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München - Felix Brych spricht im SPORT1-Interview über die Herausforderungen durch den Videoassistenten, seine Zukunft und das Verhältnis zu Cristiano Ronaldo und Co.

Nicht nur die meisten Bundesliga-Klubs haben sich in einem Trainingslager in südlichen Gefilden auf die Rückrunde vorbereitet. Auch die Schiedsrichter der ersten und zweiten Liga bezogen für fünf Tage ihr Quartier an der Algarveküste in Portugal.

Deutschlands Schiedsrichter des Jahres, Felix Brych, äußerte sich im Rahmen des Trainingslagers im SPORT1-Interview über die Herausforderungen in Sachen Videobeweis, sein Verhältnis zu den Stars der Fußball-Welt und einen kleinen Traum mit Blick auf die EM 2020.

Das komplette Interview gibt es um 23.15 Uhr in Bundesliga Aktuell im TV auf SPORT1

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SPORT1: Herr Brych, Sie sind seit drei Jahrzehnten für den DFB unterwegs: Wie sehr hat das Thema Videoassistent die Art des Pfeifens und die Herangehensweise verändert? 

Brych: Das war der größte Einschnitt für uns Schiedsrichter in den letzten Jahren. Es gab immer wieder mal Neuerungen, als zum Beispiel die Elektronik Einzug gehalten hat, unsere Piepsfahnen, dann die Torlinientechnologie und zusätzliche Assistenten hinter dem Tor. Aber das, was jetzt kam, ist das, was am allermeisten unser Leben, unser Auftreten verändert hat. Deswegen müssen wir uns damit auseinandersetzen, sowohl theoretisch als auch praktisch. Und da haben wir noch einiges zu tun.

Brych findet: Fußball ist gerechter geworden

SPORT1: Ist der Fußball durch die Neuerungen gerechter geworden? 

Brych: Ich denke schon. Die krassen Fehlentscheidungen haben rapide abgenommen. Mit jedem Fehler, der korrigiert wird, wird es einen Tick gerechter. Wir können es nicht ganz schaffen. Wir werden es nie hundertprozentig schaffen, weil auch viele Fehlentscheidungen im Graubereich stattfinden, und es dafür auch keine Hundertprozentlösung gibt. Aber ich denke schon, dass es eine gute Idee war.

SPORT1: Wie ändert sich Ihre Arbeit durch die Neuerungen?

Brych: Wir Schiris brauchen ein relativ großes Grundvertrauen. Wir legen den Ball in die Mitte, dann geht’s los - und wir wissen nicht, was passiert. Wir wissen nicht, ob wir viele knifflige Entscheidungen zu treffen haben, oder nur ganz wenige, oder gar keine. Ob es ein 5:0 gibt oder ein 4:4, bei dem wir umso mehr im Fokus stehen können. Jetzt ist natürlich das Team größer geworden, es sind nicht nur zwei Assistenten da, sondern auch zwei Videoassistenten. Und ein Assistent kann auch mal einen Fehler machen. Deswegen müssen wir als Schiris umso mehr Vertrauen mit einbringen. Vor allem, weil die Videoassistenten permanent wechseln, wir haben ja nie denselben. Es ändert sich wirklich einiges. Aber ich finde jede Veränderung spannend und so ist es auch dieses Mal.

Videobeweis: "Werden nie 100 Prozent schaffen"

SPORT1: Nimmt der Druck für einen Schiedsrichter dadurch ab, dass er zusätzliche Videoassistenten zur Seite gestellt bekommen hat?

Brych: Auf der einen Seite wird es so mal ein bisschen entspannter. Aber dafür haben wir den Druck woanders. Die Öffentlichkeit verlangt jetzt natürlich, dass wir eine hundertprozentige Trefferquote haben, die wir nicht bewerkstelligen können.

SPORT1: Wie ist die Einführung des Videoassistenten Ihrer Meinung nach umgesetzt worden? 

Brych: Wir arbeiten sehr intensiv und ich erkenne auch deutliche Fortschritte, gerade in der Kommunikation untereinander. In der Frage, wann man als Videoassistent eingreift und wann nicht. Wir werden nie 100 Prozent schaffen, aber wir kommen dem immer näher. Dass es Spieltage gab, die nicht funktioniert haben, gab es auch ohne Videoassistent. Das wird auch nicht ausbleiben, weil wir nach wie vor Entscheidungen treffen - und sobald Tatsache auf Emotion trifft, entsteht ein Spannungsfeld. Wir Schiris sind in diesem Spannungsfeld, das kriegen wir nicht ganz raus. Aber wir müssen uns der neuen Aufgabe stellen, wir müssen bereit sein zu lernen, uns gegenseitig zu unterstützen. Dann hat dieses Tool eine gute Zukunft. 

SPORT1: Trotzdem kommt es immer wieder zu strittigen Entscheidungen - gerade aufgrund der unterschiedlichen Auslegung in Sachen Handspiel. Wie kann man diesem Problem in Zukunft begegnen?

Brych: Das ist genau der Punkt, an dem wir jetzt sind. Eine Linie zu finden, wo man eingreift, und an dieser Linie arbeiten wir. Die Uniformität unserer Entscheidungen muss immer besser werden und man muss sich damit immer auseinandersetzen. Aber das gab es auch früher schon ohne den Videoassistenten. Der eine hat ein grobes Foul eher gesehen und hat eher Rot gegeben als der andere. Der eine lässt ein bisschen mehr laufen, der andere pfeift ein bisschen mehr Fouls. Wir Schiris sind Menschen und keine Roboter. Und an diesem Punkt wird es immer wieder Diskussionen geben, mit denen muss der Fußball einfach zurechtkommen.

Brych hat EM 2020 im Blick

SPORT1: Sie haben schon Partien bei Welt- und Europameisterschaften geleitet und waren Schiedsrichter in einem Champions-League- und einem Europa-League-Finale. Haben Sie noch Ziele, zum Beispiel bei der EM 2020 ein Spiel in Ihrer Heimatstadt München zu pfeifen? 

Brych: Das wäre natürlich eine schöne Geschichte. Ich habe wirklich an jedem Turnier teilgenommen, das es im Herrenfußball gibt. Das gibt mir natürlich eine große Gelassenheit und eine große Ruhe, weil ich auch niemandem mehr etwas beweisen muss. Auch nicht mehr mir selbst. Ich muss jetzt in einen Modus kommen, dass mir das alles noch einen Tick mehr Spaß macht. Da bin ich gerade dabei. Die nächste Europameisterschaft wäre noch mal ein Ziel, um das alles abzurunden. Danach ist international aber ganz sicher Schluss.

SPORT1: Als Schiedsrichter sind Sie auf alle Stars des Fußballs getroffen - auch mit Cristiano Ronaldo hatten Sie viel zu tun. Wie ist da das Verhältnis?

Brych: Über die Jahre wächst da schon so ein Verhältnis mit einer gesunden Distanz, die wichtig ist für einen Schiedsrichter. Man darf sich nicht zu nahe kommen. Aber auch das kann ich mittlerweile mehr genießen, dass ich auch Teil dieses Fußballgeschehens bin. Vor jedem Spiel, wenn ich mich mit den Mannschaften auseinandersetze, und schaue, wer spielt, auf wen ich treffen werde. Auf einige Spieler freue ich mich dann auch. Ich genieße auch das Einlaufen, ich genieße dabei zu sein und in diesen meistens vollen Stadien zu stehen. Das ist schon ein Privileg, dessen ich mir leider erst seit ein paar Jahren bewusst bin.

SPORT1: Ist es auch für einen Schiedsrichter wichtig, Kontakte zu einzelnen Spielern aufzubauen?

Brych: Über einzelne Spieler zu reden, ist für einen Schiedsrichter immer schwierig, weil man sich ja immer mal wieder sehen wird. Aber prinzipiell versuche ich schon auch, zu den Schlüsselspielern Kontakt aufzubauen. Und über die Jahre kennt man sich natürlich. Der Wiedererkennungseffekt bei den Spielern hilft mir auch. Als Schiri ist ein gewisses Standing bei den Spielern wirklich wichtig.

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