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München - Die Bayern krempeln ihre Abwehr um. Mit Benjamin Pavard und Lucas Hernández reagiert der FCB auf das bisherige Speed-Defizit. Das spielt Niko Kovac in die Karten.

Der 13. März 2019 wird den Bayern-Fans noch lange in Erinnerung bleiben - in denkbar schlechter.

Im Achtelfinal-Rückspiel gegen den späteren Champions-League-Sieger FC Liverpool ließ sich der deutsche Rekordmeister von den quirligen Mohamed Salah und Sadio Mané durcheinanderwirbeln. Beim 0:1 des pfeilschnellen Senegalesen sah Rafinha auf der rechten Abwehrseite schlecht aus.

Bei Manés Treffer zum 1:3-Endstand hielt Mats Hummels nach einer Flanke von Salah nicht Schritt mit dem Afrikaner.

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Nur ein Beispiel für ein grundlegendes Problem des FC Bayern in der abgelaufenen Saison: Gerade bei überfallartigen Angriffen des Gegners ließ sich die Münchner Abwehr zu häufig überspielen. Liverpool nutzte diese Schwäche par excellence aus.

Aber zum Beispiel auch Werder Bremen im DFB-Pokalhalbfinale, als Milot Rashica Hummels vor dem zwischenzeitlichen 2:2 stehen ließ wie eine Slalomstange, oder Bayer Leverkusen in der Bundesliga zeigten den Bayern ihr Speed-Defizit in der Defensive gnadenlos auf.

Süle schneller als van Dijk

Die jüngsten Transferentscheidungen der Bayern legen nahe, dass auch die Klub-Verantwortlichen diese Schwachstelle erkannt haben und unbedingt mehr Tempo in die Abwehrreihe bringen wollen.

Rechtsverteidiger Rafinha (33) wurde kein neuer Vertrag angeboten. Jérôme Boateng (30) legte FCB-Präsident Uli Hoeneß nach dem DFB-Pokalsieg persönlich einen Wechsel nahe. Und erst am Dienstag wurde die Rückkehr von Hummels (30) zu Borussia Dortmund als perfekt gemeldet.

Alle drei galten nie als die begnadetsten Sprinter. Mit einem Top-Speed von 33,3 km/h wies der Datendienstleister Opta Boateng noch als Schnellsten des Trios aus. Rafinha (32,7 km/h) und Hummels (32,0 km/h) liegen dagegen ganz am Ende des Speed-Rankings beim FC Bayern.

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Von der Spitze dieses Rankings grüßt Bayerns neuer Abwehrchef Niklas Süle mit 35,0 km/h. Damit zählt der 23-Jährige zu den zehn schnellsten Spielern der gesamten Bundesliga. In ähnliche Regionen stößt als Innenverteidiger nur Champions-League-Sieger und Ballon-d'Or-Anwärter Virgil van Dijk vor, der mit 34,5 km/h den schnellsten Sprint der gesamten Champions-League-Saison hinlegte.

Ohne Frage sind gerade Hummels und Boateng nach wie vor starke Innenverteidiger, die durch Stellungsspiel, Körperlichkeit, Kopfballstärke und Erfahrung überzeugen. Dazu verfügt vor allem Hummels über eine beeindruckende Übersicht, antizipiert Spielsituationen wie kaum ein Zweiter und kann in der Spieleröffnung noch immer Gold wert sein.

Hernández auch mit Offensivqualitäten

In Sachen Schnelligkeit können er und auch Boateng mit Bayerns neuen Defensivkräften aber nicht mithalten. Die französischen Weltmeister Benjamin Pavard und Lucas Hernández (beide 23) sind zwar deutlich kleiner und unerfahrener als die Hünen Hummels und Boateng. Durch seine Geschwindigkeit gleicht das Franzosen-Duo etwaige Fehler im Stellungsspiel aber blitzschnell wieder aus.

Eine Szene von Hernández aus dem Vorjahr steht dafür symbolisch: Gegen Deportivo La Coruna lief der Linksfuß mit seinem bisherigen Arbeitgeber Atlético Madrid blauäugig in einen Konter. La Corunas Linksaußen Borja Valle stürmte allein dem Atlético-Tor entgegen, Hernández startet fast von der Mittellinie hinterher. Kurz vor dem Strafraum hatte der Franzose seinen Gegenspieler eingeholt und spitzelte ihm den Ball vom Fuß.

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Die Geschwindigkeitsmessung der spanischen Liga-Statistiker zeigte 34 km/h. Damit würde sich Hernández unter allen Bundesliga-Akteuren nur knapp hinter Süle einreihen. Im Gegensatz zum deutschen Nationalspieler nutzt Bayerns Neuzugang sein Tempo aber auch für Offensiv-Aktionen aus, wenn er auf der linken Abwehrseite von der Leine gelassen wird.

Pavard verkörpert auf der rechten Seite einen ähnlichen Spielertyp, verzeichnete laut Opta in der abgelaufenen Saison einen Top-Speed von 33,2 km/h und zog pro Spiel durchschnittlich 18,7 Sprints an. Zum Vergleich: Hummels und Boateng kamen in der Vorsaison mit 13,0 beziehungsweise 12,1 Antritten pro Spiel aus. Und auch der 19 Jahre alte Ozan Kabak, auf den es die Bayern ebenfalls fürs defensive Zentrum abgesehen haben sollen, überzeugt mit Tempo und Dynamik.

Kovac braucht schnelle Verteidiger

Damit passen die jungen Defensivspieler perfekt zur Spielphilosophie von Bayern-Trainer Niko Kovac. Er möchte, dass seine Mannschaft weit aufrückt. Die Mittelfeldspieler und die Außenverteidiger sollen in der gegnerischen Hälfte stören, die Verteidiger dahinter absichern. Um bei Ballverlusten gegen Konter des Gegners gewappnet zu sein, braucht es bei dieser Spielidee vor allem eines: schnelle Defensiv-Sprinter.

Auf Joshua Kimmich (33,1 km/h), David Alaba (34,5 km/h) und eben Süle ist in dieser Hinsicht ohnehin Verlass. Und auch die Schnelligkeit von Kanada-Talent Alphonso Davies könnte sich Kovac in Zukunft in der Abwehr-Viererkette zu Nutzen machen. In der abgelaufenen Saison testete er seinen Neuzugang, der bisher eigentlich als offensiver Flügelflitzer eingeplant war, bereits einige Minuten als Alaba-Vertreter auf der linken Seite.

"Er kann mehrere Positionen spielen. Er spielt alles, wo ihn der Trainer hinstellt. Er hat wirklich Qualitäten, die selten in der Bundesliga zu sehen sind", schwärmte FCB-Sportdirektor Hasan Salihamidzic damals vom Teenager und legte noch einen drauf: "Er ist, glaube ich, der schnellste Spieler in der Bundesliga. Er ist einer der schnellsten, die ich jemals gesehen habe. Er hat eine unheimliche Dynamik und Tempo."

Genau die Qualitäten, die Kovac beim Angriff auf die europäische Krone in Zukunft von seinen Abwehrspielern erwartet.

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