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München - Der FC Bayern ist noch im Rennen um alle Titel. Spielerisch aber hakt es. Niko Kovac steht erneut in der Kritik. Welche Vorwürfe sind gerechtfertigt?

Der FC Bayern war durch den Heimsieg gegen Union Berlin (2:1) zwischenzeitlich an die Tabellenspitze der Bundesliga zurückgekehrt.

Überzeugend war der Sieg gegen den Aufsteiger aber erneut nicht. Viele Chancen blieben ungenutzt, der Rekordmeister ließ zwei Elfmeter zu. Spielerisch tut sich die Mannschaft unter Trainer Niko Kovac weiterhin schwer, eine Spieldominanz ist nicht zu erkennen. In den vergangenen sechs Pflichtspielen blieben die Münchner nicht mehr ohne Gegentor.

Die fehlende Weiterentwicklung des Bayern-Spiels ist ein Hauptkritikpunkt - auch an Kovac. Auch deshalb rumort es im Verein. Wie schon vor einem Jahr, treffen viele Vorwürfe den Trainer.

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Welche treffen zu? Welche nicht? Der SPORT1-Report.

Taktik und Aufstellung

Kovac selbst favorisiert ein 4-3-3-System, um vor allem die vorhandene Qualität auf den Flügeln auszuspielen. Um den zuletzt unauffälligen Philippe Coutinho zu integrieren, setzte Kovac bis zum Union-Spiel auf ein 4-2-3-1-System mit einem Spielmacher. Ein System, welches vor allem Karl-Heinz Rummenigge schätzt, weil die Bayern damit 2013 das Triple gewannen.

Gegen Olympiakos Piräus (3:2) stand Javi Martínez - wie tags zuvor von Uli Hoeneß angekündigt - in der Startelf. Auch Thomas Müller spielte nach tagelangem Theater in Griechenland von Beginn an. SPORT1 weiß: Es gibt Spieler, die Kovac in puncto Aufstellung als fremdbestimmt wahrnehmen.

Training

In der vergangenen Saison galt der interne Vorwurf, dass im Training zu wenig für die Offensive einstudiert werde. Daran arbeitete Kovac. Für Stürmer wie Robert Lewandowski gibt es mittlerweile gesonderte Offensiv-Einheiten.

Kovac gab aber in Piräus zu, dass sich sein Team im Defensivverhalten, im Vergleich zur Vorsaison, verschlechtert habe. SPORT1 weiß: Besseres Defensiv-Verhalten wird trainiert, aber der vereinsinterne Tenor ist, dass in dieser Richtung noch mehr gemacht werden könnte. Intern ist auch das zu langsame Aufbauspiel und die fehlende Kreativität bei Ballbesitz ein Thema.

Kovac selbst wird Fleiß und Akribie nachgesagt. Auch aufgrund der schwierigen Vorsaison reißt er derzeit viele Entscheidungen an sich, analysiert Stärken und Schwächen im Bayern-Spiel noch genauer.

Kommunikation

Weil sich Kovac mit sehr vielen Details beschäftigt, bleibt teilweise die Kommunikation mit Spielern auf der Strecke. Der Vorwurf aus der Bayern-Kabine: Kovac fehlt es oftmals an Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Spielern, am Feingefühl für spezielle Charaktere. Die Folge, die auch mannschaftsintern wahrgenommen wird: Nicht alle Spieler folgen dem Trainer.

Auf dem Platz und im Training fehlt es derzeit oft an Spaß, Freude und Lockerheit. Dass Unzufriedenheit über die eigenen spielerischen Darbietungen vorhanden ist, äußert sich öffentlich derzeit auch in den Aussagen nach Abpfiff. Joshua Kimmich kritisierte zuletzt, dass die Münchner in dieser Saison noch kein einziges Mal über 90 Minuten den Gegner dominiert hätten. Manuel Neuer sprach davon, dass vieles "nicht Bayern-Like" sei. Rummenigge mahnte, dass die Mannschaft "langsam die Kurve kriegen" müsse.

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Ansprache

Kovac kann laut werden und wurde es auch zuletzt gegenüber der Mannschaft, wenn ihm die Leistung missfiel. Was einige Spieler honorieren: Er spricht die aktuellen Bayern-Fehler klar an, vor allem in der Defensive.

Die Videoanalysen über die Gegner und das eigene Spiel werden intern überwiegend gut und aufschlussreich bewertet. Vor dem Piräus-Auftritt forderte Kovac in der Besprechung vor allem schnelles Spiel. Zu sehen war davon aber nur wenig.

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Bis zuletzt war auch die "Not-am-Mann"-Aussage über Müller innerhalb der Mannschaft ein Thema. Tenor: Dieser Satz war ein Eigentor. Kovac entschuldigte sich dafür öffentlich und räumte seinen Fehler ein. Dass sich Kovac Wochen zuvor auch öffentlich für sein Werben um Leroy Sané entschuldigen musste, schwächte seine Position und entging der Mannschaft nicht.

Es gibt zudem Spieler, die der Meinung sind, Kovac spreche zu viel Kroatisch - das gilt aber nicht für alle. Kroatisch spricht Kovac in der Kabine oder auf dem Platz allenfalls mit Bruder Robert oder mit Landsmann Ivan Perisic, auch mal im Training. Seine wichtigsten Botschaften vermittelt er aber immer vorab auf Deutsch. Kommandos gibt er auf Englisch. Auf der Trainerbank wird Deutsch gesprochen.

Standing

Es gibt zwei Lager im Bayern-Kader: Spieler, die Kovac neutral bis positiv bewerten und solche, die seine Arbeit, wie schon im Vorjahr, kritisieren. Das Gesamtbild: Keinesfalls ist alles schlecht unter ihm.

Auch mit den Trainingsinhalten sind bei weitem nicht alle Spieler unzufrieden. An ein Trainings-Level wie es unter "Taktik-Papst" Guardiola (Zitat Rummenigge) der Fall war, kommen die Einheiten von Kovac aber nicht heran. Die von Jupp Heynckes und Carlo Ancelotti taten das aber auch nicht, wie von Spielern zu hören ist.

SPORT1 erfuhr zudem: Vor der Art und Weise, wie sich die Bayern zuletzt ihre Gegentore fingen, warnte Kovac intern ausdrücklich. Etwa vor dem FC Augsburg, der in den Anfangsminuten oft enormen Druck macht. Nach 32 Sekunden aber fiel das 1:0 für den FCA.

Intern gibt es Spieler, die selbstkritisch sagen: Die Vorgaben sind gut, unsere Umsetzung ist schlecht. Das derzeit zu langsame und sorglose Spiel in der Rückwärtsbewegung kreiden sich viele Spieler selbst an, vor allem gegen vermeintlich schwächere Gegner.

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Team-Zusammenhalt

Nach SPORT1-Informationen ist das Binnenklima grundsätzlich intakt. Oftmals trifft sich die Mannschaft auch alleine, um Missstände anzusprechen.

Klartext wird auch gesprochen, wenn Führungsspieler etwa feststellen, dass schlecht trainiert wird. Beispiel: Wenige Spieltage vor Saisonende der vorherigen Saison traf sich der Kader - ohne das Trainerteam. Bei diesem Treffen schworen sich die Spieler auf den Saisonendspurt ein.

Das Fazit des Treffens: Spielen und trainieren wir nicht besser, holen wir gar nichts. Am Ende holten die Münchner das Double.

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Zukunft

Kovac hat noch einen bis 2021 gültigen Vertrag. Ob er ihn auch erfüllen wird, ist fraglich. Kovac selbst will sich weiter durchbeißen. Zuletzt wurde aber medial bereits über mögliche Kovac-Alternativen spekuliert.

Eine davon: Ex-Hoffenheim-Trainer Ralf Rangnick, der im RB-Kosmos als "Head of International Relations and Scouting" fungiert und noch anderthalb Jahre Vertrag hat. Nach SPORT1-Informationen steht Rangnick mit dem FC Bayern derzeit allerdings nicht in Kontakt.

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Bereits im Frühjahr dieses Jahres soll er jedoch zu verstehen gegeben haben, dass er sich den Trainerjob in München grundsätzlich vorstellen könne, sofern es zu einem Trainerwechsel käme. Zu diesem kam es aber nicht. Im Verein gab es damals wie heute zudem eine große Front gegen Rangnick, nach deren Meinung dieser nicht zum FC Bayern passt.

Ein Name fällt intern aber durchaus immer mal wieder: Mauricio Pochettino von den Tottenham Hotspur. Vor allem Hasan Salihamidzic schätzt die Arbeit des Argentiniers.

Nach SPORT1-Informationen führten beide im Rahmen des Audi Cups in München ein längeres Gespräch. Der Inhalt: unbekannt. Bei den Londonern hat Pochettino derzeit eine sportlich schwierige Phase zu bewältigen. Sein Vertrag gilt noch bis 2023.

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