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München - Edmund Stoiber verrät überraschend, dass Uli Hoeneß auch wegen Karl-Heinz Rummenigge als Bayern-Präsident aufhört. Die Gründe sind aber vielschichtiger.

Beide Hände von Uli Hoeneß bewegten sich nach unten, als am Mittwochmittag durch den sommerlichen Garten der bayerischen Staatskanzlei laute "Uli Hoeneß, du bist der beste Mann"-Gesänge und tiefe, fast triumphale "Uli"-Rufe hallten.

Hoeneß schien ergriffen und forderte die Fans ebenso ergriffen auf, sich zu beruhigen – wenngleich er den Jubel innerlich genoss. Mit einer Geste der Demut konnte er die Jubelarien der Hoeneß-Anhänger jedenfalls nicht unterbinden. Sie sangen einfach weiter.

Der 2. Vizepräsident, Walter Mennekes, klatschte im Hintergrund fröhlich mit. Sportdirektor Hasan Salihamidzic freute sich, schaute erst zu Boden, dann wieder auf und lachte.

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Vorstands-Boss Karl-Heinz Rummenigge, der neben Hoeneß stand, verzog derweil nur ein wenig seine Miene, während er seine Hände vor dem Bauch zusammenfaltete. Seine Mundwinkel zogen sich mal ganz kurz nach oben, die meiste Zeit blieben sie aber in einer Linie.

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Balsam für Hoeneß' geschundene Seele

Beim Verlassen der Staatskanzlei sagte Hoeneß zu SPORT1: "Der Beifall der Fans war für mich wie das Wetter: sehr angenehm."

Zur Erinnerung: Hoeneß wird dem Aufsichtsrat am Donnerstag, nach einer monatelangen Überlegungsphase, in einer Sitzung mitteilen, nicht mehr zur Präsidentschaftswahl anzutreten und sich auch vom Vorsitz des Aufsichtsratsvorsitzenden zurückzuziehen. Mit anderen Worten: Hoeneß macht Schluss.

Die Fan-Gesänge waren jedenfalls Balsam auf der geschundenen Präsidenten-Seele, denn nur wenige Sekunden später bestätigte Aufsichtsrats-Mitglied und Vorsitzender des Verwaltungsbeirats Dr. Edmund Stoiber, früher selbst Ministerpräsident, völlig überraschend, weshalb Hoeneß nun wirklich aufhöre: "Die Jahreshauptversammlung war für ihn ein solcher Schock", so Stoiber.

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Hoeneß bekommt heftigen Gegenwind

Was der Ex-Ministerpräsident meint, ist im Bayern-Kosmos unvergessen. Es war im November 2018 als über Hoeneß im Audi Dome, Heimstätte der Bayern-Basketballer, in einer nie dagewesenen Form Hoeneß-Raus-Rufe den Raum füllten, sowie Pfiffe und Beleidigungen.

Ein Fan hisste damals sogar die nordkoreanische Flagge – mit dem Schriftzug "Not my President". Hoeneß war getroffen. Traurig. Überrascht.

"Zwistigkeiten" mit Rummenigge

Allerdings, und das war am sonnigen Mittwoch die noch viel größere Überraschung, hat das bevorstehende, verfrühte Ende von Hoeneß noch einen weiteren Grund.

Stoiber bestätigte, dass "auch die Zwistigkeiten mit Kalle (Rummenigge, d. Red.)" zum vorzeitigen Abschied geführt hätten. Als jüngstes Beispiel nannte er eine "Auseinandersetzung wegen des Trainers".

Gemeint ist ohne Frage Niko Kovac. Damals, nach Jupp Heynckes, ein Wunsch von Hoeneß, aber keiner von Rummenigge. Nun geht Kovac mit dem Double in sein zweites Bayern-Jahr.

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Bayern-Bosse immer wieder uneins

Der Kovac-Zwist ist nicht unbekannt, aber nun erstmals bestätigt. Zwischen Hoeneß (der Macher) und Rummenigge (der Stratege) ging es in den letzten Monaten nicht nur um unterschiedliche Auffassungen bei Trainer-Transfers (Rummenigge wollte Thomas Tuchel, Hoeneß hatte Bedenken), sondern auch bei Spielern.

Zuletzt wollte Rummenigge James Rodríguez unbedingt behalten. Hoeneß übergab das letzte Wort in dieser Causa aber an Kovac. Das Ende ist bekannt: James, den Kovac nie hundertprozentig integrieren konnte oder wollte, bat die Bayern-Bosse darum, die Kauf-Option für ihn nicht zu ziehen.

Ebenso war es Hoeneß, der auf der legendären Wut-PK das Ruder, emotional erzürnt, aus der Hand gab. Rummenigge musste hinterher eingestehen, dass auf der PK, auch wegen Hoeneß, einiges anders lief als geplant. Im SPORT1-Interview im Juli betonte Rummenigge, dass er nicht "Spiritus rector" dieser Veranstaltung gewesen sei.

Ebenso rügte Rummenigge die Hoeneß-Aussage im Februar im CHECK24 Doppelpass. "Wenn Sie wüssten, was wir schon alles sicher haben", verkündete Hoeneß. Rummenigge tadelte ihn dafür zuletzt: "Es wäre in Zukunft besser, wenn wir nicht in der Öffentlichkeit über unsere operativen Tätigkeiten sprechen werden."

Ein Spieler bestätigte SPORT1 unlängst, dass man es bis in die Kabine spüre, wenn Hoeneß oder Rummenigge einen Transfer durchgeboxt hätten, weil eben für jenen Spieler innerhalb des Vereins Politik gemacht werde, um diesen Spieler entsprechend zu positionieren – ausgehend von der Führungsetage.

Dass Bayern-Boss Hoeneß bis in jede Ecke des Vereins Einfluss ausübt, ist nicht verwunderlich – und auch nachzuvollziehen. Wie kein Zweiter hat er den Verein über Jahrzehnte geprägt, ihn maßgeblich zu dem werden lassen, was er heute ist. Nun sagt er am Donnerstag offiziell vorab "Servus".

Stoiber lobt Hoeneß-Nachfolger Hainer

In seine Fußstapfen soll Unternehmer und Hoeneß-Freund Herbert Hainer treten. "Er kann das", so Stoiber ebenso aussagefreudig über den früheren Adidas-Chef und jetzigen Stellvertreter von Hoeneß als Aufsichtsrats-Boss.

Keiner sei eins zu eins zu ersetzen, so Stoiber, aber Hainer sei "eine sehr gute Lösung". Nun hoffe er, dass eben jener Hainer "eine große Zustimmung" bei den Wahlmännern finde.

"Viermal" allerdings, so Stoiber, habe er höchstpersönlich versucht, Hoeneß, den er als "Seele, Kopf und Herz des FC Bayern” bezeichnete, vom Weitermachen zu überzeugen. Ohne Erfolg. Seine Entscheidung habe Hoeneß nun getroffen, so Stoiber. Mitteilen will sie der Noch-Präsident diesen Donnerstag selbst.

Hoeneß bleibt Bayern erhalten

Ab dann wird beim FC Bayern eine neue Ära eingeleitet – hochoffiziell. Hainer wird alsbald wohl Präsident. Rummenigge bleibt wohl Vorstands-Boss bis 2021 und wird, trotz Hainer, zum mächtigsten Mann im Verein. Oliver Kahn wird Rummenigge spätestens in zwei Jahren ablösen.

Feststeht: Der Hoeneß-Einfluss wird weiterhin bleiben, denn der 67-Jährige wird dem Verein im Aufsichtsrat weiterhin erhalten bleiben. Als Repräsentant sowieso. "Ich habe immer gesagt, dass ich dem Verein, in welcher Form auch immer, zur Verfügung stehe", so Hoeneß nach der Ehrung. Dies sei "nicht an irgendein Amt gebunden".

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Stoiber prophezeite jedoch, dass er dies in "der gebotenen Zurückhaltung tun werde".

Gegen 14.40 Uhr verließ Hoeneß die Ehrung in einer Audi-Limousine mit seinem Chauffeur Bruno Kovacevic. Wenige Minuten zuvor verließ Rummenigge mit seinem Fahrer Giuseppe Flotta die Veranstaltung.

Beide fuhren in unterschiedliche Richtungen.

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