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Serdar Dayat (r.) wird von Peter Neururer des Betrugs bezichtigt, ist sich aber keiner Schuld bewusst
Serdar Dayat (r.) wird von Peter Neururer des Betrugs bezichtigt, ist sich aber keiner Schuld bewusst © SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Imago
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Serdar Dayat wehrt sich in seinem ersten Interview als Trainer von Türkgücü München gegen Vorwürfe, er habe die Fußballlehrer-Lizenz nicht rechtmäßig erworben.

Der Willkommensgruß fiel nicht freundlich aus. Als Türkgücü München zuletzt mit Serdar Dayat seinen neuen Cheftrainer präsentierte, rief das Peter Neururer auf den Plan.
 
"Für mich ist das ein Skandal, dass so ein Mann, der wissentlich betrogen hat, jetzt Cheftrainer ist", attackierte der 65-Jährige den Türkgücü-Trainer im Gespräch mit SPORT1. Dayat hatte in der Saison 2008/09 im Rahmen seiner Ausbildung zum Fußballlehrer ein Praktikum beim MSV Duisburg absolviert, dessen Trainer damals Neururer war. (Tabelle 3. Liga)
 
"Dayat ist bei mir zu Trainingseinheiten nicht erschienen, weil ihm diese zu früh waren. Daraufhin habe ich ihn rausgeschmissen. Dann hat er Trainingsberichte über die Trainingsinhalte abgegeben. Er war aber in keiner Einheit dabei und hat Protokolle über Einheiten abgegeben, die er nie besucht hat", schimpfte Neururer. "Und dieser Typ kriegt dann die Fußballlehrer-Lizenz."

Neururer: "Dayat hat Unterlagen gefälscht"

Uwe Speidel, damals Diplom-Sportlehrer und ein Freund Neururers, habe sich dagegen ebenfalls für die Fußballlehrer-Ausbildung beworben und sei mehrfach abgelehnt worden. "Dayat hat Unterlagen gefälscht und Kommentare von Trainern abgegeben, die er noch nie gesprochen hat", polterte Neururer weiter.
 
Dayat sprach vor dem Spiel am Montagabend beim FC Ingolstadt (3. Liga: FC Ingolstadt - Türkgücü München ab 19 Uhr im LIVETICKER) mit SPORT1 und wehrte sich gegen die Vorwürfe: "Warum Herr Neururer sich in dieser Weise hervortun möchte, weiß ich nicht. Ich kann seine Vorwürfe nicht nachvollziehen. Ich habe meine Fußballlehrer-Lizenz rechtmäßig erworben, in elf Monaten alle meine Prüfungen abgelegt und war immer anwesend. Aber so ist das bei jedem Trainer, manchmal ist er regelmäßig dabei, manchmal nicht." (Spielplan und Ergebnisse)

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Der 51-Jährige nannte da ein Beispiel: "Im Winter fahren alle Mannschaften ins Trainingslager dorthin, wo es warm ist. Das dauert zwei Wochen. Da fährt kein Fußballlehrer-Anwärter hin, weil du alles aus der eigenen Tasche zahlen musst. In diesen sechs Wochen wären zwei Wochen ohnehin verloren gegangen."

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Aber er habe auch seinen Praktikumsbericht abgegeben. "Mit dieser Lizenz habe ich zwölf Jahre im internationalen Fußball gearbeitet und diese wurde mir vier Mal verlängert. Deshalb sehe ich keine Probleme und wundere mich, wieso es ein Thema geben soll."

Dayat: "Keiner geht mehr in die Staatsbücherei"

Auch den Vorwurf des Plagiats wollte Dayat nicht auf sich sitzen lassen. "Wie schreibt man die vielen Doktor-Arbeiten? Wie recherchiert man? Aus Büchern oder aus dem Internet? Das Internet steht über allem. Keiner geht mehr in eine Staatsbücherei, um Infos zu bekommen. Damals ging es dem MSV Duisburg nicht gut, und ich konnte nicht jeden Tag die Verantwortlichen nach Infos fragen. Ich musste also recherchieren, um meinen Bericht schreiben zu können. Das hat jeder gemacht."
 
Auf SPORT1-Nachfrage teilte der DFB mit: "Der Fall liegt rund zwölf Jahre zurück, wurde damals aufgearbeitet und abgeschlossen."
 
Nach Prüfungen durch den DFB-Kontrollausschuss wurde am 16. Oktober 2009 im DFB-Präsidium zu dem Fall unter anderem der Beschluss gefasst, dass Dayat die Lizenz nicht entzogen wird und kein sportgerichtliches Verfahren wegen des Verdachts eines unsportlichen Verhaltens eingeleitet wird.

Türkgücü-Trainer Serdar Dayat traf sich mit SPORT1-Reporter Reinhard Franke (r.) zum ersten Interview
Türkgücü-Trainer Serdar Dayat traf sich mit SPORT1-Reporter Reinhard Franke (r.) zum Gespräch ©

Bommer erinnert sich an Fehlzeiten Dayats

Rudi Bommer, der vor Neururer Trainer in Duisburg war und bei dem Dayat ebenfalls ein Praktikum gemacht hatte, erinnerte sich bei SPORT1:

"Als Herr Dayat den Job bei Türkgücü bekam, wurde ich informiert und ahnte, dass alles wieder hoch kommt. Bei mir hat Herr Dayat Hefte abgegeben, und die waren teilweise auch ausgefüllt. Aber ein Mal war sein Auto defekt, und deshalb konnte er acht Tage nicht kommen. Und beim zweiten Mal war er in der Türkei, weil irgendwas mit seiner Mutter war", erzählte Bommer. "Bei Peter war das eine andere Geschichte, denn er hat das noch extremer gespürt. Bei mir war Dayat nur drei Wochen. Er soll froh sein, dass er den Schein in Deutschland bekommen hat."
 
Das Thema sei damals "hoch gekocht worden, und Peter und ich wurden angehört". Eines sei nicht wahr, "nämlich dass er nirgendwo Einblick bekommen habe. Herr Dayat hätte an jedem Training teilnehmen können, ich wollte ihn nur nicht vor den Spielen in der Sitzung haben."
 
Dayat fügte hinzu: "Manche Praktikanten standen immer auf dem Platz, andere wiederum nicht. Es kam auch darauf an, wie es der Verein haben wollte."

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Wormuth ist überrascht

Frank Wormuth, heute Trainer des niederländischen Erstligisten Heracles Almelo und damals Leiter der Fußballlehrer-Ausbildung beim DFB, sagte SPORT1: "Dayat hat damals die Aufnahmeprüfung bestanden und den Fußballlehrer geschafft. Peter rief mich erst spät nach der Lizenzvergabe an und regte sich auf und fragte mich, wie es sein könne, dass dieser Kerl, der bei ihm kein Praktikum gemacht hätte, die Fußballlehrer-Lizenz bekommt. Dass Dayat das Praktikum nicht gemacht haben soll, kam erst später nach dem Lehrgang raus."
 
Dies war für Wormuth "völlig überraschend, weil wir alle Unterlagen beisammen hatten und diese in Ordnung waren".
 
Wormuth weiter: "Wir haben ja nicht vor Ort kontrolliert, ob er das Praktikum gemacht hat. Peter hing persönlich da mit drin, weil er Uwe Speidel sehr gut kannte und dieser die Zulassung nicht geschafft hat. Jemand zu verurteilen nur aufgrund dessen, dass Peter mit Dayat nicht klar kam, da bin ich vorsichtig. Ich verstehe Peter, aber ob seine Reaktion gerechtfertigt ist oder nicht, weiß ich nicht. Man muss aufpassen, solche alten Geschichten rauszuholen. Menschen können sich entwickeln. Dayat und Peter haben sich wohl einfach nicht gemocht."

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Dayat reicht Neururer die Hand

Dayat wäre bereit für ein klärendes Gespräch: "Ich würde mich gerne mit Herrn Neururer treffen, um einiges klar zu stellen. Ich habe kein Problem mit ihm. Für mich lief damals alles normal ab. Ich habe alle Informationen sammeln können, die ich benötigt habe und wurde gut benotet."
 
Neururer hat wenig Interesse an einem Friedensgipfel. "Ich muss gar nichts klären, mit solchen Leuten rede ich nicht. Das ist Betrug und Verunglimpfung von allen Kollegen."
 
Dayat, der von sich selbst sagt, sein Führungsstil befinde sich in der Mitte zwischen Toleranz und Autorität, meint nur: "Für mich ist das Thema durch, ich will mich auf meine Arbeit konzentrieren."

Dayat: "Mit Herz und Seele dabei"

Vorerst hat er einen Vertrag bis zum Sommer unterschrieben. "Ich war lange im internationalen Fußball tätig und habe zu Herrn Kivran (Türkgücü-Boss Hasan Kivran, d. Red.) gesagt, dass wir das erstmal bis zum Sommer machen wollen. Dann können wir immer noch schauen, wie es weitergeht. Ich bin mit Herz und Seele dabei. Für mich war nicht die Länge des Vertrags wichtig, sondern ich will Türkgücü helfen und dabei sein."
 
Den rasanten Aufstieg in den zurückliegenden Jahren nennt Dayat "ein Märchen". Kann der Klub die zweite Kraft in München werden? "Türkgücü kann 1860 überholen. Wir brauchen eine Heimat und ein Nachwuchsleistungszentrum. Es gab bisher noch nie einen Migranten-Verein im deutschen Profifußball, darauf kann auch die Stadt München stolz sein."

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