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Leverkusen und München - Stefan Kießling ist eine Sturm-Legende in Leverkusen. Bei SPORT1 spricht er über das Leben nach der Karriere, Kai Havertz - und seine Vergangenheit im DFB-Team.

Stefan Kießling ist mit 131 Bundesliga-Toren der zweiterfolgreichste Torschütze in der Vereinsgeschichte von Bayer Leverkusen hinter Ulf Kirsten. In der Saison 2012/2013 wurde "Kies", wie er genannt wird, mit 25 Treffern Torschützenkönig. 

Im vergangenen Sommer beendete Kießling nach zwölf Jahren bei der Werkself seine aktive Karriere. Seit Oktober arbeitet der 35-Jährige in der Vereinsverwaltung. 

Vor dem Spiel bei der TSG Hoffenheim (Fr., ab 20.30 Uhr im LIVETICKER) spricht Kießling im SPORT1-Interview über das Leben nach der Karriere, Bayer-Juwel Kai Havertz - und die Zukunft der Nationalmannschaft

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SPORT1: Herr Kießling, wie geht es Ihnen momentan in einer Zeit, in der Sie nicht jeden Morgen mehr ihre Fußballschuhe schnüren müssen?

Stefan Kießling: Mir geht es sehr gut. Ich habe die ersten vier Monate genossen, als ich komplett vom Fußball abgeschaltet habe. Wir sind mit der Familie sehr viel gereist und ich habe mein Hobby Golf etwas genießen können. Ab Oktober habe ich dann angefangen, wieder bei Bayer zu arbeiten. Dann vermisst man das Ganze schon, wenn man nur von der Tribüne aus zuschauen kann. Gesundheitlich geht es mir aber gut, da bin ich sehr zufrieden.

SPORT1: Was machen Sie konkret bei Bayer?

Kießling: In meiner Funktion als Referent bin ich das Bindeglied zwischen Mannschaft und Geschäftsführung. Ich habe mein eigenes Büro, wofür ich sehr dankbar bin. Ich koordiniere, plane, entscheide. Ich suche nach Verbesserungsmöglichkeiten und neuen Wegen für den Verein. Gleichzeitig werde ich in die unterschiedlichen Abläufe der diversen Klub-Abteilungen eingearbeitet. Es ist sehr spannend. 

SPORT1-Reporter Reinhard Franke (l.) traf sich in Leverkusen zum Interview mit Ex-Bayer-Profi Stefan Kießling © Reinhard Franke

SPORT1: Was war für Sie als Spieler und Profi die wichtigste Eigenschaft?

Kießling: Das Wichtigste für mich war immer das Team. Und dass ich spiele. Für mich war das letzte aktive Jahr recht schwierig. Ich habe vor der Saison mit Heiko Herrlich (Ex-Bayer-Coach, d. Red.) Gespräche geführt. Er hat mir immer versichert, dass er mich braucht. In der Vorbereitung habe ich dann gemerkt, dass mein Körper doch nicht mehr so mitmacht wie in der Vergangenheit. Ich habe dann zwei bis drei Monate gebraucht, um das zu akzeptieren. Als ich dann wieder bereit war, gab es für mich nur eins, nämlich die Mannschaft nach vorne zu pushen und alles zu geben, damit der Erfolg kommt. Für mich war die Motivation, die Jungs bei Laune zu halten, auch im Training weiter Gas zu geben, auch wenn ich nicht immer alles mitmachen konnte. Ich glaube, dass das gut angekommen ist. Das hat Bayer 04 auch von mir erwartet.

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Kießling: Social Media auf der Weltreise

SPORT1: Sie haben ihre Hausarbeit über den Einfluss der Medien geschrieben. Wie sehen Sie diesen nach ihrer Profikarriere?

Kießling: Ich habe die Medien nie negativ gesehen. Es geht schnell in die positive Richtung, aber auch in die entgegengesetzte. Meine Sicht auf die Medien hat sich auch nach meiner Karriere nicht verändert. Medien sind natürlich wichtig, die Ereignisse werden den Menschen präsentiert, sie werden bewertet und eingeordnet, damit sich jeder am Ende selbst ein Urteil bilden kann. Als Spieler ist es manchmal natürlich nicht einfach, wenn du nicht gut spielst, dann gewisse Dinge zu lesen. Aber es gehört als Fußballprofi dazu.

SPORT1: Dazu gehören auch Facebook, Instagram und Co. - sind Sie ein Fan von Social Media?

Kießling: Ich habe einen Instagram-Account, bei Facebook bin ich nach der Hoffenheim-Geschichte (Phantomtor, Anm. d. Red.) raus, da hat es damals schlimme Dinge gegeben. Heute nutze ich Social Media gelegentlich ganz gerne. Auf unserer Weltreise war es ganz nett, dass die Leute verfolgen konnten, wo wir gerade waren. Ich vergesse aber oft Dinge zu posten, weil ich nicht regelmäßig dabei bin.

Kießling: Löws Entscheidung war schwer zu akzeptieren

SPORT1: Nicht regelmäßig dabei waren Sie auch im DFB-Team. Sind sie enttäuscht, dass sie nur sechs Mal für die Nationalmannschaft spielen durften?

Kießling: Jeder spielt unheimlich gerne für sein Land. Ich hätte natürlich viel mehr Spiele machen wollen. Der Bundestrainer hat sich damals aber oft anders entschieden. Ich habe nicht in das Spielsystem von Joachim Löw gepasst. Das war seine Aussage. Für mich war es nicht ganz einfach, dies zu akzeptieren. Ich habe mich dann eben auf den Verein konzentriert, was für mich in dieser Zeit das Wichtigste war. Ich bin ganz gut mit der Entscheidung zurechtgekommen. Am Ende kann ich sagen, ich durfte für Deutschland spielen und war sogar 2010 bei der Weltmeisterschaft in Südafrika dabei. Ich habe eine Medaille zu Hause hängen, darauf bin ich sehr stolz.

SPORT1: Zuletzt hat Joachim Löw Thomas Müller, Jerome Boateng und Mats Hummels aus der Nationalmannschaft gestrichen. Wie haben sie reagiert?

Kießling: Ich habe es natürlich auch über die Medien mitbekommen. Zunächst über die Pressemitteilung des DFB, dann gab es die Reaktionen der Spieler und schließlich die der "ganzen Welt". Ich bin angerufen und aufgefordert worden, meine Meinung zu sagen. So wie jetzt von Ihnen auch. Doch wenn jeder so eine Entscheidung kommentiert, macht man das Fass nur noch weiter auf. Das ist nicht der Sinn der Sache. Grundsätzlich haben die drei Spieler einen Riesen-Job in der Nationalmannschaft gemacht. Sie sind 2014 Weltmeister geworden. Sie haben es auch verdient, so viele Spiele für Deutschland zu machen.

SPORT1: Wo geht es mit der Nationalmannschaft hin? Was glauben Sie?

Kießling: Es gab immer wieder Umbrüche in der Nationalelf. Junge Spieler sind nachgerückt, manche haben ihre Chancen genutzt, andere nicht. Man hatte aber immer alte Haudegen dabei, die die Mannschaft geführt haben. Als Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger dazu kamen, gab es einen Michael Ballack. Er hat damals die Mannschaft zusammengehalten. Jetzt muss man sehen, wie sich alles entwickelt. Es sind nun auch heute erfahrene Spieler dabei wie Toni Kroos oder Manuel Neuer, die über Jahre hinweg auch schon gespielt haben. Ich glaube, dass wir langfristig das Potenzial haben, wieder eine große Nummer zu werden. Ich wünsche es Deutschland.

Havertz zu Bayern?

SPORT1: Eine große Nummer könnte auch Kai Havertz werden. Seit geraumer Zeit hält sich das Gerücht, dass er zum FC Bayern wechseln soll. Was würden Sie ihm raten?

Kießling: Raten kann ich viel, was er dann macht, ist eine andere Sache. Für seine Entwicklung wäre ein weiteres Jahr in Leverkusen gut. Ein Klub wie Bayern zum Beispiel käme aus meiner Sicht noch zu früh für ihn. Er ist 19 und hat noch so viel Zeit. Aber die Angebote werden mit Sicherheit kommen, weil er einfach ein hervorragender Fußballer ist. Aber Kai hat bei uns noch einen Vertrag. Er ist ein ganz wichtiger Teil unserer Mannschaft, wir möchten so oft wie möglich international spielen. Das ist gut für die jungen Spieler, das ist gut für den Verein. Ich glaube, in dieser Konstellation ist noch einiges möglich.

SPORT1: Der junge Stefan Kießling und die jungen Stars von heute - liegen da Welten dazwischen?

Kießling: (lacht) Ja, die Zeit war aber auch anders. Ich war immer ein Arbeitstier. Die junge Generation hat einfach ein unglaubliches Talent und zeigt das auch immer wieder. Es macht Spaß, sie spielen zu sehen. Ich habe mich immer reingebissen und bin da so durchgekommen. Und bin da auch stolz darauf.

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