lesen musste. Das ist aber leider kein Einzelfall im Profifußball. Es gibt viele Beispiele von Superstars, die Legenden werden, wie zum Beispiel George Best, die solche Probleme haben. Meiner Meinung nach sollte sich die Spielervereinigung VdV (Vereinigung der Vertragsfußballspieler, d. Red.), in der ich seit 1992 Mitglied bin, Gedanken machen. Das ist eine sehr gut organisierte Vereinigung und es ist sinnvoll, dass es so etwas in Deutschland gibt. Zusätzlich sollte man aber überlegen, ob man bei uns nicht auch das Modell des belgischen Fußballverbandes einführen sollte. Nämlich, dass ein Teil des Gehalts eines Profis eingefroren und erst nach dem 35. Lebensjahr ausgezahlt wird. Das wäre keine schlechte Lösung. Berki würde bei solch einem Modell jetzt nicht solche finanziellen Probleme haben. Oder man sollte sich überlegen eine Organisation zu gründen für Spieler, die in problematische Situationen geraten sind. Weil das jedem Menschen in jeder Branche passieren kann.

SPORT1: Ein aktuelles Beispiel ist der frühere Profi von Fortuna Düsseldorf und vom VfL Bochum, Ken Ilsö, der aufgrund von nachgewiesenem Kokain-Missbrauchs für zwei Jahre gesperrt wurde. 

Stevic: Auch eine traurige Geschichte. Leider kenne ich den Jungen nicht. Man muss versuchen solche Dinge zu trennen. Die Folgen sind leider immer gleich. Für Ilsö tut es mir sehr leid. Zwei Jahre Sperre sind hart. 

SPORT1: Berkant Göktan will einen Neuanfang, würde gerne Trainer werden. Was wollen und was können Sie tun?

Stevic: Ich glaube fest daran, dass einige Menschen Berki helfen wollen. Auch denke ich, dass 1860 Berki helfen wird. Da gab es jetzt schon erste positive Signale. Vielleicht gibt es eine Möglichkeit für den Jungen im Jugendbereich arbeiten zu können. Aber er muss bereit sein, die Hilfe anzunehmen. Wenn er bereit dazu ist, kann man ihm die Hand reichen und dann gibt es sicher Möglichkeiten. Berki muss eine zweite Chance bekommen. 

SPORT1: Wäre auch Türkgücü eine Option?

Stevic: Sicher. Ein Verein wie Türkgücü München würde Berki auch gut zu Gesicht stehen. Vielleicht könnte es auch da eine Chance geben. Er hat immerhin schon für Galatasaray gespielt, da waren wir Gegenspieler, als ich bei Fenerbahce war. Michael Hofmann (früher Torwart bei 1860 und seit 2017 Torwarttrainer bei Türkgücü, d. Red.) kennt Berki gut aus der Zeit bei 1860. Robert Hettich (Geschäftsführer von Türkgücü, d. Red.) war damals bei den Löwen Pressesprecher, als Berki entlassen wurde. Aber wichtig ist, wie weit er ist - nicht nur im Kopf, sondern mit seinem Handeln.

SPORT1: Wollen Sie Kontakt zu Göktan aufnehmen?

Stevic: Ich treffe mich immer mit Spielern oder Kollegen, die mit mir gespielt haben oder da waren, als ich bei 1860 gearbeitet habe. Das Gute am Fußball ist, dass man solche Momente nicht vergisst, den sportlichen Geist immer wieder neu beleben kann und wie im Fall Berki auch auf diesen Geist setzen sollte. Im Fußball sind viele füreinander da, das ist anders als im Tennis. Im Fußball ist man auch mal abhängig von Kollegen. Wenn ich die Möglichkeit habe, Berki zu helfen, dass er wieder 100 Prozent optimistisch nach vorne schauen kann, dann werde ich das tun. 

SPORT1: Macht der Fußball heute labile Spieler kaputt, weil es in diesem Sport immer härter geworden ist?

Stevic: Ich glaube gar nicht, dass der Fußball härter geworden ist. Das Leben im Fußball außerhalb des Rasens ist härter geworden. Es gibt leider heute für junge Spieler viel mehr Ablenkung als früher. Social Media wird da zur Gefahr. Früher gab es auch Spieler, die Probleme hatten, aber da hat es keiner gewusst. Heute ist der Fußball wie ein offenes Buch und das wird dann natürlich gefährlich. Du musst als Profi heute doppelt so viel aufpassen, um keine Fehler zu machen. Der Druck ist riesengroß und du bist fast wie bei Big Brother ständig unter Beobachtung. Das können viele Spieler nicht verkraften. Positiv ist natürlich, dass man sich als junger Spieler früh seine Existenz sichern kann. Heute geht im Fußball alles schneller - in beiden Richtungen. 

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SPORT1: Göktan erzählte auch, dass er depressiv wurde aufgrund einer Fehlhaltung seines Körpers in jungen Jahren. 

Stevic: Das kann sein. Es gibt viele sichtbare und unsichtbare Faktoren, die für die Entwicklung und die Persönlichkeit eine wichtige Rolle spielen. Oft nehmen junge Menschen heutzutage solche Fehler gar nicht wahr, weil sie mit schwimmen wollen in der finanzgesteuerten Welt. Wir hatten früher einen Sebastian Deisler, der für mich einer der komplettesten Spieler in der Bundesliga war. Man hat damals aber auch gesehen, dass ein unglaublicher Druck auf ihm lastete und seine Basis kaputt war. Wie bei Berki. Deutschland hätte es sehr gut getan so großartige Menschen und Fußballer wie die beiden länger genießen zu können. 

SPORT1: Es gab natürlich auch Kritik an Göktan, vor allem in der Türkei gab es kein gutes Echo. Hätte er sich auch dort entschuldigen sollen?

Stevic: Warum? Berki hat sich bei den Menschen entschuldigt, die er enttäuscht hat. Er hat 1860 geschadet und hat sich auch beim Verein offen und ehrlich entschuldigt. Warum also soll er sich bei den Türken entschuldigen? 

SPORT1: Wie beurteilen Sie abschließend seine Reue?

Stevic: Seine Entschuldigung kam absolut ehrlich rüber. Wenn man im Leben einen Fehler gemacht hat, egal wie schwer, dann muss man dazu stehen. Das kann jedem passieren. Berki ist sein Fehlverhalten von damals bewusst und er hat sich aus reinem Herzen entschuldigt: Das ist aller Ehren wert. Das ist stark. Dass man damit aber auch nicht alle zufrieden stellt, ist normal. Einige sagen 'Er ist selber schuld', andere zollen ihm Respekt. So ist das Leben. Jeder kann sich ein eigenes Bild machen. Das Entscheidende ist nicht, wie die Leute auf Berki reagieren, sondern dass er mit sich selbst jetzt im Reinen und ehrlich zu sich und den Menschen ist, die ihn lieben.

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