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München - Robert Lewandowski fehlt dem FC Bayern wochenlang mit einem Anbruch der Schienbeinkante. Was hat es damit auf sich? Ein Sportmediziner klärt auf.

Anbruch der Schienbeinkante im linken Kniegelenk - diese Diagnose beraubt den FC Bayern für mehrere Wochen seines Toptorjägers.

Robert Lewandowski zog sich diese Verletzung beim 3:0 des deutschen Rekordmeisters in der Champions League beim FC Chelsea zu.

Damit falle der polnische Angreifer rund vier Wochen aus, teilte der Klub in seiner Pressemitteilung am Mittwochabend mit.

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Bleibt die Frage: Wird Lewandowski nach vier Wochen direkt wieder in den Wettkampf oder zunächst nur das Mannschaftstraining einsteigen?

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"Ich denke eher, dass er nach vier Wochen erst sein normales Mannschaftstraining wieder aufnehmen wird", sagt Sportmediziner Dr. Michael Lehnert.

Der Facharzt für Sportmedizin war Mannschaftsarzt des Frauen-Teams vom VfL Wolfsburg und zeichnet seit Jahren für die ärztliche Betreuung der Bundesliga-Mannschaft von Turbine Potsdam verantwortlich. Im Interview mit SPORT1 erklärt er die Verletzung Lewandowskis, beleuchtet die Auswirkungen der Rehabilitation und schätzt die Prognose für den Stürmer ein.

Kein Knochenstück hat sich gelöst

SPORT1: Robert Lewandowski hat einen Anbruch der Schienbeinkante im linken Kniegelenk erlitten. Was ist das?

Dr. Michael Lehnert: Es gibt richtige Brüche der Schienbeinkante am Kniegelenk, wir sprechen von Schienbeinkopfbrüchen. Allerdings sind das Verletzungen, bei denen der Spieler nicht in der Lage gewesen wäre, zu Ende zu spielen. Es gibt aber auch Verletzungen, die wir zwar im Volksmund und zum allgemeinen Verständnis als Bruch bezeichnen, die aber in der Medizin kein echter Bruch sind, sondern eine Vorstufe des Bruchs. Dabei sprechen wir von einem starken "Bone Bruise". Das heißt, im Knochen ist eine Flüssigkeitsansammlung, meistens Blut, durch einen harten Gegenprall, was im Grunde eine Vorstufe zum Bruch ist. Man spricht von Infraktion. Die Knochen stehen nicht auseinander, es hat sich kein Knochenstück komplett gelöst. Aber im MRT, und das wurde sicherlich bei Herrn Lewandowski gemacht, sehen wir, dass es durchaus ein Geschehen im Knochen gibt, das de facto einem nicht verschobenen Bruch entsprechen kann. Mit so einer Verletzung kann man auch durchaus ein Spiel zu Ende bringen.

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SPORT1: Wieso kommt diese Verletzung vielen Fans eher unbekannt vor?

Lehnert: Die Verletzung an sich ist im Fußballgeschäft gar nicht selten, gerade dieser Tibiakopf, also Schienbeinkopf, ist exponiert. Es ist eher eine Frage der Begrifflichkeit. Manchmal wird die Verletzung als schwere Knochenprellung kommuniziert, oder als Knochenmarksödem.

"Lewandowski hat ganz sicher Schmerzen gehabt"

SPORT1: Lewandowski hat trotz der Verletzung durchgespielt. Hatte er sie gar nicht bemerkt? Wie äußert sich diese Verletzung?

Lehnert: Lewandowski hat ganz sicher Schmerzen gehabt. Er wird zu Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt gegangen sein und von Schmerzen berichtet haben, es wird womöglich auch eine äußerliche Prellmarke gegeben haben. In einer MRT-Untersuchung wird die Veränderung am Knochen festgestellt worden sein. Würde man dies weiter im Sinne des Profisports belasten, bestünde die Gefahr, dass aus dieser sogenannten Infraktion ein richtiger, starker Bruch mit Verschiebung der Gelenkfläche würde. Damit wäre die Saison für Lewandowski beendet. Aber nun hat man sich zu einer Ruhigstellung entschieden. Somit wird man es nun ausheilen lassen, um eine Rehabilitation zu beginnen.

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SPORT1: Der Verein sprach von einer "zehntägigen Gipsruhigstellung" und geht von einer Ausfallzeit von "insgesamt rund vier Wochen" aus. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungswerten?

Lehnert: Ja. Der Heilungsverlauf wird im Verlauf natürlich bei MRT-Kontrollen immer wieder angeschaut. Aber es ist das durchaus realistisch, dass er nach rund vier Wochen zurückkehrt. Dabei muss man aber differenzieren: "return to tournament", also Einsatz in einem Spiel nach vier Wochen, oder "return to training"? Ich denke eher, dass er nach vier Wochen erst sein normales Mannschaftstraining wieder aufnehmen wird.

Robert Lewandowski für BVB - Bayern wieder fit?

SPORT1: Ein erhofftes Szenario dürfte sicherlich sein, dass Lewandowski im Bundesliga-Topspiel beim BVB am 4. April eingesetzt werden kann. Das ist möglich, aber offen?

Lehnert: Ich denke, das ist offen. Da wird sich weder der Arzt noch der Verein wirklich festlegen. Schon aus Wettkampfgründen würde auch ich als Verein das Dortmund-Spiel noch nicht öffentlich absagen.

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SPORT1: Wenn mein Bein zehn Tage in einem Gips ruhiggestellt würde, wäre der Muskelabbau bestimmt enorm. Wie wirkt sich das bei einem Profisportler aus?

Lehnert: Völlig richtig, beim Laien oder Breitensportler würde eine zehntägige komplette Ruhigstellung zu einem erheblichen Muskelabbau führen, bis hin zu einer Bewegungseinschränkung im Kniegelenk. Das sieht beim Profisportler anders aus. Er wird vom ersten Tag an permanent eine Rehabilitation haben, die ohne Last ist. Man kann Muskulatur ohne Knochenbelastung bei Laune halten, etwa durch Elektrostimulation. Man wird Physiotraining machen, bestimmte Muskelaktivierungsbehandlungen. Man kann davon ausgehen, dass Robert Lewandowski umfassend betreut wird, und außerhalb dieser Zeit hat er diese Ruhigstellung.

SPORT1: Inwiefern besteht die Gefahr eines erneuten Bruchs?

Lehnert: Das kann durch die Kontrolle ausgeschlossen werden. Niemand wird Robert Lewandowski zu frühzeitig ins Training schicken, wenn man bei entsprechenden Befundkontrollen die Gefahr sieht, dass die Verletzung noch nicht richtig verheilt ist.

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