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München - Mit neuen Aussagen über einen möglichen Bayern-Verbleib stellen Jérôme Boateng und sein Berater den Rekordmeister vor gehörige Probleme. Ist es am Ende nur Poker?

Kommt doch alles ganz anders?

Eigentlich war die Sache eindeutig: Jérôme Boateng und der FC Bayern, das passt nicht mehr. Der Spieler gab in den vergangenen Wochen das Bild eines Arbeitnehmers ab, der nur noch körperlich anwesend war. Lustlos saß Boateng während der letzten Spiele auf der Bank, feierte nicht mit den Fans, verließ als Erster die Mannschaftsfeier.

Bei den Bayern legte man aus Konsequenz daraus seinem Verteidiger einen Abschied nahe - in aller Öffentlichkeit, so deutlich wie selten einem Spieler zuvor. "Ich würde ihm raten, den FC Bayern zu verlassen. Er muss eine neue Herausforderung suchen", sagte Präsident Uli Hoeneß bei der Meisterfeier im Rathaus auf SPORT1-Nachfrage, bezeichnete Boateng zudem als "Fremdkörper".

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Hoeneß prophezeit noch mehr Frust bei Boateng

Einen Tag später, beim "Retterspiel" des Rekordmeisters gegen den 1. FC Kaiserslautern, präzisierte Hoeneß im SPORT1-Interview: "Den Frust, den er derzeit hat, wird er nächstes Jahr noch mehr haben, wenn er dableibt."

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Doch kurz darauf erklärte Boateng im kicker, er könne sich weiterhin eine Zukunft beim FC Bayern vorstellen. "Ich werde hier nicht wegrennen. Situationen verändern sich schnell." Und weiter: "Ich brenne immer noch, ich bin heiß. Ich greife in der neuen Saison voll an."

Gleichzeitig widersprach sein Berater, der ehemalige Bayern-Sportdirektor Christian Nerlinger, ebenfalls im kicker, auf der Suche nach neuen Vereinen für seinen Schützling zu sein. Das sei auch gar nicht nötig: "Wenn ein Weltklassespieler wie Jérôme Boateng auf dem Markt ist und die Parameter bekannt sind, muss man nicht suchen, sondern die Vereine melden sich."

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Boateng will bei Bayern angreifen

Er habe nach der abgelaufenen Saison ein "vertrauensvolles Gespräch" mit Boateng geführt. Das Ergebnis: "Wir haben uns klar entschieden, aufgrund der Erfahrung des vergangenen Sommers und unter den aktuellen Voraussetzungen keine Gespräche mit anderen Vereinen zu führen." Nach seinem Urlaub wolle Boateng beim FC Bayern voll angreifen.

Mit diesen Aussagen stellen Boateng und sein Berater die Bayern vor gehörige Probleme. Zur Erinnerung: Im vergangenen Jahr verhinderte der Rekordmeister den Boateng-Wechsel zu Paris Saint-Germain trotz des ausdrücklichen Spielerwillens. Jetzt dreht der Weltmeister von 2014 den Spieß um. Er will sich nicht so einfach vom Hof jagen lassen.

Denn dieses Szenario wäre das ideale aus Sicht der Münchner. Man könnte den aufgeblähten Kader in der Defensive ausdünnen, denn dort ist aktuell mindestens ein Abwehrspieler zuviel unter Vertrag. Zudem bekäme man einen Topverdiener von der Gehaltsliste (Boateng verdient rund 12 Millionen Euro, Vertrag bis 2021), einen unzufriedenen noch dazu.

Nerlinger widerspricht Hoeneß

Boatengs Frust resultierte aus zu wenigen Einsatzzeiten. In der Rückrunde saß Boateng meist nur noch auf der Bank, es spielten Mats Hummels und Niklas Süle. Zur neuen Saison kommen mit Lucas Hernández und Benjamin Pavard zwei Weltmeister für zusammen 115 Millionen Euro Ablöse hinzu, die ebenfalls in der Innenverteidigung spielen können.

Boateng sei kein Spieler für die Bank, hatte Hoeneß erklärt. Die logische Konsequenz wäre da der Abschied aus München. Sein Berater suche bereits Vereine, erklärte Hoeneß. Ein Irrtum?

Klar ist, dass für Boateng und Hummels zusammen wohl kein Platz mehr bei den Bayern ist. Einer der beiden muss den Verein verlassen, wollen die Münchner nicht mit fünf hochkarätigen Innenverteidigern in die neue Saison gehen. Boateng war da, auch aufgrund der Rückrunde, der geeignete Verkaufskandidat. Rund 20 Millionen Euro Ablöse sollen sich die Münchner vorstellen. Gestiegen ist sein Marktwert in der vergangenen Saison jedenfalls nicht.

Spieler sitzt am längeren Hebel

Nach SPORT1-Informationen will jetzt auch Hummels das Gespräch mit den Bayern-Bossen suchen. Er möchte Klarheit haben, wie sein Status ist. Auf das Spielchen wie in der vergangenen Saison, dass Trainer Niko Kovac in der Öffentlichkeit wieder Stammplätze in der Innenverteidigung vergibt, will er sich wohl nicht noch einmal einlassen.

Die Aussagen von Boateng und Nerlinger müssen am Ende aber auch nicht zwangsläufig bedeuten, dass der gebürtige Berliner wirklich bei den Bayern bleibt. Es könnte auch Teil eines cleveren Pokerspiels sein.

Denn einen Wechsel schloss Boateng dem kicker gegenüber auch nicht grundsätzlich aus, der künftige Arbeitgeber müsse aber passen. Er möchte weiter auf Topniveau spielen, es gehe ihm auch um die persönliche Wertschätzung - und damit wohl auch um die finanzielle.

Nerlinger weiß, dass es nicht einfach wird, Boateng bei einem Topklub unterzubringen, ohne Gehaltseinbußen in Kauf nehmen zu müssen. Er weiß aber auch, dass der Spieler aufgrund seines Vertrages am längeren Hebel sitzt. So könnte er den Rekordmeister möglicherweise dazu bringen, dem Spieler bei einem Wechsel entgegen zu kommen und zum Beispiel eine Abfindung auszuhandeln.

Auch für das Teamgefüge gestaltet sich ein Boateng-Verbleib schwierig. Vor allem für Kovac wäre es undankbar, wenn Boateng bliebe. Denn der Abwehrspieler sprach auch von fehlender Rückendeckung seitens des Vereins und bezog sich dabei auch speziell auf Kovac. Der Trainer habe ihm nicht genug Spielzeit gegeben, obwohl er ihm gesagt habe, er sei die Nummer eins in der Bayern-Abwehr.

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