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Toni Schumacher gehörte zu seinen Zeiten als Nationaltorhüter zur absoluten Weltspitze
Toni Schumacher gehörte zu seinen Zeiten als Nationaltorhüter zur absoluten Weltspitze © Imago
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Torhüter-Legende Toni Schumacher wird 65 Jahre alt. Hinter ihm liegt mehr als nur eine bemerkenswerte Karriere. Typen wie er fehlen dem Fußball heute mehr denn je.

Der Fußball lebt von Typen.

Er braucht sie, in Zeiten der schleichenden Distanzierung von Fan und Sportart wohl mehr denn je. Doch man sucht sie immer vergeblicher: Die wohltuenden Ausnahmen unter lauter durchtrainierten PR-Sprech-Statisten.

Die Spieler, die nicht das nachbeten und aufsagen, was ihnen von der vereinseigenen Medienabteilung in mühevoller Kleinarbeit eingetrichtert wurde. Sondern die klar und deutlich sagen, was Sache ist, ohne Dampfplauderer zu sein. Die den Finger in die Wunde legen. Auch wenn es mal weh tut.

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"Den Bock umstoßen", "den Kopf oben behalten", "von Spiel zu Spiel schauen" – man bekommt den eintönigen Brei Woche für Woche aufgewärmt serviert. Rechts rein, links raus, beliebig austauschbar. Doch klar: Das langweilige und unsägliche Lavieren durch die unzähligen Floskeln und Phrasen des Fußballs gehört inzwischen leider zum Geschäft. Bloß keine Angriffsfläche bieten, bloß in kein Fettnäpfchen treten.

Schumacher als lebende Zielscheibe

Harald "Toni" Schumacher war in seiner aktiven Karriere so gesehen eine lebende Zielscheibe. Denn er hat keines dieser Fettnäpfchen ausgelassen.

Er gehörte zu der inzwischen aussterbenden Art dieser ungewöhnlichen Persönlichkeiten. Er war einer, der sich nach dem verlorenen WM-Finale 1986 in Mexiko gegen Argentinien hinstellte und das 2:3 auf seine Kappe nahm.

Ohne Floskel. Sondern mit einem prägnanten Satz, der es auf den Punkt brachte: "Ich habe gehalten wie ein Arsch."

Damit war alles gesagt. Ende der Diskussion. Nachfragen unnötig.

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Schumacher, der Ur-Kölner, der passenderweise am Aschermittwoch seinen 65. Geburtstag feiert, hatte es nicht anders gelernt. Bei ihm sorgte das Elternhaus für Ehrlichkeit und unerbittliche Härte gegen sich selbst, für grenzenlosen Ehrgeiz. Arbeitersiedlung, mit den Eltern und der Schwester in einer 43-Quadratmeter-Wohnung. Enge. Auch das hat den Ehrgeiz befeuert. Und den Fleiß.

80 Mark als Kupferschmied

Und auch der Job. Mit 15 Jahren wurde er zum Kupferschmied ausgebildet. Sieben Kilometer mit dem Fahrrad zu Arbeitsstelle. 80 Mark im ersten Jahr, im dritten 160. Einen Monat nach der bestandenen Prüfung unterschrieb er 1972 seinen ersten Vertrag beim 1. FC Köln.

Es wurde die große Liebe. Keine Frage: Es waren prägende Zeiten.

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Sein Bundesliga-Debüt feierte er als 19-Jähriger in seiner zweiten Saison beim "effzeh". Mit 422 Einsätzen in der Bundesliga ist er der Rekordspieler des Klubs, mit dem er 1978 den Titel gewann, dazu kommen drei Siege im DFB-Pokal (1977, 1978 und 1983).

"Anpfiff" war für Schumacher der Abpfiff

Schumacher blieb sich und seiner Art in dieser Zeit stets treu, war deshalb aber auch immer unbequem.

Doch "Anpfiff" änderte 1987 alles. 254 explosive Seiten.

Es war seine persönliche Abrechnung. Seine Wahrheit über den Fußball, die für ihn in Köln und in der Nationalmannschaft, mit der er 1982 und 1986 Vizeweltmeister sowie 1980 Europameister wurde, den Abpfiff bedeutete. Und das ausgerechnet an seinem 33. Geburtstag.

Der deutsche Fußball wurde durch Schumachers Werk, das er mit dem französischen Journalisten Michel Meyer schrieb, erschüttert. Ein Tabubruch über Interna aus der Nationalmannschaft, angebliche Sex- und Alkoholeskapaden, schlechte WM-Vorbereitungen oder ein Doping-Problem im Fußball. Ein Bestseller, der sich weltweit mehr als 1,5 Millionen Mal verkaufte.

Bereut hat er das Enthüllungsbuch kein einziges Mal, auch wenn es ihn wohl den WM-Titel 1990 gekostet hat. Er räumt ein, die Auswirkungen, das Echo unterschätzt zu haben. "Naiv" nennt er sich rückblickend. Eine Pressekonferenz mit Erläuterungen und Erklärungen wäre wohl besser gewesen als ein Vorabdruck mit ein paar Zitaten. Stattdessen hatte er keine Chance, sich zu erklären oder zu wehren, war über Nacht die persona non grata. Weg vom Fenster.

Aber: "Ich würde es wieder machen. Sicher habe ich nicht damit gerechnet, rausgeschmissen zu werden. Aber das Buch musste zu dieser Zeit rauskommen. Lieber ein Knick in der Laufbahn, als ein Knick im Rückgrat", sagte er mal dem General-Anzeiger. Er betont immer wieder: "Ich habe nie einstweilige Verfügungen gegen das Buch bekommen, weil alles gestimmt hat." Er betont auch: Intern hatte er die Sachen schon oft angesprochen, das Buch war so etwas wie sein Ventil für die Öffentlichkeit.

Schumacher blieb sich immer treu

Was man ebenfalls betonen muss: Viele Dinge, die Schumacher damals forderte und für die er verteufelt wurde, wie Profischiedsrichter, Dopingkontrollen, eine Förderung der Jugendarbeit, Videoanalysen oder professionellere Trainingsmethoden, sind heute fester Bestandteil des Profifußballs.

Auch wenn Schumacher die Reaktionen unterschätzt hatte: Er kam sportlich auf die Beine, ging zum FC Schalke, nach nur einem Jahr und dem Abstieg dann zu Fenerbahce Istanbul, wo er Kapitän, Publikumsliebling und 1989 auch türkischer Meister wurde. Bei den Bayern war er nach der Rückkehr auch noch, ehe er seine aktive Karriere bei Borussia Dortmund ausklingen ließ.

Als Torwarttrainer des BVB kam er auf zwei Bundesliga-Minuten als Ersatztorhüter und durfte sich somit im Jahr 1996 deutscher Meister nennen. Mit zarten 42 Jahren.

Was seine Karriere ebenfalls prägte: Die Nacht von Sevilla 1982, das Foul an dem französischen Nationalspieler Patrick Battiston im WM-Halbfinale und seine flapsige Bemerkung, er wolle ihm nach zwei verlorenen Zähnen, einer Gehirnerschütterung und einem gebrochenen Halswirbel die Jacketkronen zahlen.

Oder seine legendäre Entlassung als Trainer von Fortuna Köln. Der damalige Klub-Patriarch Jean Löring schmiss Schumacher 1999 in der Halbzeit des Spiels gegen Waldhof Mannheim raus. Ein bis heute einmaliger Vorgang.

Ehrgeiz machte den Körper kaputt

Ungewöhnlich war auch Schumachers Ehrgeiz, der dazu führte, dass er nicht nur seine Gegenspieler, sondern auch sich selbst nicht schonte. Das Adrenalin half früher gegen die Schmerzen, später Medikamente. Der Ringfinger war mehrfach gebrochen, ist noch heute oft geschwollen und entzündet.

Sein Knie? "Schrott", wie er sagt: "Ich habe mir mittwochs in der Radrennbahn gegen Braunschweig einen Kreuzbandriss zugezogen und habe am Samstag wieder gespielt."
War es das wert? "Immer", stellt er klar: "Der Ehrgeiz gehörte damals zu mir." Und der Druck, den er sich lieber selbst machte, als das anderen zu überlassen. Gerne auch mal, indem er sich mit dem Publikum oder den Gegnern anlegte, wenn er merkte, dass er nicht fokussiert genug war.

Alles in allem komplett bekloppt. Potenziert durch die Tatsache, dass Torhüter sowieso als sonderbare Einzelgänger, als verrückte Zeitgenossen gelten.

Vizepräsident beim 1. FC Köln

Schumacher sowieso. Er ist sich sicher: "Und wenn ich Briefträger geworden wäre – über mich hätte man gesprochen."

Das macht man heute immer noch, denn der 65-Jährige hat seine innere Mitte wiedergefunden, wenn man so will: Seit 2012 ist er zurück bei seinem "effzeh", als Vizepräsident. Was er sich zum 65. wünscht? Klar, den Aufstieg. Dafür stellt er die Frage, ob er möglicherweise Präsident Werner Spinner beerben wird, hinten an.

Als Vize ist Schumacher immer noch offen, ehrlich und geradeaus. Die Rückkehr in die Bundesliga ist das vorrangige Ziel. "Da darf man nicht mit Selbstgefälligkeit rangehen und sagen, das ist ein Selbstläufer. Wir haben von Anfang an gesagt, das wird hart. Unsere Spieler haben die Qualität, aber sie müssen die PS auf die Straße bringen."

Am besten mit dem Ehrgeiz und dem Fleiß eines Toni Schumacher. Und gerne öfter mit der gleichen Offenheit. Schließlich lebt der Fußball von Typen.

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