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Dortmund - Lucien Favre spielt gegen die Bayern mit dem Feuer, doch sein Plan mit dem BVB geht auf. SPORT1 erklärt, wie der Trainer auch den Rekordmeister entzauberte.

Da war es wieder, dieses Grinsen. Spitzbübisch, schelmisch. Lucien Favre strahlte nach dem 3:2 im atemberaubenden deutschen Bundesliga-Schlager gegen den FC Bayern München wie ein kleines Kind bei der Bescherung zu Weihnachten. Dabei hatte Borussia Dortmunds Trainer mit dem Feuer gespielt. Und am Ende doch triumphiert.

"Verrückt" und "wunderbar" sei diese Partie gewesen, schwärmte Favre später. Natürlich nicht nur, weil sowohl der BVB als auch die Bayern eine großartige Leistung geboten hatten, weil die Begegnung jeden Fußball-Fan gefesselt hatte. Sondern auch, weil der Thriller im Signal Iduna Park für die Borussia ein Happy-End parat hatte. (Die Tabelle der Bundesliga)

Das Drehbuch erinnerte an ein klassisches Drama. SPORT1 analysiert, wie Favre auch die Bayern entzauberte.

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Erster Akt: Ökonomie

Favre rotierte gegenüber dem 0:2 in der Champions League bei Atletico Madrid auf fünf Positionen. Wobei der Wechsel im Tor durch die Verletzung von Roman Bürki, den Marwin Hitz vertrat, natürlich ungewollt war.

Die Rotation gehört schon seit Saisonbeginn zu Favres Stilmitteln. Ausgenommen davon sind eigentlich lediglich Kapitän Marco Reus und Axel Witsel als Fixpunkt im Mittelfeld. Favres Credo: Der Schweizer will weitgehend ausgeruhte Spieler auf dem Platz haben und zudem Verletzungen durch Überbelastung vorbeugen.

Im Vergleich zu den Bayern, bei denen Kovac für seine Rotation zuletzt kritisiert worden war (der in Dortmund aber dieselbe Startelf wie gegen Athen brachte), geht Favres Rotation auf. Ein Bruch im Spiel ist kaum zu erkennen. Allerdings lieferte Julian Weigl, der überraschend den Vorzug vor Thomas Delaney und Mahmoud Dahoud bekommen hatte, gegen die Bayern eine schwache Leistung im defensiven Mittelfeld.

Ein weiteres Augenmerk von Favre: Er lässt die Gegner sich in der ersten Halbzeit gerne ein wenig austoben, um seine Offensivkräfte in der zweiten Halbzeit so richtig von der Leine zu lassen. "Ich war sicher, dass die Bayern dieses Spiel so nicht durchalten können", sagte Favre, der seine Mannschaft darauf auch in der Halbzeitansprache einschwor.

Gegen die Bayern war es allerdings eine gefährliche Gratwanderung. "Ich war zufrieden, dass wir nach der ersten Halbzeit nur 0:1 zurücklagen", gab Favre zu. Fraglich, ob die Borussia einen höheren Rückstand aufgeholt hätte. (Ergebnisse und Spielplan der Bundesliga)

Zweiter Akt: Offensivwirbel

Favre korrigierte in der Halbzeit seine Aufstellung, brachte den spielerisch stärkeren und eher nach vorne orientierten Dahoud für Weigl. Vor allem aber legte der Schweizer den Schalter auf Offensiv-Power um. Insbesondere Reus und Jadon Sancho, in der ersten Halbzeit noch stark in Defensivaufgaben eingebunden, zündeten ihre Turbos.

Kein Zufall, sondern Methode - wie auch Statistiken belegen. 22 seiner 33 Tore erzielte der BVB nach dem Seitenwechsel, gewann bereits zum vierten Mal nach einem Rückstand. Dabei agiert die Borussia unglaublich vielfältig. Steilpässe in die Tiefe (wie zum Elfmeter, der zum 1:1 führte), einstudierte Spielzüge (wie beim 2:2) und Konter oder schnelles Umschaltspiel (wie beim 3:2) - das alles gehört zum Repertoire von Favres taktischen Mitteln.

Der stürmische BVB ist vor allem an Reus festzumachen. Gegen die Bayern wuchs Reus über sich hinaus, erzielte nicht nur seine Saisontore Nummer 7 und 8 (Ligaspitze mit Gladbachs Alassane Plea und Paco Alcacer) und holte den selbst verwandelten Elfmeter heraus, sondern ackerte dazu ohne Ende. Reus lief unglaubliche 12,5 Kilometer und zog 41 Sprints an - jeweils Höchstwert auf dem Platz.

Dritter Akt: Die Joker

Favre bewies mit der Einwechslung von Siegschütze Paco Alcacer einmal mehr das richtige Gespür. "Es ist sagenhaft. Der Trainer hat echt ein goldenes Händchen", schwärmte Reus.

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Alcacer ist Dortmunds historischer Super-Joker. Der Spanier wurde zum vierten Mal eingewechselt, erzielte sein siebtes Joker-Tor. Wenige Minuten vor dem 3:2 hatte Alcacer noch eine Chance vergeben, doch im entscheidenden Moment blieb er eiskalt und überwand Manuel Neuer rotzfrech mit einem Lupfer.

"Die Spieler, die reinkommen, hauen auch alles rein", erklärte Reus. Und sie wissen genau, was sie im System Favre zu tun haben.

Epilog

Sieben Punkte beträgt der Vorsprung nun auf die Bayern, vier Zähler liegen die Dortmunder vor dem Tabellenzweiten Gladbach. Von seiner vorsichtigen, zurückhaltenden Art wich Favre aber auch nach dem Sieg am Samstagabend nicht ab.

"Wir sind sehr, sehr zufrieden. Mehr aber auch nicht. Es ist gerade ein Drittel absolviert. Das Niveau der Bundesliga in diesem Jahr ist sehr gut. Es ist gegen alle Mannschaften sehr schwer. Wir werden weiter diese Philosophie haben, von Spiel zu Spiel zu schauen", betonte Favre.

Erst zum zweiten Mal in der Bundesliga-Historie nach 2002 unter Matthias Sammer ist Dortmund nach elf Spieltagen in der Bundesliga ungeschlagen, doch Lobeshymnen ließ Favre andere anstimmen. "Bei Dortmund kommen gerade mehrere Faktoren zusammen. Die Leichtigkeit, die Freude, das Publikum. Das könnte zur Meisterschaft führen", sagte Stefan Effenberg im CHECK24 Doppelpass.

Gladbachs Sportdirektor Max Eberl, der Favre noch gut aus der gemeinsamen Zeit in Gladbach kennt, zollte Favre ein Sonderlob: "Ich habe es damals schon gesagt: Man muss jedem Verein gratulieren, der Favre als Trainer kriegt. Favre ist nicht leicht, wenn es um Kaderplanung geht, aber auf dem Platz ist er ein Weltklasse-Trainer. Er hat einen klaren Plan, den vermittelt er. Wir sehen gerade das Produkt." 

Und Favre? Verwies in seiner akribischen Manier auf den Verbesserungsbedarf seiner Mannschaft. "Wir wissen, dass wir viel zu korrigieren haben", meinte der 61-Jährige.

Damit der BVB dem vorläufigen Meisterstück gegen die Bayern am Saisonende womöglich den Titel folgen lässt.

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