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München - Eine Corona-Infektion kann auch für junge und gesunde Fußballer zur Gefahr werden. Wie gehen die Klubs mit den damit verbundenen Ängsten der Spieler um?

Man kann es sich einfach machen.

Fußball-Profis, könnte man sagen, sind die, die sich in den aktuellen Zeiten am wenigsten zu beklagen haben. Viel Geld auf dem Konto, ein privilegiertes Leben, kein Grund sich zu beklagen – egal, ob es mit der Bundesliga nun weitergeht trotz Corona oder nicht.

Vieles davon ist richtig, einerseits. Und andererseits gibt es doch nicht das ganze Bild wieder. Auch gut verdienende Sportler haben ältere und vorerkrankte Verwandte, um die sie sich inmitten der Virus-Pandemie Gedanken machen. Und auch Sorgen um ihre eigene Gesundheit und was die längst nicht auserforschte Covid-19-Erkrankung mit ihr anrichten kann.

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Weshalb letztlich doch gar nicht so unwichtig ist, sich zu fragen: Was sollen Fußballklubs eigentlich tun, wenn Spieler beim viel diskutierten Projekt Liga-Neustart gar nicht mitmachen wollen? Wenn sie dem Hygienekonzept der DFL nicht trauen und aus Corona-Angst lieber zu Hause bleiben wollen?

Verstraete bekommt "Maulkorb" verpasst

Birger Verstraete, Mittelfeldspieler des 1. FC Köln, hat am Wochenende ein Schlaglicht auf dieses Thema geworfen, als er in seiner belgischen Heimat ein Interview zu den drei positiven Corona-Tests in seinem Klub gab – und darin vor allem die Sorge um seine am Herzen vorerkrankte Freundin in den Mittelpunkt rückte.

Der 26-Jährige warf dabei auch die Frage auf, was seine Fußballer-Kollegen wohl wirklich über die Frage "Neustart oder Abbruch" dächten ("Wenn jeder Spieler anonym entscheiden könnte, bin ich sehr gespannt, wie die Abstimmung ausgehen würde").

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Weil Verstraete gleichzeitig den Eindruck nährte, dass die Kölner im Training doch nicht so penibel auf Abstands- und Hygieneregeln geachtet hätten wie die Vereinsärzte und -verantwortlichen versicherten, wirbelte das Interview noch mehr Staub auf.

Der Versuch einer Klarstellung des Klubs – in der auch Verstraete zurückruderte – folgte schnell und bewirkte womöglich das Gegenteil dessen, was es bewirken sollte.

"Da hat der 1. FC Köln seinen Spieler sehr schnell eingefangen und ihm mitgeteilt: Bitte, das und das hast du jetzt zu sagen", kommentierte SPORT1-Experte Reinhold Beckmann im CHECK24 Doppelpass. Von einem "Maulkorb" spricht der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, der emsigste Gegner des Liga-Neustarts.

Noch mehr als vorher drängt sich Kritikern der Eindruck auf: Von den Spielern wird jetzt Gehorsam und Korpsgeist verlangt.

Berichte aus den USA sorgen für Schaudern

Kein schöner Eindruck. Vielleicht sogar ein verhängnisvoller, wenn man bedenkt, wie hart die Fußball-Verantwortlichen mit ihren Neustart-Plänen gerade zu kämpfen haben um das Wohlwollen von Politik und Gesellschaft.

Und auch um das Vertrauen ihrer wichtigsten Angestellten.

In der Diskussion um den Gesundheitsschutz ist schließlich zu beachten, dass das Coronavirus nicht nur für Alte und Vorerkrankte im Umfeld der Spieler zur existenziellen Gefahr werden kann.

Bei Junior Sambia, einem 23 Jahre Mittelfeldspieler des HSC Montpellier, nahm die Krankheit einen so schweren Verlauf, dass er zwischenzeitlich ins künstliche Koma versetzt werden musste.

Der studierte Mediziner Lauterbach warnt die Spieler zudem vor "Schäden an Lunge, Herz und Nieren", wenn sie mit einer Covid-19-Erkrankung trainieren.

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Hinzu kommt, dass längst nicht alle Folgeschäden einer Infektion genau erforscht sind: Für Schaudern sorgten zuletzt etwa Berichte aus den USA, dass auffällig viele jüngere Covid-19-Patienten ohne Vorerkrankungen Schlaganfälle erlitten.

Auf einen harmlosen Erkrankungsverlauf können also auch junge und gesunde Fußballprofis nicht vertrauen. Umso mehr müssen sie, wenn der Trainings- und Spielbetrieb mit Vollkontakt wieder losgehen soll, auf das Test- und Hygienekonzept der DFL vertrauen.

Rein rechtlich betrachtet ist das "müssen" sogar wörtlich zu nehmen.

Sportjurist: "Zwang auszuüben ist falsche Herangehensweise"

"Wenn der Verein alle geforderten Hygiene-Vorschriften einhält und die zuständigen Behörden den Trainings- und Spielbetrieb in der Bundesliga zulassen, kann einem Fußballprofi das Erscheinen am Arbeitsplatz angeordnet werden", erklärt der profilierte Sportjurist Jörg von Appen im Gespräch mit SPORT1. Ein Spieler "müsste schon erhebliche Bedenken anmelden, um diesen Grundsatz auszuhebeln".

Allerdings warnt auch der Rechtsexperte die Klubs davor, blind auf die Gesetzeslage zu pochen: "Zwang auszuüben, selbst wenn dies rechtlich möglich ist, halte ich für die falsche Herangehensweise."

In diesem Sinne versicherte auch Klaus Filbry, Geschäftsführer von Werder Bremen, am Sonntag im Dopa einen sorgsamen Umgang mit seinen Akteuren.
"Grundsätzlich ist der Weg der Überzeugung ist der richtige", erklärte er: "Wir haben ein engmaschiges Konzept vorgelegt, das durch drei Ministerien gegangen ist, was vom Gesundheitsamt geprüft wurde. Dann muss man mit dem Spieler vernünftig reden und versuchen, ihn zu überzeugen."

Gerade auch "wenn es Sondersituationen gibt, dass Spieler in ihrem engsten Kreis Risikogruppen haben, muss man damit verantwortungsvoll umgehen".

Bei Kölns Birger Verstraete sieht der Umgang mit der Sondersituation nun übrigens so aus: Verstraete hat in der Klarstellung des FC versichert, er wolle "weiter im Training und im Spiel beim FC alles geben und möchte die Saison in Köln zu Ende spielen".

Seine am Herzen vorerkrankte Freundin werde "nach Hause nach Belgien fahren und dort erstmal bleiben".

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