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München und Kaiserslautern - Nach einem Streit muss Gerry Ehrmann den 1. FC Kaiserslautern verlassen. SPORT1 erklärt, wieso es für Fans und Region aber mehr ist als eine normale Trennung.

Es gibt Verbindungen, deren Auflösung man kaum für möglich halten mag - zu sehr erscheinen sie auf Dauer gewachsen, für die Ewigkeit angelegt, gegründet auf über Dekaden gefestigtem Vertrauen und gegenseitigem Respekt.

Das Verhältnis zwischen Gerald "Gerry" Ehrmann, dem 1. FC Kaiserslauten und seinen Fans war eine solch außergewöhnliche Verbindung, wie es sie heutzutage im Profifußball allzu oft nicht mehr gibt. 

Insofern verwundert es wenig, welch hohe (Schock-)Wellen der völlig unerwartete Rauswurf von Ehrmann beim FCK aufwirft. Die Trennung von der Torwart-Legende nach 36 Jahren erschüttert die Pfalz bis tief ins Mark. Ein Traditionsklub setzt seine Ikone, die seit 1984 ununterbrochen alle Lauterer Höhen und Tiefen miterlebte, vor die Tür - und brüskiert damit gleichermaßen den Anhang der Roten Teufel.  

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Unmittelbar nach Bekanntwerden der Nachricht formierte sich im Netz Enttäuschung und Wut über die Entscheidung der Vereinsbosse, Ehrmann mit sofortiger Wirkung freizustellen. Vor den Toren des altehrwürdigen Fritz-Walter-Stadions machten Fans ihrem Unmut mit Transparenten Luft.

Ehrmann-Ende nach fast 40 Jahren 

Der FCK tatsächlich ohne Ehrmann, der für eben jenen Klub 343 Pflichtspiele bestritt, dabei einen Meistertitel (1991) und zwei DFB-Pokal-Triumphe (1990 und 1996), möglich machte, ehe er 1996 - damals noch als aktiver Spieler -  zum Torwarttrainer wurde, um seine Karriere zwei Jahre später ganz zu beenden?

Vielen erscheint das undenkbar - wie auch Horst Enders aus dem 5000-Einwohner-Städtchen Rockenhausen, rund 30 Kilometer nördlich von Kaiserslautern: "Damit verschwindet der letzte Rest eines einst großen Vereins, auf den wir Pfälzer wegen seiner Vergangenheit noch immer stolz sind", sagt der frühere Hotelier SPORT1.  

© Reinhard Franke

Die FCK-Fans sind wütend über das Aus ihres Idols Gerald Ehrmann

Die Highlights der 3. Liga am Montag ab 23.30 Uhr in Bundesliga Pur im TV auf SPORT

Fans skandieren: "Außer Gerry könnt ihr alle geh'n!"

Um Ehrmanns Bedeutsamkeit besser greifen zu können, genügt bereits ein Blick auf den treuen wie leidgeprüften Anhang, der bei einem besonders schlechten Auftritt der eigenen Mannschaft seit jeher skandiert: "Außer Gerry könnt ihr alle geh'n!"

Denn der 61 Jahre alte gebürtige Tauberbischofsheimer ist mehr als nur eines der wenig verbliebenen Inventarstücke eines Vereins, der inzwischen seit einer gefühlten Ewigkeit eine sportliche wie finanzielle Achterbahnfahrt der Gefühle erlebt, Mehrfach-Abstiege und verweigerte Lizenzen inklusive.

Ehrmann, 1984 vom 1. FC Köln an den Betzenberg gewechselt, ist Sympathieträger und Gesicht des Vereins in einem. Sozusagen eine der letzten Konstanten in einem zusehends dem Niedergang anheim gefallenen Konstrukts, das seit Ehrmanns Anfangszeit in Lautern unter anderem 35 Trainer verschliss.

Ehrmann: "Es war Liebe auf den ersten Blick"

"Zum FCK zu gehen, war etwas Besonderes, das muss ich wirklich sagen. Das ist es bis heute auch geblieben", hatte Ehrmann anlässlich seines 60. Geburtstag im SPORT1-Interview betont. "Es war wie Liebe auf den ersten Blick."

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Die Liebe wurde schnell erwidert - und ist bis heute geblieben. Mit dem langhaarigen Modellathleten, wenig konfliktscheu, wenn ihm etwas gegen den Strich ging, identifizierten sich ganze Generationen von Fans und angehenden Fußballern - weil er "das Herz auf der Zunge trägt und den Menschen aus der Seele spricht", wie Enders meint.

"Tarzan", wie Ehrmann wegen seiner muskulösen Gestalt und Leidenschaft fürs Gewichte-Stemmen genannt wird, prägte eine Ära, formte unter anderem die spätere Bundesliga-Torhüter Roman Weidenfeller, Kevin Trapp, Tim Wiese und Florian Frommlowitz.

"Ich kann mir den Kaiserslautern ohne Gerry Ehrmann nicht wirklich vorstellen", schrieb Weidenfeller bei Instagram und schloss mit einer Danksagung an seinen früheren Trainer: "Danke für Deine Unterstützung, mit Dir habe ich als 16-Jähriger den Grundstein meiner Karriere erarbeitet." 

Vor allem aber verkörpert Ehrmann den Typus des nie aufgebenden Kämpfers: Leidensfähig und emotional, geradlinig auch in Krisenzeiten, den Kopf obenauf selbst in der Stunde der bittersten Niederlage.

Charakterzüge, die imponieren in einer strukturschwachen Region wie Rheinland-Pfalz, wo Arbeitsplätze nicht unbedingt wie Pilze aus dem Boden schießen - und wo der FCK wie ein kleines Lebenselixier wirken kann.

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Zur Erinnerung: Als der Verein 1998 als Aufsteiger - zum ersten und bisher einzigen Mal in der Bundesliga-Geschichte - auf Anhieb Meister wurde, pinselten die Menschen freudetrunken vielerorts die Bürgersteige rot-weiß an.

Die Fans feierten auch Ehrmann, obwohl der da schon längst nur noch Torwarttrainer war - denn Ehrmann bediente noch immer die Sehnsüchte nach Erfolg in der Provinz und das Streben nach Anerkennung. Bis heute, weil er nach dem Absturz in die Zweit- und schließlich Drittklassigkeit dem Verein treu blieb.

Auseinandersetzung mit Cheftrainer Schommers

Von daher sind für die Anhänger auch die Gründe für Ehrmanns Paukenschlag-Abgang, womöglich durch ihr Idol gar selbst bedingt, in der ersten Reaktion unerheblich.

"Der Verein sah sich nach einer Reihe von internen Vorkommnissen, die eine zielgerichtete und teamorientierte Zusammenarbeit zum Wohle des Vereins nicht mehr möglich machen, zu diesem Schritt gezwungen", verkündete der pfälzische Traditionsklub dazu am Sonntagabend. Eine dürre Zeile für 36 Jahre Vereinstreue - das war's.

Nach SPORT1-Informationen hat sich Ehrmann mit Cheftrainer Boris Schommers überworfen, dabei gab es am Wochenende nach dem 0:0 gegen Zwickau sowie im Umfeld des Trainings auch eine Auseinandersetzung. Am Mittwoch wird es noch ein Gespräch zwischen Ehrmann und FCK-Geschäftsführer Sören Oliver Voigt geben.

Doch wer immer daran schuld tragen mag: Die FCK-Institution Ehrmann dürfte für die meisten FCK-Fans heilig bleiben.

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