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München - Julian Weigl verlässt den BVB und wechselt zu Benfica Lissabon. Der einstige Tuchel-Liebling sieht keine Chancen auf einen Stammplatz - und wagt deshalb den Neustart.

Der Ballmagnet verlässt die Borussia.

Julian Weigl bricht nach viereinhalb Jahren seine Zelte beim BVB ab und wechselt – vorbehaltlich des Medizinchecks - für 20 Millionen Euro zu Benfica Lissabon. In den Bundesliga-Geschichtsbüchern wird sein Name allerdings vorerst weiter stehen. Denn der 24-Jährige hält bis heute einen ganz besonderen Rekord.

Es war der 14. Mai 2016, an dem Weigl Geschichte schrieb. Im letzten Bundesliga-Spiel der Saison 2015/16 kam der damals 20-Jährige beim 2:2 gegen den 1. FC Köln laut opta auf unfassbare 218 Ballkontakte - und das, obwohl er schon nach 83 Minuten ausgewechselt wurde.

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Weigl lässt Guardiola schwärmen

Damit übertraf Weigl die bisherige Rekordmarke, aufgestellt von einem gewissen Xabi Alonso, um zwei Kontakte. Kein Wunder also, dass sich auch der damalige Bayern-Trainer Pep Guardiola als Fan des Mittelfeldspielers outete. "Ich bin vom ihm begeistert", erklärte Guardiola schon einige Monate zuvor.

Guardiola soll nicht erfreut gewesen sein, dass Weigl den Bayern 2015 durch die Lappen ging und stattdessen von Lokalrivale 1860 München für 2,5 Millionen Euro zum Konkurrenten aus Dortmund wechselte.

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Allerdings ging man auch in Dortmund nicht davon aus, dass sich der Youngster so schnell im BVB-Team festspielen konnte. Als Wunschspieler des neuen Trainers Thomas Tuchel geholt, sollte er behutsam an die erste Mannschaft herangeführt werden.

Doch Weigl zeigte überhaupt keine Anpassungsschwierigkeiten. Er überzeugte als Spielgestalter, mal auf der Doppelsechs, mal als alleiniger Mann vor der Abwehr. Er verteilte die Bälle nach Belieben. Risiko-Aktionen vermied er meist, beschränkte sich eher auf das Wesentliche.

Durch Torgefahr glänzte er nie, in 171 Pflichtspielen für Schwarzgelb traf er lediglich viermal und legte einen Treffer auf.

Das nahm ihm aber kaum jemand übel, Weigls Rolle war schließlich eine andere. Er war Taktgeber unter Tuchel, beim heutigen Trainer von Paris Saint-Germain hatte er seine mit Abstand beste Zeit beim BVB. Sogar Joachim Löw wurde auf Weigl aufmerksam, nahm ihn als 20-Jährigen mit zur EM 2016. Dort blieb er allerdings ohne Einsatz.

Tuchel-Abgang verändert Weigls Situation

Doch mit Tuchels Abgang im Sommer 2017 veränderte sich auch Weigls Situation. Unter Nachfolger Peter Bosz verpasste er den Saisonstart, nachdem er sich im Pokalfinale schwer am Sprunggelenk verletzt hatte.

Im Anschluss schaffte Weigl zwar wieder den Sprung in die Mannschaft, an seine Leistungen aus der Tuchel-Zeit kam er aber nicht mehr heran. Bosz und sein Nachfolger Peter Stöger setzten auf schnelleres Spiel mit weniger Kontakten. Das lag Weigl nicht.

Unter Lucien Favre war er dann sogar zunächst komplett außen vor. In der Hinrunde der Saison 2018/19 kam er lediglich viermal zum Einsatz. Die Doppelsechs war an die Neuzugänge Axel Witsel und Thomas Delaney vergeben. Während der BVB die Liga dominierte, blieb Weigl oftmals nur die Zuschauerrolle.

BVB verweigert Weigl die Freigabe

Anfang 2019 stand Weigl dann kurz vor einem Wechsel, PSG mit seinem Förderer Tuchel hatten die Fühler ausgestreckt. "Ich wollte meine sportliche Situation verbessern. Und dass ich unter Thomas Tuchel gut funktionieren kann, ist kein Geheimnis. Ich habe den BVB-Verantwortlichen meine Gedanken mitgeteilt", sagte er einige Zeit später der Sport Bild.

Doch Weigl blieb – oder besser gesagt, er musste bleiben. Aufgrund der Verletztenmisere wollte ihn Dortmund nicht abgeben. Weigl wurde als Notnagel in der Innenverteidigung gebraucht. In der Rückrunde spielte er wieder regelmäßig, wenn auch auf ungewohnter Position.

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Auch in der aktuellen Hinrunde kam der gebürtige Oberbayer wieder häufiger zum Einsatz, pendelte zwischen Innenverteidigung und Mittelfeld. Zuletzt war er auch Teil des neuen 3-4-3, bildete mit Julian Brandt das zentrale Mittelfeld.

Keine Chance auf einen Stammplatz

Doch trotz der Einsatzzeiten war klar: Eine Chance auf einen langfristigen Stammplatz hat Weigl im aktuellen BVB-Kader nicht. Witsel und Delaney haben, wenn sie wieder fit sind, die Nase vorn. Dazu blüht nun auch Brandt in der Zentrale auf. Zumal die fehlende Grundschnelligkeit Weigl in jüngerer Vergangenheit häufiger zum Verhängnis wurde.

Das erkannte er auch selbst und strebte daher erneut einen Wechsel an. Diesmal legten ihm die Verantwortlichen keine Steine in den Weg. "Julian ist mit diesem Wunsch zu uns gekommen und wir haben – auch aufgrund seiner Verdienste für den Verein – zugestimmt", erklärte Sportdirektor Michael Zorc.

Weigl war der Wunsch nach Veränderung offenbar so wichtig, dass er sogar einen sportlichen Rückschritt in Kauf nahm. Die großen Klubs haben im Winter selten Bedarf. Allerdings erwies sich Benfica für viele bereits als Sprungbrett. Auf diesen Effekt dürfte auch Weigl setzen.

Verkauf ein Risiko?

Doch ist der Abgang des einstigen Ballmagneten aus BVB-Sicht nicht ein zu großes Risiko? Schließlich hat die Hinrunde gezeigt, dass er durchaus gebraucht wird.

Ob der Vizemeister im Winter einen passenden Ersatz findet, ist fraglich. Aber mit der Verpflichtung des zweiten Neuners Erling Haaland schlossen Hans-Joachim Watzke und Michael Zorc zwar auf den ersten Blick nur die Baustelle im Sturm, der Transfer könnte aber auch Auswirkungen auf die Mittelfeldzentrale haben.

Durch die üppig besetzte Offensive könnte Brandt dauerhaft zurückrücken und böte Favre neben Delaney, Witsel und Mahmoud Dahoud eine weitere Option.

Und dann gibt es da ja auch noch einen gewissen Tobias Raschl. Der 19-Jährige gilt als Riesentalent auf der Sechs, steht seit Saisonbeginn im Profikader. Raschl soll eigentlich behutsam an die erste Mannschaft herangeführt werden. Doch das ging damals ja auch schon bei Weigl schneller als gedacht.

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