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München - Salomon Kalous Video wirft die Frage auf, ob andere Klubs mit den Hygiene-Vorschriften ähnlich unvernünftig umgehen. Der SPORT1-Report zeigt eine klare Tendenz.

Salomon Kalou hat mit seiner demonstrativ zur Schau gestellten Missachtung diverser Hygienevorschriften bei Hertha BSC dafür gesorgt, dass er selbst suspendiert und eine ganze Branche unter Generalverdacht gestellt wird. 

Der fast einhellige Vorwurf lautet, dass es in nahezu jedem der 36 Klubs der Bundesliga und 2. Bundesliga derart zugeht, wie im kurzen Ausschnitt von Kalous längst gelöschtem Facebook-Video: Mit vollen Kabinen und Spielern, welche die peniblen Hygiene-Vorschriften nicht einhalten und Corona-Tests (im Hertha-Fall im Mundraum des Spielers), deren vorschriftsmäßige Durchführung zumindest angezweifelt werden darf.

Wie sieht es in der Praxis bei anderen Verein aus? Antworten darauf im SPORT1-Report.

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Als einer der Vorzeigeklubs in Sachen vorschriftsmäßiger Umsetzung sämtlicher Hygiene-Vorschriften seitens der DFL gilt der FC Bayern. Mundschutz tragen die Bayern-Verantwortlichen nicht nur medienwirksam bei offiziellen Fotos nach Vertragsverlängerungen (zuletzt bei Hansi Flick). Spieler und Bosse tragen die Masken an der Säbener Straße in den Bürogebäuden und im Kabinentrakt auch immer dann, wenn es angebracht und vorgeschrieben ist. 

Über etwaige Maßnahmen der DFL unterrichtet Team-Managerin Kathleen Krüger die Spieler regelmäßig, Klub-Mitarbeiter Johannes Mösmang übersetzt für die ausländischen Spieler. Ein wichtiger Ansprechpartner für die Bayern-Stars ist zudem FCB-Internist und Kardiologe Dr. Roland Schmidt. Aus der Mannschaft ist zu hören, dass alle Spieler sehr vorsichtig seien, auf Händeschütteln wird verzichtet, die Spieler duschen nach den Einheiten zu Hause. 

Gehen die Bayern nach Unterschleißheim?

Auf SPORT1-Nachfrage teilten die Münchner mit: "Der FC Bayern hält sich bei der Durchführung des Trainingsbetriebes an die Vorgaben des entsprechenden Konzeptes der DFL, somit an die Empfehlungen und Vorgaben der Politik und der Gesundheitsämter. Der FC Bayern nimmt seine gesellschaftliche Verantwortung, die grundsätzlich jedem zufällt in so einer Zeit, sehr ernst.”

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Den ersten Corona-Test am 6. April führten die Mannschaftsärzte Prof. Dr. Peter Ueblacker und Dr. Jochen Hahne aus. Die beiden Orthopäden nahmen einen Abstrich aus dem Rachenraum der einzelnen Spieler. Am Dienstagvormittag stand für die Mannschaft der nächste Corona-Test an. Die Ergebnisse waren nach SPORT1-Informationen erneut durchgehend negativ.  

Zudem laufen die Planungen für den möglichen Beginn des Spielbetriebs auf Hochtouren, denn die DFL schreibt vor: "Um die Sicherheit zu erhöhen, dass der Spielbetrieb ohne Infektionsfall beginnt, werden wir veranlassen, dass die Klubs vor Beginn des Spielbetriebs eine Quarantäne-Situation in Form eines Trainingslagers herstellen."

Nach SPORT1-Informationen überlegt man beim FC Bayern, sich für eine Woche im "Infinity" niederzulassen, dem Mannschaftshotel in Unterschleißheim. Um zu trainieren und aus Gründen der Logistik überlegt man zudem, auf dem Bayern-Campus im Münchner Norden, statt im Süden an der Säbener Straße zu trainieren. 

Der 1. FC Köln, bei dem sich unlängst zwei Spieler mit Corona infizierten, zieht sein Quarantäne-Trainingslager wohl vor und wohnt möglicherweise ab Ende dieser Woche im Dorint-Hotel in der Innenstadt. RB Leipzig wird hingegen die Einzelzimmer am vereinseigenen Trainingszentrum nutzen.

Subotic gibt die Richtung vor

Auch beim SC Freiburg hält man sich penibel daran, in der Corona-Krise vorbildlich zu agieren. Aus der Mannschaft ist zu hören, dass sich der gesamte Kader extrem diszipliniert verhalte, sich seit Wochen nicht die Hände geschüttelt wurden.

Dazu gibt es auch kaum Gelegenheiten, denn die meisten Spieler fahren bereits mit Trainingssachen im Auto vor, wechseln nur die Schuhe, trainieren und fahren mit sauberen Klamotten wieder nach Hause, wo geduscht wird. Trainiert wurde zuletzt in Vierer-Gruppen unter strenger Aufsicht von Trainer Christian Streich. Der, so wird berichtet, macht schon mal lautstarke Ansagen, wenn vorgeschriebene Abstände von 1,5 Metern nicht eingehalten werden.

Ähnliches erfährt man von Union Berlin. Den Spielern stehen mehrere Kabinen am Trainingsgelände zur Verfügung, in der Regel halten sich drei Leute pro Kabine auf. Dort allerdings obliegt es den Spielern, ob sie die sanitären Anlagen des Vereins nutzen, oder in den eigenen vier Wänden duschen.

Physiotherapeuten tragen bei der Behandlung einen Mund-Nasen-Schutz, auch beim Krafttraining an den Geräten wird auf maximale Hygiene Wert gelegt. "Ich persönlich nehme die Vorschriften sehr ernst", sagt Union-Routinier Neven Subotic im Gespräch mit SPORT1. "Wichtig ist auch, dass es die jungen Spieler allesamt verstehen. Führungsspieler wie Christian Gentner, Michael Parensen oder ich wollen gute Vorbilder sein und leben Seriosität vor. Wir wollen unserer Mannschaft damit Orientierung geben."

Vorbildlich agiert man auch bei Borussia Dortmund. Auf SPORT1-Nachfrage wollte sich seitens des Vereins zwar niemand offiziell zum Kalou-Vorgang äußern, das dort Gesehene hat die Dortmund-Bosse allerdings gehörig brüskiert, zumal der Verein selbst alles dafür tut, die Hygiene-Vorgaben konsequent einzuhalten.

WhatsApp-Gruppe beim BVB

Am Trainingsgelände in Brackel wird derzeit in Achtergruppen trainiert, vor dem Eintreten in den Kabinentrakt werden die Spieler allesamt auf Fieber gemessen und müssen angeben, ob sie zuletzt Krankheitssymptome hatten. Am Empfang müssen sie zudem ihre Hände ausreichend desinfizieren. Im schwarz-gelben Kabinentrakt hängen Hygiene-Richtlinien auf Deutsch, Englisch und Französisch, zudem herrscht striktes Dusch-Verbot.

Essen können sich die BVB-Stars mit nach Hause nehmen. Über die aktuellen Corona-Maßnahmen werden die Spieler in einer separaten WhatsApp-Gruppe auf dem Laufenden gehalten, in der unter anderem Chefarzt Dr. Med. Markus Braun drin ist. Braun gehört der DFL-Task-Force an und wirkte am Hygiene-Konzept mit.

Ähnliche Sicherheitsmaßnahmen gibt es bei Eintracht Frankfurt, wo sich im März zwei Spieler und zwei Staff-Mitglieder mit dem Corona-Virus infiziert hatten. Bei der SGE parken die Profis in einer Tiefgarage, müssen dann direkt einen Screening-Raum betreten, bevor sie überhaupt ins Gebäude kommen. 

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Darin befragen die Teammanager Christoph Preuß und Thomas Westphal die Spieler nach Symptomen wie Husten oder Schnupfen und messen Fieber. Weist ein Spieler eine Kerntemperatur von 37,5 Grad Celsius auf und hat obendrein coronatypische Anzeichen, wird umgehend Mannschaftsarzt und Dr. Florian Pfab informiert, der zudem Hygienebeauftragter des Vereins ist.

Interessant: Corona-Tests (zweimal pro Woche) werden bei der Eintracht von einer externen Labor-Ärztin eines bezahlten, unabhängigen Dienstleisters durchgeführt. Essen können sich die Spieler per Team-App nach Hause bestellen, zudem gibt es Lunch-Pakete.

App fragt HSV-Profis nach Wohlbefinden

Diese können sich auch die Spieler von Fortuna Düsseldorf wöchentlich zusammenstellen, denn zusammen Essen am Trainingsgelände ist nicht erlaubt. Die Pakete stellen sich die Profis selbst zusammen, mal wird Salat gewählt, mal Nudeln, auch glutenfreie Produkte sind bestellbar.

Zu nahe kommen sich die Düsseldorfer auch nicht, denn sie sind in bis zu neun Kabinen aufgeteilt, sitzen darin mit bis zu drei Spielern mehrere Meter voneinander entfernt. Wie beim Hamburger SV müssen die Spieler ihre Trainingsklamotten zu Hause selbst waschen.

Um Infektionen zu vermeiden, setzt man beim Zweitligisten auch auf digitale Hilfe. Vor jedem Training werden die Spieler mittels einer speziellen App nach ihrem Wohlbefinden befragt. Halskratzen? Schlappgefühlt? Gliederschmerzen? Schnupfen? Erst wenn alle Fragen mit 'Nein' beantwortet sind und die Fiebermessung keine Auffälligkeiten zeigt, darf man in die Kabine gehen – wo ebenfalls absolutes Handschlag-Verbot herrscht.

Beim HSV gibt es derzeit drei Trainingsgruppen, die auf Cheftrainer Dieter Hecking und dessen Co-Trainer Tobias Schweinsteiger und Dirk Bremser aufgeteilt sind. Zum Ankleiden weichen Heckings Assistenten auf den benachbarten Campus aus. Jede Trainings-Gruppe hat zudem einen eigenen Teammanager sowie einen, maximal zwei Physiotherapeuten, die immer mit Schutzmaske behandeln.  

Beim SV Werder Bremen wurden die Kleingruppen ebenfalls auf die Cheftrainer Florian Kohfeldt und seine Co-Trainer aufgeteilt. Die Werderaner stehen zudem unter großer Beobachtung der Bremer Behörden. Am Dienstag nahm Anja Stahmann, Sportsenatorin Bremens und Vorsitzende der Sportministerkonferenz zum Kalou-Skandal bei einer Pressekonferenz im Senat Stellung. 

TSG: Verhaltenstipps per Video

"Der Fall zeigt, wie schwierig es im Einzelfall sein kann, alle Beteiligten von der Notwendigkeit von Schutzmaßnahmen zu überzeugen – und die Maßnahmen dann auch konsequent durchzuhalten. Die Debatte um die baldige Wiederaufnahme der Liga-Spiele hat durch den Vorgang jedenfalls einen deutlichen Dämpfer erlitten", so Stahmann.

Auch aus Hoffenheim hört man allerdings keine Hertha-ähnlichen Zustände. Auf SPORT1-Nachfrage teilte der Verein mit: "Natürlich versuchen wir, die Vorgaben sehr gewissenhaft umzusetzen." Und weiter: "Im Trainingszentrum herrscht seit Mitte März Besucher-Sperre und auch die Mitarbeiter sind nahezu alle im Homeoffice, um die Personenzahl vor Ort auf ein Minimum zu beschränken. Zum Spielerbereich haben nur berechtigte Personen zutritt."

Die TSG trainiert auf vier Trainingsplätzen in Zuzenhausen in Kleingruppen. In Tageszimmern, die wie bei RB Leipzig Hotelzimmern ähneln, können die Spieler duschen, bevor sie nach Hause fahren. Erst danach trifft die nächste Trainingsgruppe ein.

Um die Spieler für die Hygiene-Regeln zu sensibilisieren, produzierte die vereinsinterne Medienabteilung schon vor Wochen ein Video, die Verhaltenstipps im Trainingszentrum erklärt, etwa die Begrüßung per Ellenbogen. Einer der Absender war Mannschaftsarzt Dr. Ralph Kern, der als Hygienebeauftragter auch die Corona-Tests durchführt.

Wie am Dienstag bekannt wurde, haben sich bei Borussia Mönchengladbach nach Medienberichten ein Spieler und ein Physiotherapeut mit dem Coronavirus infiziert, beide befinden sich nun in häuslicher Quarantäne.

Mainz nutzt zahlreiche Kabinen

Auf SPORT1-Nachfrage teilte der Verein mit: "Die Einhaltung der Hygienevorschriften nach dem Konzept der Taskforce der DFL werden fortlaufend kontrolliert. Unsere Spieler gehen sehr diszipliniert und verantwortungsbewusst mit diesen Regelungen um. Die Spieler werden fortlaufend auf den Ernst der Situation hingewiesen, wir haben nicht den Eindruck, dass sie dies unterschätzen." Bei der Fohlenelf führt der Mannschaftsarzt die Corona-Tests durch, wird dabei von einem Physiotherapeuten unterstützt.

Ähnlich wie in Berlin, denn im Kalou-Video war deutlich zu sehen, wie Physiotherapeut David de Mel einen Abstrich bei Jordan Torunarigha nahm, was laut des DFL-Hygienekonzepts übrigens nicht zwingend verboten ist, denn dort heißt es lediglich: "Die Organisation der Untersuchungen (nicht notwendigerweise deren Durchführung) und die Dokumentation der Ergebnisse verantwortet für jeden Klub der jeweils leitende Mannschaftsarzt."

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Da die Gefahr allerdings hoch ist, dass Abstriche unsachgemäß durchgeführt werden und dadurch Corona-Viren gar nicht erst nachgewiesen werden können, setzt der Großteil der Vereine bei der Durchführung der Tests auf Spezialisten - wie ihre Mannschaftsärzte. Ob zum Nachweis des Corona-Virus SARS CoV-2 ein Abstrich aus dem Mund- oder Nasenraum entnommen wird, obliegt den Vereinen und den Spielern. Manchen Spielern werden auf beiden Wegen Abstriche entnommen.

Bei Mainz 05 und beim VfB Stuttgart ist es den Spielern in Corona-Zeiten übrigens untersagt, die medizinischen Bereiche des Vereins ohne einen festen Termin betreten zu dürfen. Durch die Nutzung zahlreicher Kabinen (u.a. die der Profis, Amateure, Gäste) wird auch beim 1. FSV penibel auf die Abstände zwischen den Spielern geachtet.

Fazit: Um die Fortsetzung der Bundesliga unter strenger Einhaltung der DFL-Hygienemaßnahmen gewährleisten zu können, legen sich die Vereine mächtig ins Zeug. Klar ist aber auch, dass die Hauptverantwortung der Umsetzung bei den Spielern liegt.

Auch Kalou hat das mittlerweile begriffen. "Wenn ich den Fehler rückgängig machen könnte, würde ich es tun", sagt der Ivorer im SPORT1-Interview. "Das Wichtigste ist, dass wir alle gesund sind. Ich nehme das Virus jedenfalls sehr ernst, auch wenn mein Video vielleicht nicht den Eindruck gemacht hat." 

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