So sehen Schalkes Fans den Fehlstart
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München - Von wegen Bayern-Jäger: Schalke 04, Bayer Leverkusen und RB Leipzig stehen nach zwei Spieltagen am Tabellenende. Reiner Calmund analysiert bei SPORT1 die Gründe.

Beim FC Bayern München lief der Saisonstart blendend. Bei diversen potenziellen Jägern: weniger.

Statt mit dem perfekt gestarteten Rekordmeister Schritt zu halten, hängen der Vizemeister FC Schalke 04 sowie die nicht minder ambitionierten Champions-League-Anwärter Bayer Leverkusen und RB Leipzig nach zwei Spieltagen im Tabellenkeller.

Die Gründe dafür? Vielschichtig. Bei SPORT1 nimmt ein Experte sie unter die Lupe. Der langjährige Bayer-Manager Reiner Calmund analysiert die Lage bei den drei Fehlstartern.

FC Schalke 04:

Die Euphorie nach der Vizemeisterschaft war riesig, doch die 0:2-Niederlage gegen Hertha BSC hat den Fehlstart besiegelt und umgehend für Ernüchterung gesorgt.

"Man vermisst die spielerische Linie", sagt Calmund. "Das könnte man schnell auf den Abgang von Leon Goretzka zurückführen, vielleicht auch auf den von Max Meyer. Aber wenn man bedenkt, dass Goretzka in der Schlussphase der Saison immer wieder verletzt gefehlt hat, ist das Argument so auch nicht haltbar. Es ist trotz seines Fehlens gut gelaufen, daher kann man das nicht nur auf Goretzka schieben."

Um die Lücke in der Schalker Schaltzentrale zu schließen, stellte man sich mit den Neuzugängen Suat Serdar, Omar Mascarell und zuletzt Sebastian Rudy breiter auf. Dem erst am Donnerstag aus München verpflichteten Mittelfeldspieler fehlte beim Debüt gegen die Hertha allerdings noch die Bindung zum Spiel.

"Rudy ist ein reiner Sechser, er ist kein Goretzka. So vielseitig und offensivstark ist er nicht. Aber er ist ein sehr guter Spieler, wenn man seine Stärken bei Schalke richtig einsetzt. Es wäre aber nicht sauber, ihn mit den offensiven Möglichkeiten von Goretzka zu vergleichen", sagt Calmund und bittet um Geduld. "Man will versuchen, so ein Vakuum sofort zu schließen, aber das geht nicht von jetzt auf gleich."

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Trainer Domenico Tedesco gestand nach der Niederlage gegen die Hertha taktische Fehler ein. Calmund gefällt diese Selbstkritik, durch die Tedesco seine Position keineswegs geschwächt hat. 

"Sie sind von Tedesco überzeugt, er hat mit seiner tagtäglichen Arbeit und der Vizemeisterschaft bewiesen, was er kann. Natürlich zählt mittel- bis langfristig nur der Erfolg. Aber in diesem Stadium der Saison ist das zwar nicht schön, spielt aber keine entscheidende Rolle. Bei Schalke und bei Heidel ist das kein Thema", sagt Calmund.

Der Ex-Manager sieht Schalke nicht nur für die erneute Champions-League-Qualifikation "bestens gerüstet, sondern auch für die Königsklasse selbst". Doch die Angst vor einem kompletten Fehlstart in der Bundesliga ist beim Blick auf die kommenden Gegner Gladbach und Bayern durchaus berechtigt. "Das ist kein Wunschprogramm. Das werden fiese Wochen", sagt Calmund.

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Bayer Leverkusen:

Dass Julian Nagelsmann in seiner Saisonprognose Leverkusen als Meister tippte, ging bei Torwart Lukas Hradecky "runter wie Bier". Nach dem Null-Punkte-Start herrscht mittlerweile Katerstimmung bei den Rheinländern.

"Die Balance zwischen Defensive und Offensive stimmt grundsätzlich gar nicht. Vor allem das Umschaltspiel von Offensive auf Defensive ist katastrophal schwach", analysiert Calmund.

Das fehlen der wichtigen Stabilisatoren im Zentrum wie Sven Bender, Charles Aranguiz, Julian Baumgartlinger und Thanos Retsos dient nicht als Entschuldigung für den Auftritt beim 1:3 gegen den VfL Wolfsburg. "Die Zuteilung zum Gegenspieler, die Organisation der Abwehr und die Zweikampfführung sind elementare Voraussetzungen für ein erfolgreiches Spiel. Mit der momentanen Spielweise kann man keinen Blumentopf gewinnen, egal wie groß die Talente sind", urteilt Calmund.

Nachdem die Werkself in der Vorsaison leichtfertig die Teilnahme an der Königsklasse verspielte, wollte Bayer jetzt wieder voll angreifen. Stattdessen stottert der Motor gewaltig, das durchaus vorhandene Potenzial kann das Team nicht konstant abrufen. Die Maßnahme von Heiko Herrlich mit Offensiv-Talent Kai Havertz auf der Sechs misslang und ließ erste Misstöne im Umfeld aufkommen.

"Die Unruhe gibt es nicht nur in Leverkusen, die kommt überall. Es wird vorwiegend nach Ergebnissen bewertet. Das ist aber auch gut, weil viele nicht viel Ahnung haben, daher ist das die objektivste Form der Bewertung", sagt Calmund.

Der 69-Jährige hält die Trainerfrage nach zwei Niederlagen für verfrüht, weiß aber auch: "Du brauchst im heutigen Fußball immer Erfolg. Das hat gar nichts mit der Qualität zu tun. Irgendwann verlieren die Spieler ein bisschen den Glauben. Aber es ist für mich verfrüht, diese Diskussion zu führen."

Herrlich muss derzeit noch nicht um seinen Job fürchten. "Gar nicht", so Leverkusens Sportdirektor Jonas Boldt auf SPORT1-Nachfrage, wie sehr der Posten des Trainers zur Diskussion steht.

Doch die Aufgaben werden nicht einfacher, nach der Länderspielpause geht es zum FC Bayern. "Es versteht sich von selbst, dass die Bayern in ihrer aktuellen Galaform nicht gerade der ideale Gegner sind", sagt Calmund.

RB Leipzig:

Der Fehlstart von RB hat sogar historische Ausmaße, seit der Gründung vor neun Jahren starteten die Leipziger noch nie so schlecht mit nur einem Punkt aus den ersten beiden Ligaspielen.

"Das ist ein Auftakt mit gemischten Gefühlen. Glücklich ist man damit in Leipzig nicht", sagt Calmund. Vor allem das 1:4 beim BVB zum Start trügt das Bild. "Dortmund war eines der schwersten Auswärtsspiele zum Auftakt. Da hätten sie zumindest einen Punkt holen können und müssen."

Beim mühevollen 1:1 gegen Fortuna Düsseldorf machte sich bereits die zusätzliche Belastung durch die Europa-League-Qualifikation bemerkbar. "Statt einer gut dosierten Vorbereitung hatte man eine strapaziöse Europareise. So ist es schwierig, in den Rhythmus zu kommen. Da fehlt schon mal die nötige Frische", sagt Calmund.

Mit acht Änderungen im Vergleich zum Playoff-Rückspiel gegen Zorya Luhansk am Donnerstag versuchte Trainer Ralf Rangnick dem entgegenzusteuern. Dass sich der von RB-Coach aufgeworfene Plan von zwei getrennten Kadern für den Europapokal und die Bundesliga umsetzen lässt, wird schon allein wegen der Größe des Aufgebots (18 Feldspieler) schwierig. "Das lässt sich schwer durchziehen", meint auch Calmund. "Es ist auch kaum finanzierbar, zwei richtige Kader auf die Beine zu stellen. Das gilt nicht nur für Leipzig, sondern für alle anderen."

Nachjustieren will RB bereits im Winter, in seiner zweiten Funktion als Sportdirektor kündigte Rangnick am Sonntag schon zwei Neuzugänge an. 

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Dass sich Rangnicks Doppeljob als Trainer und Manager in irgendeiner Form negativ auswirkt, glaubt Calmund nicht. "Er hat Hoffenheim in dieser Doppelfunktion nach oben gebracht. In diesem Überbrückungsjahr zu Julian Nagelsmann ist das so die optimale Lösung."

Zudem ist Calmund überzeugt, dass RB schon gegen Hannover 96 die Kurve kriegen wird: "Nach der Länderspielpause sehen wir ein anderes Leipzig. Wenn alles normal läuft, sehen wir ein Leipzig, das oben mitmischt."

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