"Wir schaffen das": Absurder Empfang für neuen HSV-Trainer
teilenE-MailKommentare

München - Der Hamburger SV versucht mit dem dritten Trainer in dieser Saison dem Abstieg zu entkommen. Bei SPORT1 spricht der frühere Sportdirektor Frank Arnesen.

Frank Arnesen kennt die Begebenheiten beim Hamburger SV. Von Mai 2011 bis Mai 2013 war er Sportdirektor, 2. Vorstandsvorsitzender und für ein Spiel sogar Interimstrainer bei den Hanseaten.

Damals wurde der heute 61-Jährige vom aktuellen Aufsichtsratschef Bernd Hoffmann geholt.

Derzeit sitzt Arnesen im Aufsichtsrat der PSV Eindhoven und arbeitet als TV-Experte in Dänemark, schaut aber aus der Ferne immer noch auf den HSV.

Im SPORT1-Interview spricht der Däne über die prekäre Lage beim abstiegsbedrohten Dino und den Trainerwechsel von Bernd Hollerbach zu Christian Titz.  

SPORT1: Herr Arnesen, beim HSV wurde Bernd Hollerbach durch U21-Coach Christian Titz ersetzt. Welche Meinung haben Sie dazu?

Frank Arnesen: Hollerbach war ein Risiko. Aber auch Titz vom U21-Coach zum Cheftrainer zu machen, ist in meinen Augen ein großes Risiko. Hollerbachs Außendarstellung wirkte zuletzt unglücklich. Ich denke, dass er den HSV zu 100 Prozent im Herzen trägt, sonst hätte er diese schwierige Aufgabe erst gar nicht angenommen. Hollerbach hat bestimmt sein Bestes probiert. Nun muss Titz wieder bei Null beginnen. Die Fans werden ihn positiv aufnehmen, weil er aus dem Verein kommt. Er wird ganz zarte Aufbruchsstimmung entfachen. Ich habe Respekt vor Titz, sich das anzutun. 

SPORT1: Was halten Sie von Thomas von Heesen, dem neuen interimistischen sportlichen Berater des Vorstands?

Arnesen: Ich habe Thomas von Heesen als einen sehr guten Spieler in Erinnerung. Zu meiner Zeit wurde sein Name oft genannt als neuer Sportchef. Jetzt bekommt er die Chance. Ich wünsche ihm viel Erfolg.

Der HSV greift nach dem letzten Strohhalm

SPORT1: Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage beim HSV?

Arnesen: Ich bin nicht wirklich geschockt, weil es schon seit Jahren immer schwieriger wurde. Der Verein hatte eine sehr gute Zeit, als es Stabilität in der Chefetage gab. Damals haben Hoffmann und Dietmar Beiersdorfer viele Jahre erfolgreich zusammengearbeitet.

SPORT1: Jetzt steht der HSV vor dem ersten Abstieg der Vereinsgeschichte.

Arnesen: Leider. Vor zwei Monaten habe ich noch gedacht, dass der Abstieg kein Thema ist, weil ich den Kader für sehr stark hielt. Aber dann kam ein neuer Trainer, und die Wende zum Guten ist leider nicht gelungen. Die Mannschaft lebt nicht. Es wird sehr schwer. Ich habe kaum noch Hoffnung.

SPORT1: War die Trennung von Vorstandsboss Heribert Bruchhagen und Sportchef Jens Todt also folgerichtig?

Arnesen: Wenn der Verein entschieden hat, Bruchhagen und Todt zu entlassen, ist das nur logisch, weil zwei neue Leute die nötige Zeit brauchen, um einen guten Plan für die neue Saison zu entwickeln.

SPORT1: Am Samstag gab es ein 0:6 beim FC Bayern. Zu Ihrer Zeit beim HSV setzte es ein 0:5 und ein 2:9... 

Arnesen: Das 2:9 werde ich nie vergessen. Das ist bis heute das schlimmste Ergebnis in meinem Fußballer-Leben. Und am vergangenen Samstag war der HSV gar nicht auf dem Platz. Das hatte nichts mit Erster Liga zu tun. 

Phrasen über Phrasen: Was von Hollerbach in Erinnerung bleibt

SPORT1: Viele Experten sagen, dass ein Abstieg dem HSV gut täte. Wie sehen Sie es?

Arnesen: Diese These halte ich für Schwachsinn. In einem Klub arbeiten so viele Menschen, und ein Abstieg wäre auch für sie tragisch. Ein Abstieg ist nie gut für einen Verein. Es muss wieder der Trainer ausgetauscht werden, es gibt eine fast neue Mannschaft, ein neuer Sportvorstand muss her. Dieses Kommen und Gehen ist einfach schlimm. 

SPORT1: Auch in der Chefetage gab es eine große Fluktuation. Der Fisch stinkt vom Kopf, heißt es so schön. Trifft das auch auf den HSV zu?

Arnesen: Die Vereinsspitze muss ruhig arbeiten und Ahnung vom Fußball haben. Doch beides war beim HSV lange nicht mehr der Fall. Im Aufsichtsrat saßen in der Vergangenheit nur Selbstdarsteller. Es gab keine Philosophie über einige Jahre hinweg. 

SPORT1: Im Umfeld sorgen einige Chaoten für Fassungslosigkeit. Am Samstag wurden Grabkreuze am Trainingsplatz aufgestellt und es hing ein Droh-Plakat am Zaun. Geht das nicht zu weit?

Arnesen: Absolut. Ich bin schockiert. So etwas darf niemals passieren. Wenn jetzt Gewalt angedroht wird, geht das eindeutig zu weit. Da ist so noch nie da gewesen. Was muss der junge Jann-Fiete Arp denken? Das sind keine Fans, das sind Hooligans, also Schwachköpfe. Wenn jetzt die Spieler oder die Verantwortlichen des HSV Angst haben müssen, aus dem Haus zu gehen, dann macht das alles keinen Sinn mehr. Gerade für junge Spieler ist das ganz schlimm.

SPORT1: Wäre so gesehen besser, Talente wie Arp in dieser Saison nicht mehr zu bringen?

Arnesen: Doch, aber Titz muss wissen, dass er anfälliger ist für Fehler. Arp ist jung und muss solche Bilder jetzt verarbeiten. Schlimm. Er weiß, dass er keinen Fehler machen darf. Normalerweise soll doch so ein Junge raus auf den Platz und einfach ein Spiel genießen, dann spielt er auch befreiter. Doch mit Drohungen der Fans kann ein Profi gar nichts mehr genießen. Da wächst Angst bei Arp. Es wurde sowieso schon viel zu viel erwartet.

SPORT1: Wer wäre für Sie der richtige Trainer für einen Neuanfang in der Zweiten Liga?

Arnesen: Pep Guardiola (lacht). Nur er kann den HSV wieder flott machen. Nur leider kommt er nicht. Hoffmann muss zusammen mit den Leuten im Aufsichtsrat den richtigen Mann finden. Vielleicht bleibt auch Titz, wenn er das Wunder Klassenerhalt schafft. Man muss wissen, was man will - langfristig etwas aufbauen oder so schnell wie möglich wieder zurück in die Bundesliga.

teilenE-MailKommentare