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München - Um die wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise abzufedern, wird in der Bundesliga die Einführung einer Gehaltsobergrenze diskutiert. Das birgt Gefahren.

In der Stunde der Not, die da vielleicht bald kommen wird, muss auch der Profifußball zusammenrücken.

Es mangelt nicht an Ideen, was geschehen soll in der Phase bis wieder gespielt wird. Und für die danach erst recht. Manches wird sich schnell von selbst wieder erledigen, dazu zählt der derzeit grassierende und sehr lobenswerte Gehälterverzicht der Millionäre.

Aber wenn die akut bedrohten Vereine, die nur selten oder nie in den Genuss von Fernsehgeldern aus Europacupspielen gekommen sind, die keine 70.000 Zuschauer pro Heimspiel haben, die jetzt entstehenden Lücken nie mehr schließen können? Was dann?

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Kind schlägt Gehaltsobergrenze in der Bundesliga vor

Hannovers ehemaliger Präsident Martin Kind, jetzt Geschäftsführer der Hannover 96 Management GmbH, hat im CHECK24 Doppelpass auf SPORT1 einen Salary Cap angeregt, wie er in den USA schon bei einigen Sportarten üblich ist. Also eine Gehaltsobergrenze, wie immer man sie ausgestalten möge. Ein lobenswerter Ansatz gewiss.

Aber noch gewisser dürfte sein, dass Vereine, Spieler und deren Berater Mittel und Wege finden werden, ihn zu umgehen.

Das liegt in der menschlichen Natur und dazu genügt ein Blick in die Bundesliga-Geschichte, zu deren Geburtsfehlern eine derartige Regelung gehörte.

DFB legt Ober- und Untergrenzen für Gehalt fest

Im Unterschied zu den US-Sportarten, wo die Obergrenze sich auf die Gesamtsumme der von einem Verein zu zahlenden Gehälter bezieht, hatte der DFB in seinem Statut 1962 (im Jahr als die Gründung beschlossen wurde) eine Obergrenze für das einzelne Gehalt festgelegt. Eine Untergrenze übrigens auch.

Durften die Topspieler in Oberligazeiten (1948 – 1963), als sie alle noch einem "richtigen Beruf" ausüben MUSSTEN, maximal 400 Mark netto verdienen, so hieß es im für den neuen Typus des Lizenzspielers geschaffenen Lizenzspielerstatut: "Das Grundgehalt eines Spielers muss mindestens DM 250.- im Monat betragen und darf nicht über DM 500.- im Monat hinausgehen."

Das wäre ja nun kein Fortschritt gewesen und im internationalen Vergleich geradezu lächerlich wenig – Fritz Walter wurden von Atlético Madrid schon 1951 6000 DM Gehalt geboten – weshalb die Prämienregelung etwas großzügiger ausfiel: "Die Gesamtbruttobezüge eines Spielers (zusammengesetzt aus Grundgehalt und Leistungsprämien) dürfen in der Regel den Betrag von 1200 DM.- nicht übersteigen."

Also 500 DM Gehalt und maximal 700 DM Prämien – das war die Regel, von der es vom ersten Tag an Ausnahmen gab.

Sonderhonorare für Seeler und Schäfer

Auf Antrag genehmigte der DFB einigen Topspielern Sonderhonorare. HSV-Stürmer Uwe Seeler, Kapitän der Nationalmannschaft bekam ebenso wie Kölns Hans Schäfer, ein Held von Bern, angeblich 2500 DM.

Aber auch weniger Prominente waren privilegiert, man musste als Verein nur dreist genug sein. So schaffte es der 1. FC Nürnberg, gleich für zwölf Spieler Sondergenehmigungen durchzusetzen. Viel mehr hatte eine Mannschaft damals nicht, auch weil Auswechslungen noch verboten waren.

Nun gut, was genehmigt war, das war legal. Geschummelt wurde aber auch – von allen, auch späteren Bundestrainern. War schon der junge Sepp Herberger anno 1923 als erster verurteilter Berufsspieler in die DFB-Geschichte eingegangen, so lud auch der Kaiser Schuld auf sich. Wie Franz Beckenbauer 2003 gestand, fing es bei den Bayern 1964 schon in der damals zweitklassigen Regionalliga (Gehaltsobergrenze: 160 DM) an: "Wir haben damals total gegen das DFB-Statut verstoßen. Ich hoffe nur, dass das verjährt ist. Als 19-Jähriger bekam ich 1500, 2000 Mark netto auf die Hand. Unvorstellbar damals."

Diskret zugestecktes Geld auf die Hand, ohne Rechnung – das war und ist zu allen Zeiten und in allen Branchen der einfachste Weg gewesen, den Fiskus zu umgehen.

Hertha BSC oder HSV umgingen Obergrenzen mit Handgeld

Nicht zu verwechseln mit dem offiziell erlaubten Handgeld, das das Lizenzspielerstatut bei Spielerwechseln erlaubte. Kam ein Spieler von einem Amateurklub, durfte ihm der Bundesligist 5000 DM zustecken, wechselte er innerhalb der Liga 10.000 DM. Mit seinem Regulierungswahn (auch für Ablösesummen und Anzahl der Transfers pro Saison) regelte der DFB nur den Wildwuchs. Denn über die Handgelder wurden die meisten illegalen Gehaltszahlungen gedeichselt.

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Spielausschussobmann Wolfgang Holst, später Präsident und Besitzer einer legendären Fußballerkneipe (Holst am Zoo): "Schon im ersten Jahr der Bundesliga griffen wir tief in die Tasche. Spieler wie Rühl, Klimaschefski oder Beyer haben sehr viel bekommen, nur Rehhagel blieb damals von den Neuzugängen im Limit!"

Als die Praktiken von Hertha BSC, das es wegen der Insellage Berlins besonders schwer hatte, Profis aus der BRD anzulocken, 1965 aufflogen und zum Zwangsabstieg führten, schlug der Klub zurück. Im Juni 1965 nannte Wolfgang Holst in einer Fernsehsendung Ross und Reiter und beschuldigte 13 Vereine, ebenfalls überhöhte Handgelder oder Gehälter zu zahlen.

Auch Spielernamen fielen, darunter Nationalspieler Willi Schulz, dem der HSV 80.000 DM gezahlt haben soll, Stan Libudas Hochverrat von Schalke nach Dortmund zu gehen, erbrachte 50.000 DM und Horst-Dieter Höttges strich für seinen Wechsel von Gladbach nach Bremen 40.000 DM ein. Erlaubt waren – wohlgemerkt – 10.000 DM. Bei solchen Zusatzgeschäften waren die Gehälter nur noch Peanuts.

Der DFB war empört und forderte die angeschuldigten Vereine auf, die Hertha zu verklagen, was sie aber alle schön bleiben ließen. Sie beließen es bei Dementis.

Aber es mangelte auch nicht an Geständnissen, dass die Praxis eben so sei wie sie sei. Horst Barelett, Vize-Präsident des HSV, wurde im Juli 1965 vom Spiegel so zitiert: "Jeder Verein hat seine Masche um das Statut auszuhöhlen, ohne ertappt zu werden."

Ganz vorne auch da wieder dabei: Hertha BSC. Manager Holst war von Beruf Vertreter von Spielautomaten. Plötzlich waren sechs seiner Spieler, die genug Platz oder eine Lokalität dafür hatten, einen Spielautomaten, die laut Spiegel "monatlich bis zu 800 Mark einspielten".

Seeler, Schäfer oder Kuzorra wurden zu "Kleinunternehmern"

Lokalitäten wie Tankstellen, Kneipen und Lottoannahmeläden hatten nach dem Krieg viele Fußballer dank Vermittlung ihrer Klubs.

Fritz Walter, der die Bundesliga nicht mehr aktiv erlebte, besaß gar ein Kino und einen Waschsalon, finanziert von einem großzügigen Darlehen seines FCK (45.000 DM), weshalb er vors Sportgericht musste. Der als Zeuge geladene Sepp Herberger boxte ihn raus, verurteile wurde nur der 1. FC Kaiserslautern. Die Praxis der "geldwerten Vorteile" stoppte das nicht. Legendär sind die Bilder von Willi Schulz am Zapfhahn seiner Kneipe. So wurde das damals eben nicht nur auf Schalke geregelt, wo Ernst Kuzorras Tabakwarenhandlung wie selbstverständlich an Stan Libuda vererbt wurde.

Uwe Seeler verkaufte Schuhe für adidas, Willi Schulz war plötzlich Leiter einer Versicherungsvertretung, "in die sich ein Anwärter ohne Protektion erst einkaufen müßte" (Spiegel). Kölns Hans Schäfer verkaufte dank der Fürsorge von Präsident Franz Kremer Geschenkartikel, Kollege Hans Sturm war Pächter einer Tankstelle. Alles Jobs, für die man nicht studiert haben muss und die regelmäßige Einnahmen garantieren.

Noch einen Trick hatten die Kölner auf Lager: statt des Mittwochstrainings bestritten sie zuweilen ein Freundschaftsspiel gegen leichte Gegner und honorierten die Spieler auch dafür mit 250 DM Siegprämie, das Statut hatte das nicht ausgeschlossen.

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Der DFB konnte nichts dagegen sagen, er wusste ja selbst dass sein Statut in puncto Bezahlung nur ein Kompromiss war, der keinen zufrieden stellte.

Das sah man aus den beinahe jährlichen Anhebungen der Obergrenze, auf jedem Bundestag wurde das Thema gestellt. 1964/65 durften schon 2200 DM bezahlt werden, was immer noch allgemein belächelt wurde. Ob direkt oder indirekt bezahlt, die Kölner Topspieler – gestand Franz Kremer 1966 – bekamen schon bis zu 60.000 DM im Jahr.

Bundesliga-Skandal sorgt für Abschaffung von Gehaltsobergrenzen

Trotzdem beharrte der DFB auf seinem Ideal vom Hochleistungsamateur, offiziell waren die Bundesligaspieler immer noch keine Profis. Weshalb die Obergrenze sich zwar ständig veränderte, aber so lange blieb bis es zum Skandal kam. Denn der wiederum war auch wegen der unzeitgemäßen Bezahlung entstanden.

Im Frühjahr 1971 nutzen mindestens 52 Spieler – wahrscheinlich viel mehr – die Gelegenheit aus, sich durch Manipulation von Spielen im Abstiegskampf etwas dazuzuverdienen. Jeder Schalker, der beim 0:1 gegen Bielefeld dabei war, bekam beispielsweise 2300 DM von der Arminia. Damals ein Monatsgehalt, über das ein Karl-Heinz Schnellinger, der in Italien schon 100.000 DM im Monat einstrich, nur gelacht hätte. Für kurz gehaltenen Bundesligaprofis war es ein lukratives Schnäppchen. Der verurteilte Schalker Klaus Fischer, später Nationalstürmer und 1982 Vize-Weltmeister, sagt bis heute zerknirscht: "Dümmer kann man nicht sein."

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Der DFB ermittelte streng, sperrte viele Spieler, einige lebenslänglich. Aber er ging endlich auch mit der Zeit und ließ am 15. April 1972 mittels eines Beiratsbeschlusses verkünden: "In der Bundesliga können Vereine und Spieler die Bezüge frei aushandeln." Ein einzelner Satz, elf Worte – die den Gründern der Bundesliga auch schon hätten einfallen sollen. Wie sagte doch der Anwalt von Hertha BSC, Paul Rooge, 1965? "Das Bundesliga-Statut hat den Nachteil seines größten Vorzugs – seine Schöpfer waren Idealisten."

Martin Kind steht nicht in diesem Ruf ein solcher zu sein, jetzt muss die Stunde der Realisten schlagen.

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